Ich verließ die Taverne in Anrea und machte mich wieder auf den Weg.
Wo ich hin wollte, wusste ich nicht, doch ich musste diesen Ort, an dem Kirren gewesen war, einfach verlassen.
Ständig dachte ich über diese Sanduhr nach. Den Traum, den ich gehabt hatte. Den Kampf gegen das Wesen aus der Sanduhr. Es war doch Kirren gewesen, der gekämpft hatte?
Doch wie konnte das sein? Er war doch derjenige, der mich gefoltert hatte.
Wieso sollte er mir dann geholfen haben?
Es musste ein Traum gewesen sein. Mein eigener Traum. Aber die Stimme war nicht mehr da. Wie konnte das sein?

Während ich weiter durch Wälder lief, fragte ich mich, wem ich überhaupt noch glauben konnte. Sie hatten mich alle aufhalten wollen, haben Kirren geschützt und mich nicht einmal an ihn heran gelassen, als ich keine Waffen bei mir trug.
Lediglich dieser seltsame Schädel, der mit mir gesprochen hatte… Er hatte mir irgendwie helfen wollen… Und es war nach hinten losgegangen. Beinahe wäre Conner wegen mir gestorben.
Doch das war meine eigene Schuld gewesen.
Ich war wie besessen davon, Kirren töten zu wollen.
Dass er für seine Taten bereuen musste, das war mir immer noch klar. Ich würde ihn auch immer noch am liebsten töten. Aber nicht, indem ich meine Freunde gefährde.

Ich dachte weiter über die Geschehnisse nach und kam bald zu einer großen Stadt.
Verwirrt sah ich mich um, zog meine Kapuze etwas tiefer ins Gesicht und versuchte, unauffällig zu bleiben.
Leider war es mitten am Tag und so durchquerten sehr viele Menschen diese Stadt.
Sie redeten über die neusten Waren in diesem Land, über das Wetter, die Miliz und das Leben an sich. Sie sprachen von Göttern verschiedenster Art und von Schlachten, die irgendwo geführt wurden.
Es interessierte mich nicht besonders, ich wollte einfach nur so schnell wie möglich durch diese Stadt hindurch, denn sie wirkte so kalt und abweisend.

Bald erreichte ich das Armenviertel der Stadt. Ein Zeichen dafür, dass ich es fast geschafft hatte.
Hier saßen zahlreiche Bettler an den Rändern der Straße und es erinnerte mich an Burg Grenzstein.
Ich lief etwas schneller, damit mich keiner von ihnen ansprechen oder an meiner Kleidung zerren konnte.
Es kam mir zwar ungerecht vor, doch was sollte ich tun. Gerade ich?

Hinter der Stadt lagen unzählige, riesengroße Felder, auf denen vermutlich Getreide angebaut wurde.
Ich lief über einen ausgetretenen Weg zwischen den Getreidepflanzen hindurch und sah in der Ferne eine Hütte, die mir bekannt vorkam.
Je näher ich kam, desto klarer wurde es für mich. Es war die Taverne, die hinter den Sümpfen lag. Die Taverne, bei der ich Breeg und Conner kennengelernt hatte. Wo diese seltsamen Wesen beinahe Conner getötet hatten.
Wie war ich hier nur wieder gelandet?
Doch es freute mich, zumindest eine Taverne gefunden zu haben.
Es war ein bisschen wie früher.
Zu der Zeit, als alles irgendwie anders war. Einfacher.
Ich erreichte den überdachten Vorplatz der Hütte und sah mich um.
Lynx saß dort. Sie erkannte mich sofort und erhob sich.
Doch mir fiel noch etwas anderes auf.
Ein Mann saß mit dem Rücken zu mir.
Langes, dunkelblondes Haar. Eine weiße Tunika.
Ich erstarrte.
Das musste eine Verwechslung sein.
„Anastasya!“, sprach Lynx mich an.
Ich nickte, starrte aber weiterhin zu dem jungen Mann, der an dem Tisch saß.
„Anastasya. Ich muss mit dir reden. Ich.. ich hatte Angst, dass du stirbst. Ich wollte nicht, dass du Kirren tötest, weil du gesagt hast, dass du nach Walhalla kommst. Das heißt doch, dass du stirbst!“. Sie wirkte sehr verzweifelt.
„Da. Aber habe ich gesagt, habe ich Möglichkeit, nach Walhalla zu kommen. Nicht, dass ich komme direkt hin.“, erwiderte ich schroff. Ich wusste nicht, ob ich ihr glauben kann. Ich wusste nicht, wem ich überhaupt noch glauben konnte.
„Ich denke, das habe ich falsch verstanden. Es tut mir Leid.“, gab sie zurück.
Ich nickte nur.
„Kirren?“, fragte ich leise und warf einen Blick in Richtung des Tisches.
„Ja. Er redet mit einer Magierin. Und irgendwas ist mit seinem Auge, er hält es immer seltsam zu.“, erwiderte sie.
„Auge?“, wiederholte ich. Ich konnte es ahnen. Mein Körper erzitterte.
Nicht schon wieder.
Ich musste es zu Ende bringen, bevor er weitere Menschen foltern würde.
Aber erst musste ich ihn zur Rede stellen.
Ich musste wissen, was er dort in Anrea gemacht hatte.
Es verwirrte mich viel zu sehr.

Bruchas erhob sich.
„Hallo Anastasya.“. Er wirkte viel zu freundlich. Ich glaubte ihm kein Wort und grummelte nur zur Antwort.
„Danke, freut mich auch, Euch zu sehen.“, erwiderte er.
Ich murrte nur kurz und starrte weiter zu Kirren herüber.
Er war es wirklich.
Lynx hatte es mir bestätigt.
Nur wieso blieb sie so ruhig?
Und was war das für eine Frau, die Kirren gegenüber saß?
Sie trug blaue Kleidung und… war mit Sicherheit eine Magierin.
Wie konnte es sein, dass sie sich so ruhig mit ihm unterhielt?
Es handelte sich doch um Kirren…
Nein. Das war die Möglichkeit. Ich musste einfach wissen, was los ist.

Ich nahm den Dolch aus meiner Tasche. Ich wollte Kirren nicht töten. Vorerst. Aber er würde mir sonst wohl keine Antwort geben. Und er war ebenfalls bewaffnet. Ich konnte ja nicht wissen, wie er reagieren würde.
Ich ging auf den Tisch zu, dann drückte ich ihn beiseite und hielt ihm das Messer in Richtung Kehle.
„Kirren!“, schrie ich wütend. „Was hast du gemacht?“
Er war sichtlich verwirrt, blickte mich an und dann sah ich auch sein Auge. Das rote. Wie es mich anstarrte. Wütend. Böse. Nicht nur die Farbe unterschied sich, auch der Ausdruck. Verwirrung und Hass nebeneinander. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Er schüttelte mich ab und wir landeten auf dem Boden der Taverne.
„Was hast du gemacht?“
Um mich herum gerieten die Leute in Aufruhr und es dauerte nicht lange, bis mich wieder Jemand festhielt.
„Was ist hier los?“, wurde gefragt.
Ich hatte keine Lust mehr, Fragen zu beantworten und ich hatte keine Lust mehr, mich festhalten zu lassen.
Niemand hatte eine Ahnung. Niemand wusste, was dort im Wald passiert war.
Was gab ihnen das Recht, sich ein Urteil zu bilden?

„Junge Dame, ganz ruhig bleiben.“, versuchte diese Magierin, mich zu beruhigen.
Doch ich würde mir nicht schon wieder die Möglichkeit nehmen lassen, ihn zu töten.
„Das ist übrigens Anastasya.“, erklärte Kirren, während mich wieder Jemand festhielt.
„Oh. Anastasya. Schön…“, gab sie zurück.
Ich schüttelte den Kopf.
Wieso wusste sie von mir?
Ich riss mich los und näherte mich wieder Kirren, doch dieser schrie auf einmal auf und ging zu Boden.
Es war mir egal.
„Kirren!!!“, schrie ich wieder und wollte mich auf ihn stürzen, doch wieder einmal wurde ich festgehalten.
Kirren rannte los und ich versuchte, ihm zu folgen.
Er lief hinter das Tavernengebäude.

Ich hörte die Leute, die hinter mir her liefen. Sie riefen mich. Sie wollten, dass ich stehen bleibe.
Doch diesen Gefallen würde ich ihnen nicht tun.
Ein weiteres bekanntes Gesicht war Kirren und mir gefolgt.
Breeg.
Ich hatte ihm seit dem Phönixnest nicht gesehen.
Seit dem Ritual.
War es ihm gut ergangen?
Es ging alles auf einmal. Ich konnte nicht denken. Es war keine Zeit.
Diese Magierin kam dort an.
Ein anderer Mann erreichte uns ebenfalls.
Sie redeten auf mich ein, doch ich verstand kein Wort. Ich hörte nicht einmal etwas.
Ich hörte mich nur etwas von einer Folter reden. Davon, dass Kirren sterben musste. Dass er Rache erfahren musste. Doch was sie antworteten, bekam ich nicht mit.
Wollte ich ihnen nicht zuhören?
Konnte ich es nicht?
Vermutlich beides.
Kirren lag am Boden.
Breeg auch.
Und bevor ich etwas tun konnte, wurde Breeg ein Dolch in sein Fleisch gerammt.
Dann rannte Kirren. Und ich rannte hinterher.
Die anderen wollten mich aufhalten, doch ich tobte und wütete, bis sie mich ließen. Sie hatten gar keine Wahl. Sie mussten mich loslassen.
An der Wiese angekommen, schlug er mir zweimal ins Gesicht.
Ich taumelte zurück und blinzelte die Verschwommenheit weg.
Kirren zog sein Schwert.
Er hielt es in der Hand. Er kam auf mich zu.
Ich wollte mich aufrappeln, wollte mich erneut mit meinem Dolch auf ihn stürzen, doch dann war es schon zu spät.
Der dunkle Stahl durchschnitt das Fleisch an meinem Knie und ich schrie vor Schmerzen auf und blieb am Boden liegen.

Lynx kam sofort zu mir.
„Anastasya, was ist?“
Ich knurrte wütend. „Kirren.“
„Lass mich dir helfen!“
Ich nickte langsam und versuchte, das linke Bein auszustrecken.
Das Blut floss aus der Wunde und benetzte den braunen Stoff der Hose. Es war klebrig und warm.
Doch ich war wütend. Am liebsten wäre ich sofort weiter hinter Kirren her gelaufen, aber mir war klar, dass ich dann sterben konnte.
Was fiel ihm überhaupt ein?
Und wieso griff niemand ein?
Wieso tötete ihn niemand?
Lynx schüttete Metka über die Wunde und ich schrie auf.
Wie immer wünschte ich mir, den Metka getrunken zu haben, anstelle ihn auf irgendeiner dämlichen Verletzung verschwendet zu haben. Doch es half nichts.
„Du weißt, was jetzt kommt.“, kündigte Lynx an und ich nickte leicht. Natürlich wusste ich das.
Sie würde die Wunde nähen.
Sie würde mir eine Nadel durch meine Haut stechen. Wieder und wieder.
Und sie fing an.
Ich schrie auf.
Der erste Stich.
Ich hasste es.
Die Haut spannte sich extrem und ich hatte schon nach dem ersten Stich überhaupt keine Lust mehr, ruhig sitzen zu bleiben.
Wieso konnte eine solche Wunde nicht normal verheilen?

Nach weiteren sechs Stichen und sechs weiteren Schreien hatte ich es endlich geschafft.
Etwas benommen erhob ich mich. Waren das schon die Auswirkungen des Blutverlustes?
Ich erblickte Conner und Breeg. Sie waren hier. Wie lange schon? Breeg hatte ich bereits hinter der Taverne gesehen, aber Conner?
Es verwirrte mich.
„Anastasya! Du lebst!“, rief Breeg aus und ich sah ihn fragend an. Ja. Ich lebte. Zumindest hoffte ich das. Was war nur los mit ihm? Er war auch verletzt worden. Vielleicht deswegen?
„Da… Lebe ich.“, gab ich zurück.
Ich versuchte, das linke Bein zu entlasten und sah mich etwas um.
Wo war Kirren?
Bald erblickte ich ihn.
Einige Menschen hatten sich um ihn geschart. Er war bei einer kleinen Waldlichtung. Genau in der Nähe von dem Schrein, den Breeg und ich gefunden hatten, als wir zuletzt an diesem Ort gewesen waren.
„Könnt ihr mich stützen?“, fragte ich und sah abwechselnd zu Conner, Breeg und Lynx.
Würde mir jemand von ihnen helfen?
„Verstehe ich Gerechtigkeit von Land nicht. Werde ich gefoltert. Werde ich verletzt. Wen schützen sie? Kirren.“
Conner und Lynx stützten mich. Breeg folgte uns. Wir näherten uns der Waldlichtung.
„Ich bin von der Miliz dieses Landes. Ihr dürft nicht zu ihm durch.“, erklärte einer dieser Männer.
Ich musterte ihn.
Miliz.
Er war kein Gegner. Doch mein Bein war verletzt und ich wusste nicht, wer noch alles zu dieser Miliz gehörte.
„Lasst mich zu ihm!“, rief ich.
Doch er verneinte.
„Lasst mich zu ihm!“, wiederholte ich mich. Diesmal wütender. „Ihr wisst gar nichts! Er hat gefoltert! Er ist schuld!“
Ich versuchte, an den Leuten vorbei zu humpeln, doch sie ließen mich nicht.
Jeder Schritt schmerzte.
Es sammelten sich noch mehr Personen bei mir.
„Will ich nur zu Kirren!“, schrie ich sie an.
„Nein! Ihr kommt nicht zu Kirren. Erzählt uns, was vorgefallen ist, dann können wir helfen.“
Helfen. Nein. Diese Leute würden nicht helfen.
„Njet!“, wütete ich. „Ihr helft nicht! Niemand hilft! Nicht Magier hilft, nicht Ihr helft! Niemand kann helfen! Alle schützen immer nur diesen bösen Mann, der gefoltert hat. Und dann wollt ihr wissen, was war?! Wollt Ihr nicht. Ihr habt keine Ahnung!“
Ich riss mich los und versuchte, auf einem Bein in die Richtung zu kommen. Mein Bein verdrehte sich und ich landete unsanft am Boden.
Conner kam zu mir und zuerst fühlte ich mich ans Phönixnest zurückerinnert.
Ich wollte mich schon von ihm losreißen.
„Nein, Anastasya. Ich will dir helfen. Komm. Ich stütze dich.“, erklärte er ruhig und stützte meine linke Seite.
„Danke…“, murmelte ich etwas ruhiger. Doch mein Knurren konnte ich nicht unterdrücken. Ich war wütend. Wütend auf Kirren. Wütend auf diese sogenannte Gerechtigkeit.
„Halt!“, rief wieder Jemand. „Ihr dürft nicht zu ihm!“
„Da! Darf ich zu ihm, gehe ich zu ihm!“, erwiderte ich schroff. Ich hatte keine Lust mehr auf solche Gespräche. Es führte zu nichts und mir würde auch niemand hier helfen.
Nur meine Freunde. Nur die, die mich wirklich zu Kirren bringen würden. Die mich nicht aufhielten und festhielten, um Kirren zu schützen.
Sie hatten doch wahrlich keine Ahnung von dem, was damals im Wald vorgefallen war. Was gab ihnen das Recht, darüber zu urteilen?

„Anastasya, Bjorn ist da.“, rief Lynx mir zu und ich hielt inne.
Ich drehte mich um. Dort war er. Bjorn. Wie lange hatte ich ihn schon nicht mehr gesehen? Er war in den Nebeln verschwunden bevor ich die Taverne in Anrea gefunden hatte.
Ob er froh war, mich zu sehen?
Ich war mir nicht sicher. Ich fürchtete mich etwas vor seiner Reaktion.
Doch vielleicht konnte er mir helfen.
„Anastasya.“, begrüßte er mich.
„Bjorn. Musst du helfen. Müssen wir Kirren töten. Hat er verletzt. Ist er hier.“, sprudelte es aus mir heraus. Ich war sauer. Ich wollte ihn einfach tot sehen. Kirren hatte es nach all dem einfach nicht verdient, mit dem Leben davon zu kommen.
„Kirren?“, fragte Bjorn wütend.
„Da.“, erwiderte ich.
Bjorn knurrte sauer.
Unruhig lief er im Kreis, verlagerte das Gewicht der Axt von einer Hand zur anderen.
Dann lief er in die Richtung der Lichtung, an der Kirren noch immer von unzähligen Menschen abgeschirmt wurde.
„Kannst du nicht auf ihn schießen, Breeg?“, fragte ich Breeg, der in meiner Nähe stand. Er hielt den Bogen bereits in der Hand.
Er hatte vermutlich bessere Möglichkeiten, an ihn heran zu kommen als ich.
„Ich glaube, der Mann mit dem Hammer ist auch hier.“, flüsterte Lynx und sah sich um.
„Da?“, fragte ich. Ich hatte ihn noch nicht gesehen.
„Ja.“, erwiderte sie. Da lief er auch schon an uns vorbei, blickte aber kurz zu uns.
Er erfuhr, dass Kirren hier war und lief direkt zu ihm.
Wieso half er mir denn nicht, zu ihm zu gelangen?

Als ich mich umdrehte, sah ich Rhea und den Namenlosen. Auch sie hatte ich zuletzt beim Phönixnest gesehen.
Der Namenlose hatte sich den Rat der Anderen scheinbar zu Herzen genommen und sich festere Kleidung, Schuhe und sogar einen Dolch gekauft.
Was ich von ihm halten sollte, wusste ich nicht.
Er hatte mir nicht vertraut. Also hatte er auch Odin nicht vertraut. Odin hingegen hatte ihm vertraut…
Irgendwas musste also mit ihm sein. Irgendetwas schien Odin an ihm zu gefallen.
Deswegen würde ich ihm, dem Namenlosen, nicht direkt misstrauen.
Rhea und der Namenlose wirkten sichtlich verwirrt, uns hier wiederzusehen. Und sie verstanden nicht, was genau passiert war. Alles, was in Anrea passiert war, hatten sie nicht mitbekommen.
Wie sollten sie auch?
„Kirren ist hier?“, fragte Rhea ungläubig.
„Da.“, gab ich zurück und deutete leicht in Richtung meines Knies.
„Was ist denn passiert? Es scheint ganz so, als hätten wir etwas verpasst.“
Lynx blickte kurz zu mir, dann zurück zu Rhea und dem Namenlosen.
„Kirren muss sterben.“, erklärte ich knapp.
Was wollten sie wissen?
Dass irgendwelche seltsamen Dinge in Anrea passiert waren?
Dass ich beinahe Conner getötet hätte?
Natürlich reichte es ihnen nicht als Antwort, doch ich wusste nicht, was ich ihnen erzählen konnte.
Da war so viel Wut, so viel Angst,  so viel…- Nein, bevor Kirren wieder irgendetwas anstellen würde, musste ich ihm das Handwerk legen.
Die roten Augen waren wohl Beweis genug für die Gefahr, die von ihm ausging.
Und ich wollte keinen meiner Freunde dieser Gefahr aussetzen.
Es war schon zu viel passiert.

Ich wollte wieder losrennen, wollte trotz der Verletzung an den Mitgliedern der Miliz vorbei und zu Kirren laufen, um ihn endgültig nach Helheim zu schicken.
Doch Lynx unterbrach mein Vorhaben mit einer einzigen, einfachen Frage: „Vertraust du dem Mann mit dem Hammer?“
Ohne lange darüber nachzudenken, nickte ich.
„Da. Vertraue ich ihm. Warum?“
Ich sah mich um. Wo war er überhaupt?
Wieso fragte Lynx mich so etwas?
„Er redet gerade mit Kirren.“, erwiderte sie. Nachdem sie es aussprach, erblickte ich ihn auch.
Dort, bei der Lichtung, bei der sich diese ganzen Personen um Kirren geschart hatten, war er auch.
Lynx wirkte ziemlich empört darüber, dass er einfach nur mit Kirren sprach, anstatt ihn zu töten oder mir zu helfen. Doch als ich so zu ihm herüber sah, wusste ich, dass es richtig war.
Denn nun erkannte ich, was da mit Kirren sprach.
Es war nicht der Mann mit dem Hammer, so viel stand fest.
Ich grinste.
„Da, weiß ich, was mit Kirren redet.“, gab ich zurück. „Ist gut, ich denke.“
Irgendwie verstand ich nicht einmal genau, warum ich ihm vertraute.
Ihm, dem Mann mit dem Hammer. Und auch dem Schädel.
Und ich erinnerte mich an die Worte, die der Schädel in Anrea zu mir gesagt hatte.
Diese sechs Worte. Sie halfen. Irgendwie halfen sie.
Auch, wenn ich ihre Bedeutung gar nicht kannte.

Die Mitglieder der sogenannten Miliz kamen auf mich zu.
Wieder redeten sie nur.
Erzählten, dass sie die Sache aufklären wollen.
Fragten, was denn vorgefallen war.
Es würde nichts ändern.
„Warum darf ich nicht zu ihm?“, fragte ich knurrend.
Ich würde nicht an ihnen vorbei kommen.
Es waren zu viele.
Und ich war nicht stark genug.

„Zur Sicherheit bitte ich Euch darum, mir Eure Waffen zu geben. Ihr seid hier in unseren Landen und wir sind die Miliz dieses Ortes.“, forderte mich einer von ihnen auf. Er wurde als Hauptmann der Wache vorgestellt. Es war mir egal. Was kümmerte es mich denn, was dieser Mann war oder wie er sich bezeichnete?
„Darf ich dann zu Kirren?“, fragte ich direkt.
Sie zögerten. Sie würden mich nicht lassen. Es war klar. Was war das nur für eine Gerechtigkeit?
„Gebt mir Eure Waffen und wir schauen, was wir tun können.“
Das genügte mir nicht als Antwort, doch auch Conner und Lynx drängten mich, ihnen einfach meine Waffen zu geben.
„Hat er auch abgegeben Waffen?“, fragte ich und deutete mit meinem Blick in Richtung Lichtung.
Sie gaben mir keine klare Antwort.
Vermutlich hatten sie das nicht.
Wieso schützten sie ihn nur?
Sie hatten doch keine Ahnung!

Seufzend nahm ich meine Axt und mein Schwert und gab sie den Menschen der Miliz. Sie nahmen die Waffen an sich und musterten mich.
„Und der Dolch?“, fragte einer von ihnen.
Sie hatten es sich gemerkt. Schade.
„Da. Könnt Ihr auch haben Dolch.“. Ich nahm den kleinen Dolch aus meiner Tasche und übergab ihm der Miliz.
„Tragt Ihr noch andere Waffen bei Euch?“
„Njet.“, gab ich zurück.
Sie schienen mir nicht zu glauben.
Ich hob die Arme.
„Wollt Ihr nachschauen?“, fragte ich wütend.
Die anderen zuckten etwas zurück.
„Nein, wir sind nicht lebensmüde.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Habe ich keine anderen Waffen, könnt Ihr glauben mir… Darf ich jetzt zu Kirren?“
Ich war schon dabei, loszulaufen. Doch erneut hielten sie mich auf.
„Habe ich schon Waffen gegeben, was wollt Ihr?“
Der Zorn überkam mich wieder.
Was fiel ihnen nur ein?!
„Wenn Ihr ihn anfallt, dann verweisen wir Euch des Landes und Ihr dürft Euch hier nie wieder blicken lassen.“, drohte mir einer von ihnen.
„Da. Ist gut.“, erwiderte ich.
„Gebt Ihr mir Euer Wort?“, fragte der Gleiche.
Ich zuckte mit den Schultern.
Was war ein Wort schon wert?
Es hatten mir schon so viele Leute ihr Wort gegeben.
So viele hatten gesagt, dass sie mir helfen wollen.
Wer hielt sich überhaupt an sein Wort?
„Da.“, gab ich zurück. „Lasse ich Kirren in Ruhe, will ich nur reden. Verstehe ich nicht, was ihr Gerechtigkeit nennt…“
Sie ließen mich durch.
Conner und Lynx stützten mich und wir liefen in Richtung Kirren.
Als die anderen Personen mich sahen, wollten sie mich aufhalten.
„Nein. Sie hat ihre Waffen abgegeben, sie darf zu Kirren.“, erklärte Lynx ihnen.
„Da. Darf ich.“, fügte ich sauer hinzu. Es reichte mir. Was sollte ich denn noch tun, um mit Kirren reden zu dürfen?
Ein paar ließen mich durch, doch dann kam die Magierin auf mich zu, die mit Kirren am Tisch gesessen hatte.
„Nein! Du darfst nicht zu ihm! Es wird schlimmer, wenn du zu ihm gehst!“. Sie wollte mich aufhalten. Und ich wollte losrennen.
Wieder kamen einige Personen an, die mich festhielten.
„Will ich nur reden!“, schrie ich sie an. „Habe ich schon Waffen abgegeben!“
Es machte mich wahnsinnig.
„Bin ich Verletzte!!! Hat er mich gefoltert! Hat er mich verwundet! Seht ihr nicht?! Ist Blut! War Kirren! Wieso schützt ihr ihn?!“, wütete ich.
Doch sie hörten nicht auf mich.
Sie hielten mich fest. Mein Bein schmerzte. Wenn ich so weitermachte, würde die Naht wieder aufreißen.
Seufzend ließ ich mich zu Boden sinken.
„Warum darf ich nicht zu Kirren?“, fragte ich. Diesmal klang meine Stimme ruhiger, obwohl die Wut noch immer durch meinen Körper tobte.
„Er braucht noch ein paar Stunden. Dann darfst du mit ihm reden. Wir wollen doch nur helfen.“, gab die Magierin zurück.
Da war es wieder.
Helfen.
„Da. Wollen immer alle nur helfen. Sagen immer alle, dass sie helfen wollen. Immer schon. Und was ist? Niemand hilft.“
Ich erhob mich und humpelte ein Stück weg von Kirren.
Früher oder später würde ich noch zu ihm kommen.
Und dann würde er bezahlen.

Conner, Lynx und Breeg baten mich, mich erst einmal zur Taverne zu setzen.
Ich folgte ihrer Bitte und setzte mich auf den Boden vor der Taverne.
Zwar gefiel es mir nicht, dass ich noch immer nicht an Kirren heran kam, doch diese blanke Wut war für einen Augenblick wie weggefegt.
Ich saß einfach nur da und erzählte Bjorn von der Taverne in Anrea.
„Odin hat gesagt, dass ich Kirren töten muss.“, erklärte ich ihm und dachte darüber nach. Alle anderen waren sich so sicher gewesen, dass es nicht Odin gewesen sein konnte. Und nun war ich mir selbst nicht mehr ganz sicher. „Haben mich andere festgehalten und nicht zu Kirren gelassen.“, erzählte ich weiter. „Und dann… Dann habe ich Freund verletzt… Hätte Freund fast getötet.“
In diesem Moment lief Conner an mir vorbei.
„Conner.“, murmelte ich schuldbewusst.
Er sah zu mir.
„Wie geht es Arm?“, fragte ich und sah zu seinem rechten Arm.
„Ja… Es fühlt sich etwas seltsam an, aber … es ist ja alles wieder so, wie es sein soll.“, gab er zurück und schien sich zu einem Lächeln zu zwingen.
„Es tut mir Leid.“. Ich starrte ihn an. Verzweifelt. Es tat mir unendlich leid. Ich wusste nicht, was da in mich gefahren war. Dabei hatte er mir doch nur helfen wollen. Hatte mich vor Kirren beschützen wollen.
„Nein, Anastasya. Es ist nicht schlimm.“, erwiderte er. „Selbst wenn ich meinen Arm verloren hätte, dann wäre es eben so gewesen. Damit hätte ich mich auch abgefunden.“
Ich glaubte ihm nicht.
Ich fühlte mich schuldig.
Nein, ich war sogar schuldig.
Ich hatte ihm den vergifteten Dolch in den Arm gerammt.
Ich hatte ihn aus blindem Zorn beinahe getötet.

Bald entfernte Conner sich von mir und ich stand alleine mit Breeg an der Taverne.
„Ich denke, dass ich Kirren töten muss.“, erklärte ich ihm. Oder mir? Ich war mir nicht sicher. Redete ich mir etwas ein oder wollte ich mein Gewissen beruhigen?
Was würde es helfen?

Breeg sah mich an. Er schien zu verstehen. Doch ich verstand nicht.
Noch immer hatte er das Mundtuch im Gesicht.
Wieso nur?
Hatte er es nicht am Phönixnest getragen?
Hatte ich ihm am Ende gar nicht helfen können?
„Breeg. Was ist?“, fragte ich und zog ohne nachzudenken das Tuch von seinem Gesicht.
Es sah noch immer so verbrannt aus.
Der Anblick versetzte mir einen Stich ins Herz.
„Du warst doch… auch auf dem Turm. Hast du es nicht gesehen?“
Ich erinnerte mich.
Das Wesen mit dem Flammenspeer.
„Er hat dich durchbohrt. Ich habe es gesehen.“, hörte ich mich sagen. Es war, als stände ich neben mir.
„Du hast es gesehen?“, fragte Breeg. Er wirkte schockiert. Überrascht. Ungläubig.
„Da. Am Phönixnest.“
„Das war am Turm, nicht am Phönixnest.“, protestierte er.
Ich hielt inne und dachte darüber nach.
Wieso hatte ich denn das Phönixnest im Kopf?
Nein.
Die Vision.
Es war diese Vision. Ich hatte es gesehen.
„Bin ich auf dich zugegangen. Hatte ich Hugin und Munin auf der Schulter.“, sprach ich weiter.
Ich wusste nicht, was genau ich da sagte.
Es war, als würde mir jemand diese Worte in den Mund legen.
Er wirkte sehr verwirrt, hörte mir aber zu.
„W-Was ist dann passiert?“, fragte ich ihn.
Ich konnte mich nur noch an das Ritual erinnern.
An die Fackeln, die ich Rhea, dem Namenlosen, Lynx und Bjorn in die Hand gedrückt hatte.
Und dann?
Was war dann passiert?
Wieso wusste ich es nicht mehr?
„Lass uns ein Stück gehen. Ich denke, das sollte nicht jeder mitbekommen.“, schlug Breeg vor. Ich stimmte ihm zu.

Zusammen mit Breeg ging ich ein Stück von der Taverne weg. Wir setzten uns auf eine Wiese.
Irgendwie wirkte er noch immer seltsam. Also fragte ich, was los ist.
Und er begann zu erzählen.
Er erzählte vom Phönixnest.
Erzählte, dass er dachte, dass ich tot sei.
Und dass auch er tot sei.
Er erzählte  von einer Knochenkönigin und von Nebel und Flüssen und auch vom Phönixnest. Und ich verstand die Welt nicht mehr.
„Breeg. Hast du getrunken zu viel Metka?“, fragte ich ihn zwischendurch.
Ich konnte einfach nicht glauben, wovon er da berichtete.
Es klang eher wie ein Traum.
Oder wie eine dieser Visionen…
Ich hoffte, dass ich ihn mit dem Ritual nicht geschadet hatte.
„Nein, Anastasya! Da war dieses Schlachtfeld und… und wir haben gekämpft. Ich… Ich weiß nicht. Ich bin so froh, dich zu sehen und… und du lebst und. Ich lebe. Ich…“
Er wirkte vollkommen aufgelöst.
Und ich wusste nicht, wie ich ihm helfen sollte. Oder wie ich ihm helfen konnte. Falls es überhaupt einen Weg gab.

„Ich glaube, da möchte Jemand mit dir reden.“, merkte Breeg auf einmal an und ich drehte mich um.
Der Mann mit dem Hammer kam auf uns zu.
Doch irgendwie wirkte er seltsam. Irgendetwas schien nicht zu stimmen.
Sofort erinnerte ich mich an das Phönixnest.
War wieder etwas vorgefallen?
War ihm etwas passiert?
Konnte ich irgendwie helfen?

Er sprach nicht, sondern blickte mich einfach an.
Ich versuchte, seinen Blick zu verstehen.
Er deutete in eine Richtung. Ich nickte und folgte ihm.
Wir setzten uns unter ein paar Bäume, in die Nähe des Schreins.
„Ah, Anastasya. Wie geht es dir?“
Ich sah ihn verwundert an. Er sprach wieder mit diesem fremdländisch klingenden Akzent.
Wie die Stimme aus dem Schädel. Wie am Phönixnest.
„Was ist mit dir? Kann ich dir helfen?“, fragte ich sofort.
Hatte er sich wieder eines dieser seltsamen Auswucherungen eingefangen?
Würde ich ihm wieder helfen können?
„Nein. Ist alles in Ordnung. Weißt du… Ich helfe ihm und dafür bekomme ich… Zeit.“, erklärte er und deutete auf den Totenschädel, den er neben sich gelegt hatte.
Der Totenschädel, der zu mir gesprochen und mich beruhigt hatte.
Aber ich verstand nicht genau, was er mir damit sagen wollte.
„Ich kann eure Sprache noch nicht so gut.“, setzte er fort und ich sah ihn fragend an.
Unsere Sprache?
Er bemerkte, dass ich es nicht so recht zu verstehen schien.
„Ich helfe ihm und dafür darf ich für einige Zeit seinen Körper übernehmen.“
Langsam begriff ich es.
Es war nicht der Mann mit dem Hammer, der hier mit mir sprach, sondern der Totenschädel.
Ich blickte hinüber zu der Lichtung, an der Kirren noch immer von den anderen Personen geschützt wurde.
„Ich will Kirren töten.“, murmelte ich und sah wieder zu dem Mann mit dem Hammer. Auch, wenn es der Schädel war, der aus ihm sprach. Es klang so seltsam und doch verstand ich es irgendwie.
„Äh… Ich denke… Da ist noch ein größeres Problem.“, erwiderte er. Er klang etwas schulbewusst. Oder bildete ich mir das nur ein?
„Hm?“, gab ich zurück. Was meinte er damit? Ein größeres Problem?
Er begann zu erzählen.
Schockiert starrte ich ihn an. Ich konnte nicht glauben, was er mir da erzählt hatte.
Ich wollte Kirren töten. Wieso konnte ich ihn nicht einfach töten?
„Gibt es keinen Weg, ihn zu töten?“, fragte ich verzweifelt.
Er zögerte.
„Doch, gibt es. Aber du kannst ihn nicht töten.“, erwiderte er. „Oh. Ich glaube, er wird sauer sein.“
„Er wird sauer sein?“, wiederholte ich fragend.
Was meinte er damit?
Wer wird sauer sein? Und warum?
„Na, er.“, gab er zurück und deutete auf den Totenschädel, der neben ihm lag.
Langsam dämmerte es mir.
„Er bekommt mit, was du redest?“, fragte ich sofort.
„Ja. Und ihm gefällt nicht, dass ich es dir erzählt habe.“
„Warum?“
„Du darfst es niemandem erzählen… Denn wenn es rauskommt, wer hat dann ein Problem?“, fragte er und sah mich direkt an.
Ich blickte zum Totenschädel.
Er. Der Mann mit dem Hammer.
Mein Gegenüber nickte.
„Genau.“

Eine Gestalt näherte sich uns. Es dämmerte bereits und so wurde es immer schwieriger, Personen in der Finsternis zu erkennen.
Doch je näher er kam, desto mehr bemerkte ich, dass es ein Mitglied dieser Miliz war.
Er kam direkt auf uns zu.
„Nicht der schon wieder.“, murmelte der Mann mit dem Hammer, der eigentlich der Totenschädel war.
„Tut mir Leid, aber Ihr könnt noch nicht zu ihm.“, erklärte der Mann von der Miliz und blieb direkt vor uns stehen. „Aber ich werde schauen, dass Ihr heute noch zu ihm könnt. Ich gebe mein Wort und werde mich der Sache annehmen.“
„Da.“, gab ich zurück. „Bringt sowieso nichts. Haben viele schon versprochen.“
„Habt Dank.“, erwiderte der Totenschädel im Körper vom Mann mit dem Hammer.
Als der Mann der Miliz sich herumdrehte, um zu gehen, wand sich mein Gegenüber wieder an mich.
„Ihr solltet etwas netter sein, Anastasya.“, riet er mir.
Ich nickte leicht, war mir aber nicht sicher, was es für einen Sinn haben sollte.
Diese Leute waren immerhin auch nicht sonderlich nett zu mir und was das Ganze mit Gerechtigkeit zu tun haben sollte, verstand ich auch nicht.

Ich seufzte und sah erneut zu der Lichtung.
Es war also alles viel schlimmer. Nicht nur, dass ich ihn nicht töten durfte. Ich konnte es nicht einmal.
Aber wieso?
Wieso durfte ich keine Rache nehmen.
Hatte er das denn nicht verdient?
Dann sah ich wieder zu dem Mann mit dem Hammer.
„Ich glaube es ist nicht mehr viel Zeit… Er ist wirklich sauer….“
Ich starrte ihn an.
Irgendwie überflutete mich ein Gefühl der Angst.
Angst wovor?
Vor Kirren. Und davor, dass sie herausfinden, was der Mann mit dem Hammer getan hat.
Ich wollte nicht, dass sie ihm etwas antun.
Er wollte mir doch nur helfen.
Er hatte mir sogar geholfen. Und der Totenschädel auch.
Es durfte niemand erfahren.

Wieder näherten sich Gestalten. Diesmal waren es zwei.
Es dauerte nicht lange, bis ich sie erkannte.
Lynx und Bjorn.
Zwar misstraute ich ihnen nicht, doch ich wollte eigentlich nicht, dass sie das Gespräch mithörten.
Je mehr Personen davon wussten, desto gefährlicher würde es für den Mann mit dem Hammer werden.
„Kannst du sie wegschicken?“, bat er mich auch schon.
Ich zögerte.
Konnte ich das?
Würden sie auf mich hören.
Sie kamen zu  mir und sahen zwischen ihm und mir hin und her.
„Könnt Ihr uns kurz alleine lassen?“, fragte ich sie.
„Hast du jetzt auch Geheimnisse vor uns?!“, fragte Bjorn wütend und ich schüttelte sofort den Kopf.
„Njet. Aber ist nicht mehr viel Zeit. Bitte!“, erwiderte ich und sah ihn flehend an.
Doch sie rührten sich nicht.
Und der Mann mit dem Hammer fiel um.
„Njet…“, murmelte ich leise. „Nicht wieder…“
Bjorn blickte verwirrt zu ihm.
„Schläft er?“
Ich schüttelte den Kopf und versuchte, den Herzschlag von ihm zu ertasten.
Meine Hände zitterten, weil ich schon ahnte, was ich fühlen würde.
Nichts.
Rein gar nichts.
„Hat er schon wieder keinen Herzschlag…“, murmelte ich verzweifelt.
„Schon wieder? Hast du gesagt ‚schon wieder‘?“, fragte Bjorn verwirrt.
„Da.“, gab ich zurück.
„Wieso schon wieder?! Muss er dann tot sein!“
„Njet. Braucht er nur Ruhe.“, erklärte ich.
Bjorn schien es aber gar nicht zu verstehen.
Ich hockte noch immer neben dem reglosen Körper von dem Mann mit dem Hammer.
Ich hatte Angst.
Angst davor, wenn er aufwachen würde.
Und Angst davor, falls er nicht aufwachen würde.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Doch die Angst davor, dass er wirklich tot war, war größer.
Und Bjorn, der die ganze Zeit davon sprach, dass man ohne Herzschlag nicht leben kann und wie wir denn hier so ruhig bleiben können, half gar nicht dabei.
„Was ist mit dem Schädel?“, fragte Lynx und ich schüttelte den Kopf.
„Njet. Ist nicht beste Idee, ich denke.“, gab ich zurück.
Wieder mischte Bjorn sich in die Unterhaltung ein.
„Aber musst du doch etwas tun! Kannst du nicht einfach liegen lassen! Ist er tot!“, rief er aufgebracht. „Musst du doch irgendwie drücken auf Brustkorb und küssen.“
Ich sah ihn fragend an.
„Njet! Kannst du ja machen, wenn du unbedingt willst.“, gab ich zurück.
Der Mann mit dem Hammer regte sich immer noch nicht.
„Reicht mir. Ich rette jetzt leben!“, rief Bjorn aus und trat an den reglosen Körper heran.
Was hatte er nur vor?
Er beugte sich zu seinem Brustkorb herunter und begann, wie wild darauf zu drücken.
So, wie er das tat, würde er ihm nur die Rippen brechen! Wenn nicht sogar schlimmer.
„Njet! Nicht machen!“, schrie ich, erhob mich und versuchte, Bjorn beiseite zu drücken.
Es war nicht einfach, doch es gelang mir.
Als ich Bjorn gerade von ihm herunter gezogen hatte, regte sich sein Körper und er erhob sich. Und sah bei nicht besonders glücklich aus.
Er ging direkt auf Bjorn zu und schlug ihn in den Rippen-Bereich.
Sie rangelten kurz miteinander und ich beobachtete es verwirrt.
Sollte ich eingreifen?
Was hatten sie nur für ein Problem?
Mir gefiel nicht, dass der Mann mit dem Hammer so wütend wirkte.
Ich blickte kurz zu dem Schädel.
Beobachtete nun wieder der eigentliche Schädel das Geschehen?

Als sich Bjorn und der Mann mit dem Hammer wieder beruhigt hatten, näherte ich mich ihnen wieder etwas.
Der Mann mit dem Hammer starrte mich kurz an.
Zornig.
Ich zuckte zusammen und senkte den Blick.
Was hatte ich getan?
Er ging zielstrebig auf den Schädel zu, nahm ihn und legte ihn vor sich auf den Boden.
„Du schon wieder.“, zischte er zornig.
Dann holte er aus und trat den Schädel weg.
Er flog in einem hohen Bogen und ich verfolgte schockiert die Flugbahn.
Wieso?
„Njet! Ist nicht richtig!“, schrie ich entsetzt und lief zu der Stelle, an der der Schädel aufgekommen sein musste. Der Mann mit dem Hammer folgte mir.
Bjorn und Lynx blieben zurück und sahen uns nach.
„Nimm du ihn doch!“, rief der Mann mit dem Hammer aufgebracht.
Er war wirklich wütend.
Es machte mir Angst.
„Njet!“, rief ich. „Wieso?“
Dort, wo der Schädel aufgekommen war, hatten sich schon zwei weitere Personen versammelt.
Sie hatten es vermutlich mitbekommen.
„Ich weiß auch nicht, wo der Schädel herkam. Er war auf einmal da!“, murmelte einer von ihnen. Der andere blickte sich verwirrt um.
Der Mann mit dem Hammer lief direkt auf den Schädel zu, hob ihn auf und ging wieder weg.
Ich starrte ihn an.
Ich konnte seine Reaktion nicht einschätzen, doch er wirkte so zornig.
Ich wollte davon nichts abbekommen, also folgte ich ihm mit ausreichend Abstand.
Wieder warf er den Schädel fort.
„Los, nimm ihn dir Er scheint dich echt zu mögen!“, schrie er mich an und wieder zuckte ich zusammen.
War er etwa sauer auf mich? Und wenn ja, wieso? Was hatte ich denn getan? Ich wollte ihm doch nichts Böses!
Ich lief in Richtung des Schädels.
„Aber… aber brauchst du doch Schädel.“, murmelte ich leise.
Bjorn und Lynx folgten uns.
„Was ist mit diesem Schädel?“, fragte Bjorn und ich konnte die Verwirrung deutlich hören.
Der Mann mit dem Hammer hob den Schädel auf und hielt ihn Bjorn hin.
„Hier. Nimm.“
Bjorn schüttelte den Kopf.
„Wieso sollte ich Schädel anfassen?“, fragte er.
Lynx und ich nickten.
„Da. Nimm Schädel. Ist nicht schlimm.“
Bjorn zögerte kurz, nahm den Schädel dann aber in seine Hände… Und wirkte augenblicklich viel entspannter.
Kurze Zeit später nahm der Mann mit dem Hammer den Schädel wieder an sich und legte ihn auf den Boden.
„Reden wir.“
Wir liefen ein paar Schritte, um uns von den anderen Personen zu entfernen.
Ich hatte ja bereits mitbekommen, dass es gefährlich war, wenn zu viele Menschen davon wussten.
Nein, eigentlich war es schon gefährlich, wenn nur ein Mensch davon wusste.
Doch… was konnte ich dafür?
Ich würde es auf jeden Fall für mich behalten.

„Also. Was ist?“, fragte er und starrte mich an.
Dieser Blick brachte fast das Blut in meinen Adern zum Gefrieren.
„Ich… Ich verstehe nicht.“, erwiderte ich unsicher und senkte den Blick. Was war nur los? Wieso verunsicherte er mich so?
„Er hat dir doch schon alles erzählt!“, gab er zurück.
Ich zögerte und nickte langsam.
„Da… Aber… Wieso? Wieso ist nicht gut?“, fragte ich.
Warum war er sauer?
Er ging noch einen Schritt auf mich zu und stand jetzt direkt vor mir. Er sah mir in die Augen.
„Wie würdest du es finden, wenn jemand all deine Geheimnisse ausplaudern würde? Kein schönes Gefühl, oder?“
Ich starrte ihn an und schüttelte betreten den Kopf.
„Njet.“
„Aber genau so ist das! Und er lernt langsam deine Sprache. Also. Nimm du ihn. Er mag dich wirklich!“
Die Wut in seiner Stimme war so klar und deutlich. Aber noch etwas anderes schwang darin mit. Ich verstand es nicht. Ich wusste auch nicht, was ich antworten sollte. Ich fühlte mich einfach nur überrannt.
Er schwieg kurz und der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich.
„Wenn er dir Taten offenlegt, die du bereust…“, begann er.
Ich sah ihn fragend an.
„Du weißt es doch! Er hat es dir erzählt!“
Ich nickte langsam.
Kirren.
„Ich werde es nicht erzählen.“, erwiderte ich sofort.
„Ich habe das Gefühl, dass du Unheil magisch anziehst.“
Ich starrte ihn an und senkte den Blick.
Wieso?
Wieso hatte er damit auch noch Recht?!
Zwei Gestalten kamen auf uns zu.
Sie kamen mir bekannt vor.
Es dauerte einen Augenblick, dann erkannte ich sie.
Galador und seine Tochter Sophia.
Sie stellten sich direkt zu uns und Galador hielt dem Mann mit dem Hammer ein Schwert hin.
„Hier, wolltest du nicht wieder ein Schwert haben?“, fragte er ihn.
Der Mann mit dem Hammer blickte zu ihm und musterte dann das Schwert.
„Wir reden gerade…“, gab der Mann mit dem Hammer zurück und sah zu mir.
„Das sehe ich. Redet doch weiter.“, erwiderte Galador grinsend.
Ich sah kurz zu Sophia. Sie wirkte betrübt.
„Hallo Sophia.“, begrüßte ich sie lächelnd.
„Hallo.“, gab sie zurück.
„Was ist?“, fragte ich sie.
„Er ist gemein zu mir.“, erwiderte sie schmollend.
„Oh… was macht er denn?“, fragte ich sie dann.
„Der ärgert mich…“
Ich blickte zurück zu Galador, der sich mit dem Mann mit dem Hammer unterhielt.
„Ach, du weißt doch sowieso, worüber wir reden.“, sprach der Mann mit dem Hammer. „Also, dann stell dich doch wenigstens nicht direkt zu uns.“
„Na gut.“, ergab sich Galador. Sophia und er entfernten sich wieder von uns.

Als sie ein Stück gegangen waren, sah ich verwirrt zu dem Mann mit dem Hammer.
„Er weiß, worüber wir reden?“, fragte ich.
„Weißt du noch, was ich dir in Moordorf erzählt habe? Über die Nurgle? Er gehört einer anderen Richtung an… Die Anhänger dieser Gottheit… wissen alles. Das Gute und das Schlechte.“, versuchte er mir zu erklären.
Ich nickte langsam.
„Ich denke ist nicht gut, alles zu wissen, eh?“, vermutete ich.
Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es sein musste, alles Gute und alles Schlechte der Welt zu kennen. Alles Gute und Schlechte über einzelne Menschen. Einfach alles. Es gab doch so viel Schlechtes… Konnte man das überhaupt ertragen?
„Was glaubst du, warum er in Anrea sofort wusste, was mit dir los war.“, gab der Mann mit dem Hammer zu Bedenken.
Ich nickte.
„Da. Hast du Recht…“
„Aber egal…. Wo waren wir?“, überlegte der Mann mit dem Hammer und versuchte, dort anzusetzen, wo wir unterbrochen worden waren.
„Ich habe erst nachher bemerkt, dass ich das mit Kirren nicht hätte machen sollen.“, gab der Mann mit dem Hammer zu. Jetzt verstand ich, was das in seiner Stimme war. Reue. Er bereute es wirklich. Und er meinte es ehrlich.
„Wenn es bestimmte Leute herausfinden, dann habe ich ein Problem. Und dann hat er auch ein Problem.“, erklärte er.
Ich wusste sofort, dass er den Schädel meinte.
Nur wieso?
„Aber… geht doch nicht um Schädel. Geht um dich.“, erwiderte ich leise und kam mir seltsam vor.
Er wirkte überrascht. Dachte er wirklich, dass ich den Schädel mochte und ihn nicht?
Und wieso überhaupt?
„Und auch wenn du sagst, dass du niemandem etwas erzählt… Die Dinge, die dich betreffen, sprechen sich schnell herum.“, erklärte er dann und deutete auf meine Stirn.
Ich nickte seufzend.
„Da.“, gab ich zurück.
Er hatte Recht.
Und es gefiel mir nicht.
Ich wollte nicht das ganze Unheil anziehen.
Ich wollte nicht dafür sorgen, dass die Leute alles über mich erfuhren.
Und vor allem wollte ich nicht, dass sie dem Mann mit dem Hammer etwas antun würden, obwohl er nur helfen wollte.
Mir helfen wollte, um genau zu sein.
Das war einfach nicht richtig.

„Hey! Anastasya!“, rief Bjorn auf einmal. Ich drehte mich zu ihm um. Er hielt den Schädel in der Hand. Was tat er da?
Der Mann mit dem Hammer blickte kurz zu mir. Dann lief er sofort zu Bjorn.
„Hey, Bjorn!“, rief er ihm zu. „Wie lange hast du den Schädel schon in deiner Hand?“
Er wirkte ziemlich ernst, aber ich verstand noch nicht recht, wieso.
Ich lief ihm sofort hinterher und kurz bevor wir die Bäume erreichten, unter denen Lynx, Bjorn und auch Breeg saßen, kippte der Mann mit dem Hammer um.
Kurzerhand riss ich Bjorn dem Schädel aus der Hand.
Das war wohl der Grund.
Der Schädel hatte wieder geholfen, ohne, dass der Mann mit dem Hammer es wirklich mitbekommen hatte.
Würde er jetzt wieder seinen Tribut fordern?
War er deswegen umgekippt?
„Nicht mehr anfassen!“, rief ich aufgebracht und legte den Schädel ein Stück weiter weg auf den Boden.
Ich hoffte, dass sie sich daran halten würden.
Dann kniete ich mich zu dem reglosen Körper des Mannes mit dem Hammer.
Zwar erwartete ich schon, keinen Puls zu spüren, doch ich wollte es trotzdem versuchen.
Überraschenderweise konnte ich etwas fühlen.
Ein schwacher Herzschlag.
Bildete ich es mir ein?
Ich wartete ab.
Der nächste.
Sein Herz schlug also noch, aber es war sehr schwach.
„Ist gut. Herzschlag ist da.“, murmelte ich, um mich selbst zu beruhigen.
„Wie soll ich Sachen greifen?“, fragte Bjorn und ich drehte mich zu ihm um.
Sachen greifen?
Er hielt seine Hand ganz seltsam und hatte die Finger eingeknickt.
„Ich habe keine Finger mehr.“, fügte er hinzu.
Er wirkte ein wenig geschockt, aber auch belustigt.
Ich sah ihn verwirrt an.
Was war denn los mit ihm?
„Ich habe nachgezählt.“
Er wedelte mit seinem Fuß und als ich hinunter sah, stellte ich fest, dass er seine Schuhe ausgezogen hatte.
Ich verstand die Welt nicht mehr.
„Bjorn? Was ist los?“, fragte ich.
„Ich habe keine Finger mehr. Wie soll ich denn Axt halten?“
„Da. Hast du Finger… Wie… Wieso solltest du keine Finger mehr haben?“, fragte ich ihn.
Lag es an dem Schädel?
Hatte er ihm so etwas Verwirrendes gesagt?
Und wenn ja, wieso?
Wieso sollte er so etwas tun?
Lynx saß gegenüber an einen Baum angelehnt und beobachtete Bjorn.
Sie wirkte auch etwas verwirrt, aber entspannt.
Entspannung. Das war es doch, was der Schädel versuchte zu erwecken.

Der Mann mit dem Hammer erhob sich und sah zu Bjorn.
„Ich habe keine Finger mehr!“, wiederholte Bjorn sich und blickte zu seinen Händen, die er noch immer so seltsam hielt.
„Bjorn, was ist mit dir?“, fragte er und ich erstarrte.
Der Mann mit dem Hammer hatte einen Akzent. Es war also wieder der Totenschädel. Ich sollte Recht behalten. Der Schädel verlangte seinen Tribut.
Er setzte sich neben Bjorn und redete auf ihn ein, versuchte, ihm zu helfen.
Ich beobachtete die beiden und er schaffte es, Bjorns Finger nach und nach wieder erscheinen zu lassen.
Zwar verstand ich nicht, was genau da gerade passiert war, doch solange es Bjorn half, war ich damit zufrieden.
„Darfst du mich nicht so lange halten.“, riet der Totenschädel Bjorn, was diesen noch viel mehr verwirrte.
„Halten? Habe ich Schädel gehalten.“, erwiderte Bjorn verwirrt.
Dann erst schien er die Stimme wiederzuerkennen.
„Ah. Bist du… Totenschädel?“, fragte er dann verwirrt und der Angesprochene nickte.
Es schien Bjorn zu helfen.
Nur sorgte ich mich um die Reaktion des Mannes mit dem Hammer, wenn er wieder erwachen würde. Schließlich bekam er alles mit.

Breeg saß noch immer an einen der Bäume gelehnt und verhielt sich seltsam.
Er sagte nichts. Er saß einfach nur da.
Ich verstand nicht, was mit ihm los war.
War ihm etwas passiert?
Und was hatte es überhaupt mit dem auf sich, was er von dieser seltsamen Knochenkönigin erzählt hatte?
Das konnte doch nicht stimmen?!
Das musste er doch geträumt haben!

„Nicht wieder diese Leute.“, murmelte der Mann mit dem Hammer unzufrieden.
Ich hob den Blick und verstand ihn sofort.
Die Magierin, die mich nicht zu Kirren lassen wollte.
Und noch ein anderer Mann.
Sie kamen direkt auf uns zu.
„Anastasya. Wir müssen Euch ein paar Dinge fragen. Danach können wir Euch vielleicht zu Kirren lassen. Dann wissen wir, was es damit auf sich hat. Und nur so können wir Euch und auch ihm helfen.“, erklärte sie, doch ich wollte nichts davon hören
„Njet!“, rief ich und rannte los.
Ich wollte zu Kirren.
Ich musste zu Kirren.
Ich musste ihn töten.
Doch wieder wurde ich festgehalten.
Breeg. Sogar Breeg hielt mich fest.
Wieso?
Ich riss mich von Breeg los und versuchte es erneut.
Diesmal kam Bjorn auf mich zu und hielt mich fest, doch ich ließ mich zu Boden fallen und wand mich dann aus seinem Griff.
„Bitte! Lass mich Kirren töten!“, flehte ich ihn an.
Doch ich kam nicht weit. Diesmal kam der Mann mit dem Hammer auf mich zu und packte mich.
Ich versuchte, mich von ihm zu befreien und zappelte wild.
„Anastasya. Schau mich an.“, wies er mich an.
Ich widersetzte mich.
Ich versuchte weiterhin, loszukommen.
„Anastasya. Glückseligkeit. Freude. Entspannung. Gelassenheit. Güte.“, sprach er.
Ein Gefühl von Ruhe durchströmte meinen Körper und ich hörte auf, mich zu wehren.
Was hatte es überhaupt für einen Zweck?
Ich konnte Kirren doch ohnehin nicht töten.

„Wir können Euch helfen, Anastasya.“, redete die Magierin wieder auf mich ein. „Erzähl uns doch einfach, was geschehen ist.“
„Ist lange Geschichte.“, erwiderte ich seufzend und ließ mich zu Boden sinken.
Sie nickte.
„Ist nicht schlimm.“

Ich begann zu erzählen.
Obwohl ich wusste, dass sie mir nicht helfen konnten, erzählte ich von Burg Grenzstein, wo alles angefangen hatte.
Dann vom Turm, wo ich Kirren wiedergesehen hatte. Dort war noch alles in Ordnung gewesen. Dann die zweite Heilung am Phönixnest.
Ich selbst wusste nicht genau, was dort vorgefallen war, also sah ich zu Lynx und bat sie darum, es zu erzählen.
Einen Augenblick lang hörte ich zu, dann wurde ich unruhig.
Es half doch nichts.
Sie würden mir nicht helfen.
„Habe ich keine Lust jedem zu erzählen!“, rief ich aus. „Hilft mir niemand. Kann niemand helfen! Sagen immer nur alle. Wollen immer nur alle wissen, was passiert ist!“
Ich erhob mich und rannte los.
Wieder wollten sie mich festhalten.
Doch dieses Mal würde ich es nicht zulassen.
Ich wand mich aus ihren Griffen, ließ mich zu Boden fallen, drehte mich und tobte.
„Ich will dich nicht wieder einschläfern müssen, Anastasya.“, flehte der Mann mit dem Hammer, aus dem der Totenschädel mit fremden Akzent sprach.
Ich wollte nicht auf ihn hören.
Nur dieses eine Mal musste ich dagegen ankämpfen!
Es konnte doch nicht so schwierig sein, stark zu bleiben!

Als ich weiter versuchte, mich aus ihren Griffen zu lösen, erklang wieder seine Stimme.
„Glückseligkeit, Freude, Entspannung, Gelassenheit, Güte.“

Ich fand mich in Falkenhain wieder. In einer Hütte, mitten im Wald.
Sie bestand komplett aus Ästen, Holz und Stroh und genauso roch es auch.
In der Mitte brannte ein kleines Feuer.
Es spendete Wärme und beruhigte mich mit seinem knackenden Geräusch.
Ganz ruhig und trotzdem bestimmt verzehrte die Flamme das Holz.
Ich saß auf einem Schaffell und beobachtete einfach nur das Feuer.
Dann vernahm ich ein Klopfen.
„Anastasya.“
Eine ruhige Stimme.
Die Stimme kam mir so bekannt vor. Sie war so vertraut. Und so ruhig. Genau wie das Feuer. Ruhig und doch bestimmt.
Ich erhob mich und machte ein paar Schritte auf die Tür zu.
Doch dann blieb ich stehen.
War es nicht meine Hütte?
Ich durfte doch entscheiden, wen ich einließ und wen nicht. Oder war es nicht so?
Die Stimme war vertraut und ich wusste auch, wer vor dieser Tür stand. Doch ich blieb trotzdem stehen. In der Nähe der Tür, ganz ohne sie zu öffnen.
Ich hörte das Rauschen der Blätter im Wind.
Die Bäume des Waldes wirkten ganz so, als würden sie sprechen.
In einer fremden, aber beruhigenden Sprache.

Ich erwachte.
Ich lag auf dem Waldboden.
Mein Körper schmerzte. Alles brannte.
Es war, als würde das Feuer aus der Hütte in meinem Körper brennen und toben.
Und es war alles andere als ruhig und wärmend.
Ich schrie, versuchte, die Schmerzen durch meine Schreie aus meinem Körper zu verbannen.
Überall waren Stimmen. Menschen redeten durcheinander.
Wovon sprachen sie nur?
Und warum schmerzte alles?
„Ich brauche mehr Zeit.“, hörte ich eine bekannte Stimme neben mir.
Dann fand ich mich in der Dunkelheit wieder.
Ich schlug die Augen auf.
Wo war ich?
Ich sah mich um.
Gestalten kamen auf mich zu.
Es waren keine Menschen und doch kamen sie mir so bekannt vor.
Blutüberströmte Gestalten, deren Knochen und Organe aus offenen Stellen ihrer Körper herauskamen.
Gestalten, die mich hasserfüllt anstarrten und die nicht mehr wollten, als mir Schmerzen zuzufügen.
Und sie kamen auf mich zu.
Alles, alles, was ich um mich herum erblickte, sah tot aus.
Und doch konnten sie sich bewegen.
Sie griffen an.
Sie trugen Waffen bei sich.
Scharfe Klingen.
Schwere Äxte und Hämmer.
Sie schlugen auf mich ein.
Immer und immer wieder.
Und ich schrie.
Unzählige Male.
Ich schrie meinen Schmerz heraus.
Meine Sicht wurde immer schwächer. Es wurde dunkler… Bis ich in der Finsternis zu versinken drohte.

Ich erwachte.
Wieder auf dem Waldboden.
Was war passiert?
Ich blinzelte.
Mein Körper schmerzte, doch ich sah kein Blut. Keine Verletzungen.
Nur die bleierne Müdigkeit, die sich plötzlich auf mich legte.

Irgendjemand erzählte etwas von Untoten.
War es doch kein Traum gewesen?
Aber wieso hatte ich keine Verletzungen?
Warum war da kein Blut?

Ich sah, wie Bjorn mit seiner Axt los lief, um sich um die Untoten zu kümmern.
Ich erhob mich langsam und sah mich um.
Was war da nur passiert?
In der Ferne schien ein Kampf stattzufinden.
Dort waren einige Fackeln und Kerzen aufgestellt, doch hier, zwischen den Bäumen war reine Finsternis.
Ich blickte mich um, versuchte, zu erkennen, wer diese Menschen waren, die in meiner Nähe standen.
„Los Anastasya. Geh rüber ins Licht, wo man dich sehen kann.“
Eine bekannte Stimme.
Doch mir gefiel nicht, was für ein Gefühl darin mitschwang.
Es war irgendwie Wut. Zumindest klang es für mich ganz so.
Der Mann mit dem Hammer war wieder er selbst.
Der Schädel hatte wohl seine Zeit verbraucht und war nun wieder nur der stumme Zuschauer. Und Zuhörer.
Ich hatte nichts gegen den Mann mit dem Hammer, ganz im Gegenteil, irgendwie vertraute ich ihm sogar… Doch dieses wütende… Es verunsicherte mich. Es klang so… vorwurfsvoll.
Und obwohl ich wusste, dass ich nichts getan hatte, fühlte ich mich sofort schuldig.

Ich ging ein paar Schritte in Richtung der Lichter.
Dann blieb ich aber stehen und sah kurz zurück. Konnte jetzt endlich sein Gesicht sehen.
„Was ist denn?“, fragte er sofort.
Ich schüttelte schnell den Kopf und lief weiter.
Ich traute mich nicht, etwas zu sagen.
Doch eigentlich wollte ich es wissen.
Ich wollte wissen, ob er wirklich sauer auf mich war.
Ich wollte wissen, ob ich etwas tun konnte, um die Wut zu lindern.
Doch ich traute mich nicht.

Ein paar seltsame Wesen – vermutlich die Untoten, die bereits angekündigt worden waren – tauchten auf.
Ich hatte meine Waffen noch immer nicht von der Miliz wiederbekommen.
Und ich konnte auch keinen von ihnen mehr erblicken.
Hatten sie sich etwa bereits schlafen gelegt?
So viel zum Thema „Wir halten unser Wort“.
Ich lief schnell an den Untoten vorbei und ließ die anderen kämpfen.
Es fühlte sich seltsam an. Ich wollte doch selbst etwas tun.

Ich erblickte Breeg und gesellte mich zu ihm.
„Hast du Mann von Miliz gesehen?“, fragte ich ihn. „Haben sie immer noch Waffen von mir.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe sie nicht gesehen. Aber ich hätte da Ersatz für dich.“
Ich sah ihn verwirrt an. Er überreichte mir ein Schwert.
Es war nicht Breegs Schwert, so viel war klar.
Aber irgendwie kam es mir doch bekannt vor.
„Was für ein Schwert… Wo hast du her?“, fragte ich ihn verwirrt.
Und bevor er es aussprach, wusste ich es.
„Kirren.“, erwiderte er und ich nickte.
Natürlich war es Kirrens Schwert.
Hatte er es ihm abgenommen?
Am liebsten hätte ich natürlich Kirren selbst damit getötet.
Aber ich konnte ja nicht.
Dann eben erst einmal die Untoten.

„Danke.“, erwiderte ich grinsend und nahm das Schwert in die rechte Hand.
Es fühlte sich seltsam an, ein Schwert zu führen, das so viel länger war als mein eigenes. Doch ich versuchte es dennoch.

Die Untoten kamen von allen Seiten.
Hatten wir dort einen besiegt, tauchte auf der anderen Seite bereits der nächste auf.
Niemand schien so recht zu begreifen, woher sie genau kamen.
Oder was sie wollten.
Oder was wir gegen sie tun sollten.
Wir bekämpften sie lediglich.
Wir schafften es zwar, sie in die Knie zu zwingen und zu besiegen, doch es war kein richtiger Erfolg. Es tauchten schließlich immer wieder mehr auf.
Doch wir gaben nicht auf.
Wir waren genügend Krieger und wir kämpften einfach immer weiter.

Irgendwann wurde es weniger. Sie kamen nicht wieder.
War etwas passiert?
Hatten die Untoten aufgegeben oder waren sie doch besiegbar?
Ich war mir nicht sicher, blickte mich noch immer zwischendurch um, um sicherzugehen, dass nicht plötzlich ein Untoter von der Seite kommen konnte.
Als ich in Richtung des überdachten Tavernenplatzes ging, sah ich auf einmal, dass Breeg bei zwei Frauen stand, die mir fremd waren.
Und er schien verletzt zu sein.

Verwirrt ging ich auf die drei Personen zu.
Und es stimmte. Breegs linke Schulter sah absolut zerstört aus. Doch es musste eine ältere Wunde sei. Sie war komplett vereitert und stank.
Schockiert trat ich ein paar Schritte zurück.
Das würde übel werden.
Vermutlich würden sie das Fleisch komplett heraus schneiden müssen.
„Breeg…“, flüsterte ich fassungslos.
Meine Stimme war nahezu tonlos.
„Breeg… Was ist passiert? Was hast du gemacht?“
Die beiden Frauen, die allem Anschein nach Heilerinnen waren, besprachen, was sie nun tun würden.
Ich setzte mich auf den Boden vor Breeg, an seine rechte Seite.
Vielleicht würde ich ihn irgendwie beruhigen können, denn vermutlich würde es gleich sehr weh tun.
Doch wenigstens wäre er danach außer Gefahr.
Eine Entzündung einer solchen Wunde konnte tödlich enden und…. Das wollte ich mir gar nicht ausmalen.
„Nimm Hand.“, murmelte ich ihm leise zu und legte seine rechte Hand in meine. „Drück zu, wenn wehtut, da?“
Die Heilerinnen säuberten ihr Heilerbesteck, besprachen noch ein paar Vorgänge und fingen dann an.
Breeg erlitt höllische Schmerzen.
Ich sah es, ich hörte es und ich spürte es auch an meiner Hand, die er drückte.
„Breeg. Wird alles gut. Wird jetzt wehtun, doch danach wird besser werden, da? Musst du ruhig bleiben und still halten. Dann sie werden helfen dir. Ist auch Odin bei dir. Ich weiß, dass er bei dir ist. Hab keine Angst, Breeg. Wird besser werden. Glaub mir.“, redete ich ohne Unterlass auf ihn ein.
Ich versuchte einerseits, ihn von dem Gerede der Heilerinnen abzulenken, denn sie machten das ganze Geschehen nicht besser, wenn sie ihm erzählten, was sie nun taten.
Außerdem versuchte ich, ihn einfach zu beruhigen.
Ganz so, wie es so viele schon bei mir geschafft hatten.
Zwar war meine Stimme nicht sonderlich beruhigend, das wusste ich, doch ich wollte es dennoch versuchen.
Vielleicht würde es ja trotzdem irgendwie helfen.
Wenn auch nur ein bisschen.

Bald war der Spuk endlich vorbei. Breeg wirkte noch sehr erschöpft und schwach, doch die Wunde war nun komplett versorgt und verbunden.
Nun konnte es nur noch besser werden.
Ich erhob mich und lief etwas über die Wiese, die nun komplett im Dunklen lag.
Es war irgendwie beruhigend und doch waren da diese Worte in meinem Kopf. Die Worte des Schädels, die er seit den Geschehnissen in Anrea nicht mehr gesagt hatte.
Was waren das nur für Worte gewesen?

In der Ferne saß eine Gestalt zwischen den Bäumen.
Ich zögerte, doch ich erkannte die Gestalt, als ich näher kam.
Der Mann mit dem Hammer.
„Hallo.“, begrüßte ich ihn leise. Ich hatte Angst vor seiner Reaktion, doch ich wollte unbedingt noch einmal mit ihm reden.
„Hallo Anastasya.“, gab er zurück.
An seiner Stimme erkannte ich, dass es wirklich der Mann mit dem Hammer war, der da sprach und nicht etwa der Schädel.
„Ich muss… nochmal mit dir reden.“, murmelte ich leise. Erst dann hob ich den Blick wieder, um ihn anzusehen.
„Setz dich.“, erwiderte er und ich setzte mich zu ihm.
Der Schädel lag im Gras neben ihm.
Und er begann zu erzählen.
Er erzählte über die Probleme, die Kirren betreffen und für die er sich schuldig fühlt.
Die Art und Weise, wie er sprach, hatte sich komplett verändert.
Er war ruhiger, gelassener. Wirkte nicht so wütend.
Doch was hatte diese Wut ausgelöst?
Während er redete, hörte ich erst einmal nur zu. Ich versuchte, den Mut zu fassen, ihn nach den Worten zu fragen. Doch ich hatte Angst, das Thema wieder auf seinen Totenschädel zu lenken.
Das ist deine Möglichkeit. Wenn du es wissen willst, dann musst du jetzt fragen.
„Ich habe Frage wegen Schädel.“, begann ich, als wir für einen Augenblick geschwiegen hatten.
Er nickte langsam.
„Als wir in Anrea waren… Da hat er Worte gesagt zu mir. Worte, die ich nicht verstanden habe. Aber irgendwie… Irgendwie wusste ich doch, was er sagt.“, erklärte ich ihm. „Aber… Will ich wissen, was Worte waren.“
„Aber wenn du doch weißt, was er dir damit sagen wollte, dann ist es doch egal.“, erwiderte der Mann mit dem Hammer.
„Njet.“, gab ich zurück. „Du… kannst doch Sprache, da?“
„Natürlich kann ich die Sprache.“
Es klang schon fast, als hätte ich ihn mit der Frage beleidigt.
„Kannst du mir sagen, was Worte bedeuten?“, bat ich ihn.
„Was für Worte waren es denn?“

Ich nannte ihm die sechs Worte, die mir der Schädel genannt hatte.
Der Mann mit dem Hammer nickte und übersetzte mir fünf der sechs Worte.
Ich sah ihn verwirrt an.
Hatte er eines der Worte nicht verstanden?
Oder hatte ich es mir falsch gemerkt?
„W-Was ist mit sechste Wort?“, fragte ich ihn verwirrt.
„Sechstes Wort?“, wiederholte er.
Ich ging noch einmal die sechs Worte durch und fand dann heraus, welches Wort er ausgelassen hatte. Ich wiederholte es.
Er sah mich an und nannte mir auch die Bedeutung von diesem Wort.
Dann grinste er.
„Du redest zu viel.“, sagte er in Richtung des Totenschädels, der noch immer in der Wiese lag.
Aus seiner Stimme klang eine Mischung aus Belustigung und Zorn.
Ich verstand nicht ganz, was los war.
„Dann kennst du jetzt auch meinen Namen.“, erklärte der Mann mit dem Hammer und ich erstarrte. „Kannst dir ja denken, welches Wort es war.“
Ich starrte ihn fassungslos an.
Wusste ich nun tatsächlich seinen Namen?
War es das, was mir der Schädel verraten hatte?
Den Namen, den mir dieser Mann nie nennen wollte?
Den mir auch niemand anderes genannt hatte, den ich gefragt hatte?
„Nicht einmal Galador kennt den Namen.“, murmelte der Mann mit dem Hammer.
Ich sah ihn an.
Das konnte er nicht ernst meinen.
Dann hatten sie mich also nicht nur ärgern wollen, als sie mir seinen Namen nicht verraten wollten.
Sie wussten ihn wirklich nicht.
„Aber… aber wieso hältst du den Namen geheim?“, fragte ich dann.
„Namen sind doch gar nicht wichtig.“, erklärte er. „Angenommen, diese Leute dahinten wollen mit mir trinken, aber sie kennen meinen Namen nicht. Dann überlegen sie sich doch dreimal, ob sie mich wirklich dabei haben wollen, oder? Und wenn sie mich wirklich um sich haben wollen, dann würden sie auch herkommen und mich persönlich fragen, anstatt mich zu rufen, oder?“
Das klang absolut schlüssig.
Ich hatte noch nie zuvor darüber nachgedacht, doch er hatte Recht.
Jemanden zu rufen war einfach und mit keinem Aufwand verbunden.
Man konnte jeden rufen, dessen Namen man kannte.
Doch wenn nicht…
„Da… Das… klingt richtig.“, gab ich zurück und dachte noch einen Augenblick darüber nach.
Mir gefiel diese Denkweise irgendwie.
„In meiner Heimat benutzt man keine Namen.“, erklärte er dann. „Man kennt auch nur die Namen der Personen, die einen hohen Rang haben.“
Ich hörte ihm aufmerksam zu .
Seine Heimat. Dieses Land des ewigen Sandes.
Ich erinnerte mich an einen Abend in Moordorf, an dem er mir schon einmal davon erzählt hatte.
Er hatte diesen Ort mit einem Strand ohne Wasser verglichen.
Einen Strand, an dem ausschließlich Sand war.
Ich hatte es mir nicht vorstellen können und auch jetzt konnte ich es mir nicht vorstellen, doch es klang interessant.
„Eines Tages musst du mal dorthin mitkommen.“, sagte er und ich starrte ihn an. Ja, es klang nach einem Ort, den ich mir ansehen wollte.
„Da.“, erwiderte ich. „Ist warm dort, eh?“
Er nickte. „Ja, ziemlich.“
„Wärmer als hier?“, fragte ich. Hier, im Süden war es schon so warm gewesen, dass ich fast alle Felle hatte ablegen müssen.
„Ja. Viel wärmer.“, gab er zurück.
„Viel wärmer?!“, wiederholte ich verwirrt.
Wie konnte es viel wärmer sein als hier?
Waren wir nicht schon im Süden?
Wie sollte man das aushalten?
Doch ich wollte es sehen.
Ich wollte wissen, wovon er da sprach.
Ich wollte wissen, was das für ein Ort war, an dem Namen keine Rollen spielten.

Nach einer Weile spürte ich, wie die Müdigkeit mich übermannte.
Ich war froh, dass wir die Untoten vertrieben hatten, denn so konnte ich in Ruhe an diesem Ort schlafen gehen.
Auch der Mann mit dem Hammer erhob sich und verabschiedete sich von mir.
Es war seltsam, seinen Namen zu kennen, doch irgendwie freute ich mich auch.
Aber ich würde seiner Bitte folgen und auch seinen Namen niemandem verraten.

Ich suchte Unterschlupf in einem Raum neben der Taverne.
Als ich die Taverne durchschritt, kam ein Mann der Miliz auf mich zu und überreichte mir meine Axt, mein Schwert und meinen Dolch.
„Verzeiht, dass wir nicht helfen konnten.“
Ich nahm die Waffen an mich.
„Da. Habe ich gesagt. Aber… habt Dank.“, erwiderte ich und ging dann an ihm vorbei.
Im Nebenraum angekommen breitete ich meinen Mantel aus und rollte mich darin ein.
Axt und Schwert legte ich direkt neben mich, bedeckte sie aber ebenfalls mit meinem Mantel.
Falls etwas passieren würde, würde ich schnell genug an meinen Waffen sein.
Ich sah kurz zu meiner linken Hand und wickelte den Verband ab.
Die Fingerkuppen sahen nicht mehr ganz so schlimm aus – die Fingernägel waren zumindest ein ganzes Stück nachgewachsen.
Hoffentlich würde ich bald wieder mit beiden Waffen kämpfen können.

Das waren meine letzten Gedanken, bevor ich in die Schwärze sank.


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