Eine Geschichte der NSCs, die wir zum ersten Mal beim „In Cold Blood“ von LARP.net spielen durften.

1 - Einsamkeit

Die Menschen verließen uns so schnell, wie sie uns erreicht hatten. Es dauerte nicht lange, bis der Ort wieder leer war. Nur wir konnten ihn nicht verlassen.

„Und jetzt?“, fragte ich und blickte Jaron an. Ich musste an die nie enden wollenden vergangenen Tage denken, an denen kein einziger Mensch aufgetaucht war. Es war furchtbar. Und jetzt würde sich das Ganze wiederholen.
„Siehst Du, was Deine ach so tollen Menschen machen? Sie lassen uns im Stich.“, antwortete er.
Ich nickte. Was sollte ich darauf antworten? Er hatte definitiv recht damit.

Tagsüber blieben wir im Gebäude und hielten uns vom Licht fern. Die Gänge unter der Taverne waren dunkel und kühl. Während die Tage immer länger und wärmer wurden, konnten wir es da unten gut aushalten.

Doch mit den Tagen wurde der Hunger stärker. Die Schankmaid war noch ein paar Tage da, doch da sie immer betrunken war, würde ihr Blut uns nur vergiften. Wir mussten auf Besuch hoffen.
Jaron wurde immer ungehaltener.

In den Nächten streiften wir über das Gelände und jagten ein paar kleine Tiere – Mäuse, Ratten und Kaninchen. Sie schmeckten fürchterlich, aber immerhin kamen wir dadurch wieder zu Energie.

In manchen Nächten zeigte sich der Dämon wieder, doch er hatte kein Interesse daran, mit uns um seine Freiheit zu spielen. Auch er sehnte sich nach Menschen, die ihn unterhalten würden.
Mir fiel es immer schwerer, Jaron Hoffnung zu machen. Mit jedem vergehenden Tag verschlechterte sich seine Laune. Er tat mir leid und gleichzeitig schwand auch bei mir der Mut.

Ich schaffte es nicht mehr, die Tage zu zählen. Es wagten sich kaum noch Tiere in unsere Nähe und je mehr Kraft ich verlor, desto schwieriger wurde das Jagen für mich. Mein Kopf schmerzte und wieder einmal fragte ich mich, wer uns hier gefangen haben könnte. Etwa Lewander? Oder war es wirklich ein Vampirjäger?

‚Wir sterben.‘, dachte ich. Die ausgelassenen Feiern am Hofe waren schon so lange her. Ich konnte mich beinahe nicht mehr daran erinnern. Hatte ich das alles aufgegeben, um nun in einer einsamen Taverne zu sterben?

2 - Unerwarteter Besuch

Auf einmal hörten wir Schritte in der Taverne. Am helllichten Tage, während wir uns im Keller ausruhten. Menschen? Meinem Kopf fiel das Denken schwer. Ich schleppte mich die steile Treppe hinauf und das einfallende Licht blendete meine Augen – ich würde also erst nach Sonnenuntergang nachschauen können.
Also blieb ich mit Jaron im Keller und versuchte, ihm Hoffnung zu machen.
„Hörst Du die Schritte? Da läuft Jemand herum, der schwerer ist als die Schankmaid“, sagte ich ihm und leckte mir über die Zähne.
Jaron erwiderte nichts, doch ich sah ihm an, dass auch er hungrig war. Seine Augen weiteten sich etwas und er horchte auf die Schritte.

Die Zeit verging quälend langsam und wir befürchteten schon, dass der Mensch verschwinden würde, bevor die Sonne untergegangen war, doch die Schritte waren beständig zu hören und so schöpfte ich neue Hoffnung. Er würde uns vielleicht nicht befreien können, aber durch ihn würden wir immerhin noch ein bisschen weiterleben können. Die neue Energie würde mir helfen, klarer über das Problem nachzudenken.

Ich stieg die Treppe hinauf und schob das Gitter beiseite. Die Stimme des Fremden drang an mein Ohr: „Hiermit verbanne ich den Dämon zurück an den Ort, von dem er gekommen ist. Auf dass er diesen Ort nicht mehr bedroht und die Menschen in Ruhe lässt.“
Der Mann klang wie einer der Magier, die wir in letzter Zeit häufig beobachten durften. Sorgte er etwa dafür, dass uns dieser nervige Dämon vom Leib blieb? Umso besser, dann konnten wir vielleicht endlich diesen Ort verlassen!
„Jaron, er vertreibt den Dämon!“, rief ich meinem Mann zu, doch er war zu abgelenkt vom Blutgeruch. Auch ich konnte aus dieser Entfernung sein Blut riechen. Wir folgten dem Geruch. Jaron nahm keine Notiz von mir, er lief einfach an mir vorbei und stürmte auf den Mann zu. Seine Augen glitzerten gierig.

Ich folgte ihm. Der Mann stand draußen in der Nähe des Lichtes, das einen Teil unseres Käfigs bildete. Würde er den Käfig vernichten und uns befreien? Wie Nadelstiche kribbelte mein ganzer Körper – der Gedanke an die Freiheit ließ mich erschaudern.

Jaron ging auf den Mann los. Als er seine Haut fast erreicht hatte, prallte er ab. Der Mann schützte sich offenbar durch irgendeinen Zauber.
„Ein weiteres Ungetüm – dieser Ort scheint verflucht zu sein.“, tönte seine tiefe Stimme. Dann fiel sein Blick auf mich. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass er für uns nur Abscheu empfand. „Einen Dämon habe ich verbannt und euch zwei werde ich auch unschädlich machen.“
Aus der Hoffnung wurde Angst. Ich wollte nicht sterben. Mir gefiel mein Dasein als Vampir.
Jaron wurde zornig und versuchte erneut, den Mann anzufallen. Es gelang ihm nicht.
Seine Macht war nicht stark genug. Er verlor gegen einen Menschen. Ich riss die Augen auf. Was für ein erschütternder Gedanke.

Doch es blieb nicht dabei. Der Mann packte uns und zerrte uns mit sich.
„Heute werde ich euch nicht den Gefallen tun und euch vernichten. Ich sperre euch in den Kerker und dort könnt ihr verrotten.“
Ich versuchte mich zu wehren, doch etwas hielt meinen Körper starr. Es gab keine Möglichkeit, mich aus dem Griff des Mannes zu lösen. Der Blutgeruch stieg in meine Nase und ließ mich erzittern. Mein Körper sehnte sich so sehr nach seinem Blut. Ich war so nah dran und hatte doch nicht die geringste Möglichkeit, an ihn heranzukommen.

Er schleifte uns die Treppen hinab, zog ein paar glänzende Ketten aus einer Tasche.
„Mein Name ist Olaf und ich bereinige die Welt von allem Schändlichen.“
Es klang wie ein Lobgesang und mir wurde schlecht.
Der Mann roch jetzt fürchterlich nach Schweiß – das wunderte mich bei der Masse seines Körpers kaum. Doch egal, wie schlimm ich über ihn dachte, ich konnte meinem Schicksal nicht entfliehen.

Er zog die Kette durch einen Ring an der Decke. An beiden Enden waren je zwei Schlingen, die er an unseren Handgelenken befestigte. Als das Metall meine Haut berührte, erzitterte meine Haut zuerst aufgrund der Kälte, doch dann begann es zu brennen. Wie heißes Eisen schnitt sich das Metall in mein Gelenk und ich wagte es nicht, die Hände zu bewegen. Was war das für eine Magie?

Jaron schien es ähnlich zu gehen, denn der keuchte auf, als er an der Kette befestigt wurde.
„Hier könnt ihr Niemandem schaden.“, sprach der Mann und seine Worte klangen wieder wie Gesang. Trotz seines Umfangs stolzierte er aus dem Kellergewölbe heraus und hinterließ nichts als Dunkelheit und Gestank.

3 - Gefangen

Ich holte tief Luft. Ruhe bewahren. Ja, wir mussten Ruhe bewahren.
Jaron hatte da eine völlig andere Meinung, denn er zerrte an den Ketten und drückte sich dagegen. Da wir an ein und derselben Kette hingen, verkürzte sich dadurch meine Bewegungsfreiheit und ich wurde in Richtung des Rings gezogen.
„Liebster, hör auf damit, das schadet uns nur.“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Er sah mich grimmig an.
„Und was schlägst Du vor?“
Ich seufzte und wusste darauf keine Antwort.
„Deine ach so großartigen Menschen sind übrigens daran schuld. Und das vorhin war auch ein Mensch!“, warf er mir vor und drehte sich von mir weg. Das schmerzte und erinnerte mich an den Tag, an dem er nicht aus Lewanders Thronsaal herauskommen wollte. Hatte ich mich so sehr in ihm getäuscht.

Ich warf einen Blick zum Ring an der Decke. Er sah sehr stabil aus. Vermutlich würden unsere Kräfte nicht ausreichen, um ihn zu zerstören. Die Schritte über uns erklangen nicht mehr – der Fremde war fort.

Da sich kein einziger Lichtstrahl in diese Katakomben verirrte, wusste ich nicht, ob es Tag oder Nacht war. Nichts veränderte sich, nur unser Hunger wuchs. Es war schlimmer als ich es jemals für möglich gehalten hatte. Früher hatte ich nur Angst gehabt, dass wir als Vampire irgendwann sterben würden, wenn wir kein Blut bekamen. Das hier war schlimmer.

Mein Kopf schmerzte, ich musste ständig blinzeln. Dazu brannten meine Handgelenke unaufhörlich. Das Kleid fühlte sich unangenehm an und ich hörte Ratten durch die Gänge laufen. Das Blut von Ratten schmeckte fürchterlich abgestanden und nach all den Orten, an denen sie sich aufhielten – trotzdem wünschte ich mir in diesem Moment nichts sehnlicher, als das Blut aus den Ratten zu saugen. Doch da die Ratten sich nicht in unsere Nähe wagten, kamen wir an kein Blut.

Jarons Laune wurde immer schlechter. Meine Gewissensbisse wuchsen. War es wirklich meine Schuld? Warum hatten die Menschen uns beim Castell Lazar geholfen, wenn sie uns jetzt im Stich ließen? Was würde mit uns passieren? Würden wir auf ewig hier gefangen sein und nicht sterben? Oder würde uns der Hungertod irgendwann holen?

Ich kann kaum beschreiben, wie es mit mir weiterging, weil ich mich nur an vereinzelte Momente erinnere. Immer, wenn eine Ratte sich uns näherte, warf ich mich in die Ketten und hoffte, dass Jaron aufgab und mir den Platz überließ. Doch er zog die Kette gnadenlos weiter in seine Richtung. Dort vermutete er auch eine Ratte.
„Lass los!“, schrie ich ihn an.
„Nein, warum sollte ich? Ich bin viel mächtiger, ich brauche die Ratte viel eher.“, erwiderte er und fauchte mich an. Seine spitzen Zähne blitzten auf.
„Du kannst danach die andere haben!“
„Als ob!“
Er vertraute mir nicht und ich vertraute ihm genauso wenig. In diesem Zustand hätte er sicher jede Ratte ausgesaugt, die er gefunden hätte.

So ging es immer weiter. Manche Momente sind sehr verschwommen und in manchen stritten wir um die Ratten. Die Ketten hatten sich immer weiter und weiter in meine Handgelenke gebohrt. Ich hatte gehofft, die Schmerzen irgendwann nicht mehr zu spüren, doch so war es nicht. Das Brennen blieb da, war mal stärker und mal schwächer, aber nie gänzlich verschwunden. Würden mir bald die Hände abfallen, weil sich die Ketten so sehr hineinbrannten? Was war das für ein Metall? Wie konnte es immer noch brennen, obwohl der Mann schon seit einer gefühlten Ewigkeit fort war?

4 - Stimmen

Eine unbestimmte Zeit verging. Die Anfälle wurden schlimmer und ich fühlte, wie mein Bewusstsein sich von mir entfernte. Der Geruch des Blutes wurde immer stärker. Es machte mich schier wahnsinnig.

Vor meinen Augen flackerte es ab und zu. Die Kraft schien mich vollständig zu verlassen. Und doch wollte mein Körper nichts Sehnlicher als zu der Ratte hinzulaufen und sie auszusaugen.

Auf einmal wurde es über uns lauter. Meine Sinne stellten sich auf die Neuankömmlinge ein. Menschen – viele davon. Gab es noch Hoffnung? Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

Wieder einmal verging eine unbestimmte Zeit. Ich hörte manchmal Schritte von oben. Jaron knurrte und fauchte – seine Gier wuchs ins Unermessliche. Der Blutgeruch wurde stärker. Die Ratten sahen noch viel appetitlicher aus, jetzt, wo wir so ausgehungert waren.

Ich zog an der Kette, riss daran, stemmte mich dagegen. Das Metall schnitt sich in meine Haut und brannte sich dort ein. Es war mir egal.
„Lass mich!“, schrie ich zu Jaron.
„Lewander hat mir die Macht gegeben, nicht Dir!“, erwiderte Jaron und fauchte mich an. Seine spitzen Zähne sehnten sich nach dem Blut.
„Und was bringt sie Dir jetzt, Deine Macht?“, fragte ich und zog kräftiger. Das Rascheln der Ketten bestätigte, dass ich Jaron ein Stück Kette wegziehen konnte. Es reichte nicht. Ich kam nicht an die Ratte dran.

„Ja, das sind unsere Vampire.“, hörte ich auf einmal eine Stimme. Erst dann bemerkte ich, dass sich Menschen im Keller versammelt hatten. Wie hatte ich das nicht mitbekommen? Ich riss gegen die Kette und im nächsten Moment lag ich im Staub. Was war geschehen? Ich drehte den Kopf. Jaron lag ebenfalls. Die Kette schnitt sich weiter ins Handgelenk, doch offenbar hatte sich die Verbindung der einzelnen Ketten gelöst. Trotz der Schmerzen waren wir frei!

Als ich das realisierte, kämpfte ich mich nach vorne und fiel die erstbeste Person an, die ich finden konnte. Erst später bemerkte ich, dass es dieser Magier in blau war, den wir schon vom letzten Mal kannten. Es wirkte so, als würden immer wieder die gleichen Menschen kommen.
In meiner nächsten Erinnerung lag der Mann am Boden. Jaron war auch bei ihm. Die anderen Menschen waren in Aufruhr. Eine bekannte Stimme sprach mit uns, versuchte uns zu beruhigen. Irgendetwas Fremdes drang in meinen Kopf. Ich hörte eine fremde Stimme, deren Sprache ich nicht verstand. Was sagten diese Worte?

Dann lag ich auf einmal wieder am Boden. Meine Handgelenke schmerzten. Es war laut, manche redeten, andere schrien. So viele Menschen, so viel Blut. Licht blendete mich und bohrte sich wie Nadeln in meine Augen. Ich konnte nichts dagegen tun, dass mich das Blut anlockte. Wieder trank ich Blut von irgendeiner Person. Ich kann bis heute nicht sagen, wer genau es war, es ist keine Erinnerung übrig.

Dann ein kurzer klarer Moment. Menschen sprechen mit uns. Jemand kommt mir bekannt vor, er ist aber kein Mensch. Jaron rastet aus und stürzt sich auf einen Menschen. Wieder Blut. Der starke Geruch, das Geräusch seiner Zähne, die sich in die Haut bohren. Der Hunger ist auf einmal wieder stark. Wieso? Meine Handgelenke. Der Schmerz ebbt nicht ab. Es wird wieder schlimmer.

Jemand sitzt auf mir, redet auf mich ein. Wann ist das passiert? Blut. Ich rieche viel Blut. Meine Handgelenke sind aufgerissen und schmerzen fürchterlich.
„Ich habe versprochen, dass ich euch helfen werde.“, sagt eine Stimme.
Ich drehe den Kopf, die Person kommt mir bekannt vor. Es ist der Mondelf, der uns schon beim letzten Mal versucht hatte zu helfen.
„Es war eine lange Zeit ohne Nahrung.“, sage ich.
„Tut mir leid, dass ich nicht früher kommen konnte.“, erwidert er.

Die Erinnerung schwindet. Ich erinnere mich daran, dass ich Jaron gegen die Wand drücke und ihn anschreie. Er solle sich beruhigen, weil es ja auch keinen anderen Weg gäbe, als die Menschen um Hilfe zu bitten. Damit ist er nicht einverstanden. Wir streiten laut, schubsen uns herum und fauchen uns an. Wie ist es nur dazu gekommen? Jemand geht dazwischen. Der Augenblick verschwimmt.

Der nächste klare Moment. Es ist laut. Geschrei. Viel Blut. Jaron hängt an einem Mann und trinkt von ihm. Ich stürze mich darauf. Der Blutdurst ebbt nicht ab. Wegen der Schmerzen? Ich bin nicht sicher, weiß nur, dass mir das Blut schmeckt. Der Mann liegt wenig später auf dem Boden, direkt im Gang. Wir ziehen uns zurück. Da fällt mir auf, dass Jaron die rechte Hand fehlt. Ich bin fassungslos, starre ihn an.
„Wer war das?“
Es macht mich wütend, aber ich weiß, dass ich vernünftig sein muss. Ich muss ihn irgendwie beruhigen.
„Auch dafür finden wir eine Lösung.“, sage ich. „Sobald wir hier raus sind.“

Die Menschen haben den Keller verlassen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Verstand wird immer wieder abdriften, das weiß ich jetzt. So werden wir nie herauskommen. Wenn wir nach oben gehen, werden wir dort ein Blutbad veranstalten und dann werden wir erst recht keine Hilfe erhalten.

„Die Ketten sind das Problem.“, sage ich zu Jaron und hebe meine Hände. „Wenn sie uns befreien, können wir sicher klarer sehen.“
Jaron grummelt. Ich weiß nicht, wie ich ihn beruhigen soll.

5 - Unsere Geschichte

Eine lange Zeit ist es wieder still. Schritte über uns zeugen von der Anwesenheit der Menschen, doch hier unten ist niemand.

Dann auf einmal Schritte, die sich nähern. Gemurmel. Es sind Worte, die ich nicht wirklich verstehe, aber irgendwie klingt es bedrohlich.

Zwei Männer betreten den Raum. Sie kommen mir nicht bekannt vor. Sie sind bewaffnet und es wirkt ganz so, als würden ihre Waffen glimmen. Irgendeine fremde Macht geht von ihnen aus.
Ein Blickwechsel mit Jaron. Auch er scheint es zu spüren. Wir müssen uns zurückhalten und einen klaren Kopf bewahren.

Sie fragen uns nach unserer Geschichte. Jaron geht langsam auf sie zu. Ich hoffe, dass er sie in Ruhe lässt. Nicht, dass er am Ende mehr verliert als seine Hand.
„Wir wurden gefangen genommen.“, sagt er.
Der Größere der beiden Männer lacht. Er gibt sich damit nicht zufrieden, beschwert sich über die Geschichte, da sie ihm zu kurz ist. Wir holen weiter aus, erzählen von dem Dämon, der mit den Menschen ein Spiel spielen wollte und von den Lichtern, die uns irgendwie gefangen halten. Dann erzählen wir ihm noch von Olaf, dem Mann, der den Dämon vertrieben und uns hier angekettet hat.
Auch diese Geschichte stellt ihn nicht zufrieden. Ich frage mich, was er hören will.

„Könnt ihr uns befreien?“, frage ich und deute auf die Ketten, die immer noch an unseren Handgelenken sind.
Er sagt, dass wir mit Sicherheit aus einem Grund festgehalten werden. Woher will er das bitte wissen? Das stimmt nicht und das versuchen wir ihm klarzumachen, doch er will uns nicht glauben. Dann gehen die beiden. Wir sind allein.

6 - Befreiung

Es vergeht eine gewisse Zeit, in der nichts passiert. Wir sind allein und hören über uns weiterhin die Schritte der Menschen. Wie soll es weitergehen?

„Wir müssen nach oben.“, sage ich zu Jaron. „Aber wir sollten vorher alle Ratten fangen und aussaugen. Wir müssen klar im Kopf sein.“
„Mh“, erwiderte er und knurrte. Ob wir uns wieder streiten würden?
Doch er versteht es und wir jagen den Ratten hinterher. Ihr Blut schmeckt nicht besonders gut, aber es hilft. Mein Verstand bleibt fürs Erste stabil und wir gehen den Gang entlang und die Treppen hoch.

Das Gitter ist zu, doch die ersten Leute bemerken mich und bleiben stehen.
„Untote!“, ruft einer und läuft weg. Was für ein Unsinn, denke ich und halte Ausschau. Ist der Mondelf noch irgendwo? Ob er mir immer noch helfen möchte?

Es vergeht ein Augenblick, dann drücken wir die Gitter auf. Da uns das Rattenblut gestärkt hat, fällt es uns gar nicht so schwer. Doch ich krabble auf dem Boden und schiebe das Schloss der Ketten nach vorne, damit ich den größtmöglichen Abstand dazu habe. Ich will zeigen, dass ich ungefährlich bin und einfach nur Hilfe brauche. Meine Handgelenke brennen noch immer, diesen Schmerz ertrage ich nicht länger.
Der Mondelf kommt zu mir und ich erkläre ihm das Problem. Die Ketten sorgen dafür, dass wir weiterhin Blut brauchen. Jaron steht hinter mir und knurrt. Wieder einmal ist er viel zu ungeduldig.

„Warum wollt ihr die befreien?“, fragt Jemand.
„Sie kommen doch sowieso nicht heraus.“, sagt eine Frau.
Darauf reagiert Jaron sofort, steigt über mich drüber und schreitet auf die Frau zu. Die Leute laufen weg, manche schreien. Jaron läuft nach draußen.

Ich hocke weiterhin auf der Treppe und die ersten Personen versuchen sich an dem Schloss. Es dauert lange. Nach und nach spüre ich, wie der Hunger wächst. Ich muss mich kontrollieren, denn wenn ich jetzt Jemanden anfalle, wird mir niemand mehr helfen. Dann wären wir weiterhin gefangen und das muss ich um jeden Preis verhindern.

Der Mondelf hilft mir und gibt mir etwas von seinem Blut. Mein Zustand verbessert sich etwas.
Jemand kommt zu uns und sagt, dass draußen ein Vampir herumrennt. Er schlägt vor, „die Vampire zusammenzubringen.“ Ich schaue zu ihm auf.
„Das ist mein Mann.“, erwidere ich und seufze.
„Umso besser. Vielleicht sucht er Euch ja.“
Ich schüttle den Kopf und bin fassungslos. Hat dieser Mann gar nichts mitbekommen? Wir suchen doch nur einen Weg hier heraus.
Ich muss mich zusammenreißen, um nicht auf diesen Mann loszugehen. Er verschwindet wieder nach draußen.

Sie schaffen es, das Schloss zu knacken. Ich gehe nach draußen, um Jaron zu beruhigen. Auch sein Schloss wird geknackt und die Ketten gelöst. Endlich keine neuen Schmerzen mehr.
Ich gebe dem Mondelf die Teile des Zettels, die wir beim letzten Mal gefunden haben. Das Zusammensetzen war uns damals nur zum Teil gelungen, denn es schienen Fragmente zu fehlen. Außerdem sind es fremde Zeichen, die wir nicht deuten können. Auch hier sind wir wieder auf die Hilfe der Menschen angewiesen.

7 - Fremde Worte

Wir betreten das Gebäude und setzen uns an einen Tisch. Manche Menschen um uns herum sprechen lautstark über uns. Sie sind nicht einverstanden, dass wir befreit wurden. Ich schüttle den Kopf. Wie kommt es, dass die Menschen uns so hassen? Ich kann es nicht verstehen.

Gemeinsam setzen wir die Fragmente zusammen. Es ist das gleiche Problem – es fehlen ein paar Stücke. Wir schicken einen der Menschen los, um die Schankmaid zu fragen. Leider kommt er ohne Ergebnis wieder – die Stücke sind also verloren. Vielleicht hat der Wind sie bereits davongeweht. Dann müssen wir es wohl so schaffen.

Wir finden einen Mann, der sich mit den Zeichen auskennt. Er setzt sich zu uns an den Tisch und fängt an, die Zeichen zu übersetzen. Die Zeichen sind wohl etwas seltsam angeordnet, sodass wir noch einmal die einzelnen Worte durchsprechen, um zu einer lesbaren Übersetzung zu kommen. Ich bin dankbar, dass der Mann uns hilft, weiß aber nicht, wie ich mich bei ihm bedanken kann. Kupfer könnte ich ihm geben, aber vielleicht sollten wir erstmal dafür sorgen, dass wir diesen Ort auch wirklich verlassen können.
Da uns der mittlere Teil des Textes fehlt, wissen wir nicht, wer uns hier gefangen hat. Verdammt, das hätte ich sehr gerne gewusst!

Zum Glück reichen die Informationen aus, um diesen Bannkreis zu lösen. Das bleibt zumindest zu hoffen. In dem Text steht etwas von einem Salzkreis, der um die einzelnen Ankerpunkte gestreut werden muss. Außerdem müssen bestimmte magische Worte gesprochen werden. Noch dazu sollen alle Ankerpunkte möglichst gleichzeitig bearbeitet werden. Wie sollen wir das schaffen? So viele Magier stehen uns nicht zur Verfügung.

Die Personen am Tisch äußern ihre Bedenken und mittendrin kommt der Mann zu uns, der uns schon im Keller so komisch angesprochen hatte.
„Ihr habt einen Freund von mir angefallen und das kann und werde ich nicht tolerieren.“, sagt er und setzt sich neben mich.
Ich schaue ihn an, sein Blick macht deutlich, dass es ihm ganz und gar nicht gefällt und er uns am liebsten tot sehen würde. Er versteht unser Problem nicht.
Ich versuche es mit einer Erklärung: „Stellt Euch vor, Ihr habt monatelang nichts zu essen bekommen und wart gefangen. Dann kommt endlich Jemand mit einem ganzen gebratenen Stück Fleisch zu Euch. Ihr seid nahezu wahnsinnig vor Hunger und dann sagt dieser Mensch zu Euch, dass Ihr noch warten müsst, weil das Fleisch noch zurechtgeschnitten werden muss. Könntet Ihr wirklich warten, während der Hunger Euch zerfrisst?“

Er denkt nach. Ich habe das Gefühl, dass sein Körper vor Wut bebt. Ihm liegt viel an seinem Freund, das spüre ich. Und doch lässt er von uns ab und droht uns, sollte das noch einmal vorkommen. Dann erhebt er sich und geht wieder. Ich atme aus. Wie anstrengend. Und doch bin ich froh, dass er uns irgendwie geglaubt hat.

Wir beschließen, das Ritual durchzuführen. Ich bitte die Personen darum, weil ich nicht noch länger gefangen sein will. Es liegt ja auch in ihrem Interesse, damit wir nicht beim nächsten Mal wieder so angriffslustig und hungrig sind. Allerdings können wir ihnen dafür lediglich Kupfer anbieten und auch nur, wenn es funktioniert.

Sie fragen sich, ob es eine gute Idee ist. Ich hoffe, dass sie sich nicht dagegen entscheiden werden.

8 - Das Ritual

Sie rufen die einzelnen Leute zusammen. Der Schlüssel für die neuen Tavernenräume der Schankmaid wird benötigt. Es handelt sich um den Schlüssel, den wir beim letzten Mal aus diesem Teich geangelt haben. Dann wird auch noch ein Alchemist gefragt, weil er durch den Garten mit den Spinnen hindurchlaufen kann. Offenbar ist er immun gegen ihr Gift. Ich frage nicht weiter nach, sondern freue mich einfach auf die Freiheit.

Jaron ist immer noch nicht überzeugt. Seine Unruhe macht mich nervös und ich versuche, ihn mit der Aussicht auf Freiheit zu beruhigen. Ich male mir mit ihm zusammen die Möglichkeiten aus und versuche, ihn so bei Laune zu halten. Es funktioniert. Zumindest fürs Erste.

Wir beginnen bei dem ersten Licht. Es ist der Ankerpunkt, bei dem vor zwei Monden der Dämon gestört hatte. Da er gebannt wurde, können die Magier hier nun frei agieren. Zwei kleine Fläschchen mit Salz wurden bereits gefunden, sodass wir nur beim dritten Ankerpunkt eine weitere Möglichkeit finden müssen, um an Salz zu kommen.

Der Inhalt eines Fläschchens reicht so gerade für den ersten Ankerpunkt. Mein Körper kribbelt.
Der Mondelf sagt die Worte. Das Licht leuchtet weiterhin. Jaron seufzt. Ich sehe ihn an. Seine Augen wirken sehr müde. Er hat genug von alldem. Ich versuche ihn zu beruhigen, weiß aber selbst nicht mehr, woher ich gute Gedanken nehmen soll. Es wirkt alles so ausweglos.

Ein weiterer Versuch. Diesmal erlischt das Licht. Hoffnung keimt in mir auf und macht mich ganz unruhig. Es hat funktioniert! Dann werden die anderen Ankerpunkte auch erlöschen!

Wir laufen zum nächsten Punkt. Ein weiterer Versuch. Diesmal sind wir in dem neuen Tavernenraum der Schankmaid. Es ist dunkel und die Menschen haben Schwierigkeiten, dort etwas zu sehen.
Hier läuft es sehr ähnlich ab – allerdings nutzen sie für den Salzkreis einfach einen Salzkristall, den der Mann bei sich trägt, der die fremden Zeichen lesen konnte.

Es scheint gut zu funktionieren, denn auch dieses Licht erlischt nach kurzer Zeit. Ich schaue Jaron an und meine Vorfreude wächst ins schier Unermessliche. Selten habe ich mich so sehr auf meine Freiheit gefreut.
Für den letzten Ankerpunkt wird der Alchemist mitgenommen. Er geht an einem Stock und dementsprechend braucht er eine Weile bis zum Zielort. Egal – Hauptsache frei!

Er klettert erfolgreich durch den Spinnengarten, stellt Gegenstände zu dem Licht und der Mondelf spricht die Worte. Das Licht erlischt. Wir begeben uns in Richtung Ausgang. Meine Beine zittern beinahe, während ich einen Fuß vor den nächsten setze. Die Freiheit ist zum Greifen nah. Wie lange habe ich mich nicht mehr so gefühlt?

Reines Glück durchströmt meinen Körper. Ich kann beinahe nicht damit umgehen.
Wir schreiten auf das Tor zu, die Freiheit ist genau vor uns.
Und wir prallen gegen eine unsichtbare Mauer.

Nein! Das darf nicht sein! Es hat nicht funktioniert?

Ich seufze und lasse den Kopf hängen. Jaron knurrt. Am liebsten würde er ausrasten. Er will sich rächen, er will den angreifen, der seine Hand abgeschlagen hat. Er weiß, er es war.
Ich packe ihn, halte ihn fest. Woher soll ich diese Ruhe nehmen? Ich kann nicht mehr. Weiter gefangen.
Wir schreiten auf die Leute zu.

„Es geht nicht.“, sage ich und meine Stimme klingt erstaunlich ruhig – im Gegensatz zu dem Sturm, der in mir tobt.

9 - Freiheit?

Die Personen sprechen miteinander. Sie versuchen, eine Lösung zu finden und wollen verstehen, wieso es nicht funktioniert hat.

Sie sprechen darüber.
„Wir können es noch einmal versuchen.“, sagt einer von ihnen. „Wir machen es etwas schneller. Vielleicht waren wir zu langsam. Bleibt dort vorne und geht sofort, wenn wir fertig sind.“

Ich nicke. Jaron ist ungehalten.

„Bleib ruhig. Ohne sie schaffen wir es noch weniger. Was würdest Du machen, wenn wir sie nicht hätten? Weiter hier gefangen sein?“, sage ich zu ihm.
Er neigt den Kopf. Es tut ihm weh, aber er versteht. Er nickt leicht. Hoffentlich hat er es wirklich verstanden.
Wir warten. Die Zeit vergeht nicht. Ich fühle mich in den Keller zurückversetzt. Wir stehen und können nichts tun. Können nicht helfen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen die Personen zurück.
„Los!“, sagen sie. „Die Lichter sind erloschen.“
Wir laufen los. Ich nehme Jarons Hand. Wir bewegen sich auf das Tor zu. Weiter, immer weiter.
Ich erwarte schon das Gefühl der unsichtbaren Mauer, laufe extra langsamer, um den Aufprall nicht zu schmerzhaft zu machen.

Doch es geht. Meine Schritte überqueren den Punkt. Die Mauer ist überwunden. Freiheit. Wir sind frei! Diesen Ort würden wir so schnell nicht mehr betreten.

Am liebsten würde ich mich bei den Personen bedanken und mir fällt ein, dass ich ihnen das Kupfer noch nicht gegeben habe. Aber ich traue mich nicht, den Ort wieder zu betreten. Wenn die Barriere wieder auftaucht, wären wir schon wieder gefangen. Das möchte ich nicht riskieren.

Also machen Jaron und ich uns auf den Weg. Es ist ungewiss, aber wunderschön.

Ich liebe die Freiheit.

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