Als ich am nächsten Morgen erwachte, war es noch dunkel.
Ich nahm meine Waffen und verließ den Ort über den gleichen Weg, über den ich ihn betreten hatte – durch die Stadt.
Obwohl mir Menschenmengen zuwider waren, bevorzugte ich es, nicht wieder an diesem seltsamen Sumpffieber zu erkranken.

Die Stadt war noch ruhig und die meisten Einwohner schienen noch zu schlafen.
Das erleichterte mir meinen Weg erheblich, weil mich niemand ansprach oder aufhalten wollte.
So lief ich einfach über die immer gleichen Straßen der Stadt, bis ich endlich wieder in einer Art Wald endete.
Wo ich nun ankommen würde, wusste ich nicht. Vermutlich war es besser, einen Weg einzuschlagen, der mir vollkommen unbekannt war.
So würde ich vielleicht neue Orte kennenlernen, an denen ich nicht als Wurzel allen Übels galt.

Doch es sollte anders kommen.
Mit jedem zurückgelegten Schritt wurde der Wald dichter.
Ich fühlte mich wohl hier, genoss das Knacken der Äste und das Rascheln des Laubs unter meinen Füßen. Ich genoss die Einsamkeit.
Doch dann holte es mich ein.
Die Erinnerung an diesen Ort.
Ich war schon viel zu oft hier gewesen.
Der Wald kam mir bekannt vor.
Und mir wurde mit jedem Augenblick, der verging, klarer, dass ich wieder am Phönixnest gelandet war.
Der Ort, an dem mich die Sanduhr zerstört hatte.
Der Ort, an dem Kirren mich im Wald abgefangen hatte.
Wieso war ich wieder hier gelandet.
„Odin…“, murmelte ich vorwurfsvoll.
Was sollte das nur?

Doch was blieb mir anderes übrig, als das Dorf zu betreten?
Immerhin würde ich mich hier etwas ausruhen können.
Und vielleicht waren die Menschen hier, denen ich vertraute.
Vielleicht waren Cato und Runa hier. Ich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen.

Ich betrat das Dorf und erblickte sofort Cato, Runa und Lynx.
Das Dorf war diesmal anders eingerichtet.
In der Dorfmitte war ein viereckiger Bereich mit Seilen und Pfosten abgesteckt. Außerdem befanden sich in einer Ecke einige Zielscheiben.
Was war hier nur los?

Ich begrüßte Cato, Runa und Lynx und Cato fragte mich sofort, wie es mir gehe.
Dabei warf er einen verurteilenden Blick auf meine linke Hand, die wieder in einen Verband gehüllt war.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Geht gut. Sind nur Finger noch immer kaputt.“, gab ich zurück. „Ist aber bald besser, ich denke.“
„Das freut mich zu hören.“, erwiderte er und ich wusste, dass er es ehrlich meinte.
„Was ist hier los?“, fragte ich die drei und blickte mich noch einmal um.
„Hier findet ein Turnier statt.“, erklärte Cato mir. „Ich werde auch teilnehmen.“
Ein Turnier also.
Jetzt ergab auch das abgesperrte Stück der Wiese Sinn.
Vermutlich sollten die Antretenden darin kämpfen.
Und die Zielscheiben… Bogenschießen.
Ich erinnerte mich an das Turnier in Moordorf und es machte mich traurig, dass ich nicht mitmachen konnte.
Bald, dachte ich mir. Bald werde ich wieder schießen und kämpfen können.
Ich freute mich darauf.

Bjorn kam zu mir.
„Anastasya.“, begrüßte er mich. „Hast du mitbekommen, dass es Turnier gibt?“
„Da. Hat Cato erzählt.“, gab ich zurück.
Ich wusste, dass Bjorn teilnehmen würde.
„Mache ich mit. Auch bei Bogenschießen!“, erklärte er und ich sah ihn verwirrt an.
Wieso wollte er Bogenschießen?
Konnte er das überhaupt?
Ich hatte ihn lediglich in Moordorf Bogenschießen sehen… und es war nicht besonders gut gewesen.
Das war auch der Grund, weshalb er die große, schwere Axt hatte und nicht ich.
„Bogenschießen?“, wiederholte ich fragend. „Bist du sicher?“
„Da!“, gab er zurück. „Muss ich mir Bogen leihen!“
Damit entfernte er sich wieder von uns.

Ich redete noch einen Augenblick mit Cato, Runa und Lynx über das Turnier. Dann erzählten mir Cato und Runa von ihrer Reise zu einem Ort, an dem sie Menschen geholfen hatten. Ein Schlachtfeld. Und etwas von einer Knochenkönigin. Eine Spiegelwelt.
Ich erstarrte.
Knochenkönigin?
Es kam mir so bekannt vor…
War das nicht, was Breeg auch erzählt hatte?
„W-Warte… Gibt diese Ort wirklich? Dachte ich, Breeg hätte getrunken zu viel Metka“, erklärte ich und Cato und Runa sahen mich verwirrt an.
„Da. Hat Breeg mir auch von diese Ort erzählt.“, sprach ich weiter und versuchte, das wiederzugeben, was er mir erzählt hatte.
Es gelang mir nicht allzu gut.
Breeg war so aufgeregt gewesen.
„Lynx. Ist Breeg auch hier?“, fragte ich sie dann. Vermutlich war es einfacher, wenn sie direkt miteinander sprachen.
Sie konnten ja kaum vom gleichen Ort geträumt haben.
Musste es also tatsächlich wahr sein?
„Ja, ich glaube, ich habe ihn schon gesehen.“, erwiderte Lynx.
Ich hatte noch gar nicht geschaut, welche Menschen überhaupt anwesend waren.

Es wurde zum Nahkampf-Turnier aufgerufen.
Die Kämpfer versammelten sich innerhalb des abgetrennten Bereiches.
Zusammen mit Lynx setzte ich mich auf eine Bank, auf der auch Yara saß.
Ich blickte kurz zu ihr, doch sie beschwerte sich nicht darüber, dass wir uns hierher setzten.
Also blieb ich einfach an meinem Platz und richtete den Blick zu den Kämpfern.

Es wurden kurz ein paar Regeln erklärt und dann sollte es schon mit dem ersten Kampf losgehen.
Nacheinander wurden jeweils zwei Kämpfer aufgerufen, die gegeneinander antraten.
Ich fand es nicht sonderlich spannend, aber beobachtete die Kämpfe dennoch.
Die meisten der Kämpfenden kannte ich oder hatte ich zumindest schon einmal gesehen. Einer jedoch kam mir gar nicht bekannt vor.
Er hatte langes, dunkelblondes Haar und schien bei den Kämpfen aufs Ganze zu gehen.
Ich beobachtete, wie er sich mit seinem Gegner auf dem Boden herumrollte und sie einfach nicht aufgeben wollten. Keiner von beiden.
Was war das für ein Fremder?

Irgendwie fühlte ich mich müde.
Ich hatte zwar am Ort hinter den Sümpfen geschlafen, doch mein Körper zeigte mir mit jedem Augenblick mehr, dass ich noch nicht ausgeruht war.
Vermutlich würde ich mir einen Platz im Wald suchen, an dem ich schlafen konnte.

Irgendwann wurden die Kämpfe unterbrochen, um zum Bogenschießen überzugehen.
Ich erhob mich wortlos von meinem Platz und lief hinüber, um den Schützen zuzusehen.
Dort hatte ich nun auch kurz die Möglichkeit, Breeg anzusprechen. Er stand für einen kurzen Moment still und ich lief zu ihm.
„Breeg. Hast du mir erzählt von Ort mit Knochenkönigin, da?“, fragte ich ihn.
Er nickte.
„Waren Cato und Runa auch dort.“, erzählte ich ihm. Cato schien seinen Namen gehört zu haben, denn er drehte sich direkt zu uns um.
„Kannst du fragen ihn was dort war. Dachte ich erst hättest du zu viel Metka getrunken, aber glaube ich dir jetzt.“

Das Bogenschieß-Duell begann, doch ich hielt es nicht lange aus.
Es tat schon beinahe weh, dem Geschehen zuzusehen.
Ich wollte auch endlich wieder schießen.
Doch solange es nicht möglich war, beschloss ich, mich von der Menschenmenge zu entfernen.
Ich verließ das Dorf und setzte mich auf die Wiese, in die Nähe der Gräber.

„Heil dir Odin, der du so viele Masken trägst. Ich, Anastasya, bin deine Dienerin. Ich möchte für dich kämpfen und in deinem Namen handeln. Sage mir, wann ich endlich wieder richtig kämpfen kann. Sage mir, ob dieser Ort heute sicher ist. Und hilf mir… Ich möchte wieder kämpfen können.“, murmelte ich und zog nacheinander ein paar Runen aus meinem Beutel.
Das Mondlicht schien sanft auf mich herab und nur so war es mir möglich, die Runen zu erkennen.

Ich saß noch eine Weile so dort, flüsterte zu Odin und sah die Runen an. Dann legte ich mich für einen Moment zurück und sah zu den Sternen.
Es waren so viele. Unzählige.
Und die Götter hatten ihnen diesen Ort gegeben. Den Ort, um bei Nacht leuchten zu können.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis ich mich wieder erhob.
Meine Kleidung war etwas nass vom Tau des Grases.
Ich lief zurück in das Dorf und stellte fest, dass das Bogenschieß-Turnier bereits vorüber war.
Sofort suchte ich Breeg auf.
„Und? Wie hast du dich geschlagen?“, fragte ich ihn.
„Ich bin Dritter geworden.“, erwiderte er.
Ich sah mich um.
„Und Bjorn?“, fragte ich.
„Ah. Ich weiß gar nicht genau.“, gab er zurück. „Er ist auf jeden Fall nicht Erster oder Zweiter.“
„Hm. Wenn ich mitgemacht hätte, wäre ich Erster geworden.“, erklärte ich grinsend.
Oder ich hätte wieder gegen eine Armbrust verloren., fügte ich in Gedanken hinzu.

Ich beobachtete, wie der Mann, den ich vorher noch nie gesehen hatte mit einem anderen Mann zurück zum abgesperrten Gebiet ging.
Was hatten sie vor?
Ich näherte mich der Abtrennung und erblickte dort auch den Mann mit dem Hammer.
Er wirkte müde.
Was war nur los?
Machte er sich noch immer Sorgen wegen Kirren?
Ich konnte es verstehen.

Ich stellte mich in seine Nähe und beobachtete, was die beiden Männer vorhatten.
Sie gingen aufeinander los.
Zuerst mit Schwertern, dann warfen sie ihre Waffen in die Ecke und verprügelten sich.
Es dauerte nicht lange, bis sie beide auf dem Boden lagen, doch sie ließen nicht voneinander ab.
Ihre Schläge wurden langsamer, das Blut tropfte bereits aus ihren Wunden heraus.
Der Mann, den ich nicht kannte, schien auch Blut im Mund zu haben, denn er spuckte etwas davon aus und seine Lippen färbten sich blutrot.

Ich schüttelte den Kopf.
Wieso taten sie das nur?
Hatten sie beide heute nicht schon einmal gekämpft?
Oder bereitete es ihnen einfach nur Freude?

Keiner von ihnen ging als Sieger aus diesem Kampf hervor.
Cato und Lynx liefen los, um ihnen zu helfen.
Sie brachten die beiden zu einer Bank und begannen, ihre Wunden zu versorgen.
Doch als Lynx die Wunden des Fremden mit Alkohol reinigen wollte, schlug er ihr ins Gesicht.
Das war zu viel.
„Njet!“, fuhr ich ihn an. „Man schlägt nicht nach Heiler! Will sie nur helfen!“
Wir nahmen ihm vorsichtshalber seinen Dolch weg, damit er keinen von uns weiter verletzen konnte.
Breeg schlich hinter ihn und wollte seine Arme festhalten, damit er nicht weiter um sich schlagen konnte.
Er wollte Breeg einen Hieb versetzen, doch ich griff ein und hielt ihn auf.
Dann nahmen wir ihm sein Schwert weg.
Was fiel ihm nur ein?

So ganz ohne Schwert war es wesentlich einfacher für Lynx, seine Wunden zu behandeln.
Ich fragte ihn nach seinem Namen.
„Tahn.“, lautete seine Antwort. Mehr erzählte er nicht von sich. Er musterte mich nur misstrauisch und verlangte sein Schwert zurück.

Bald fanden die Siegerehrungen für die Gewinner statt.
Breeg erhielt seine Medaille für den dritten Platz und auch die übrigen Gewinner wurden geehrt.
Ich sah zu, doch es verwirrte mich viel zu sehr.
Wie konnte es sein, dass es auf einmal an diesem Ort so ruhig war.
Hier, wo ich mein eigenes Helheim gesehen hatte?

Für eine Weile stand ich mit Tahn, Cato, Breeg, Lynx, Runa und Bjorn noch zusammen. Wir unterhielten uns darüber, was wir in Vergangenheit erlebt hatten.
Tahn aß einen Apfel nach dem anderen und bot auch den anderen Personen immer einen Apfel an. Mir fiel auf, dass er immer zunächst in den Apfel hineinbiss, den er den anderen anbot.
Wollte er zeigen, dass der Apfel nicht vergiftet war?
Oder wieso tat er das?
Ich war mir nicht sicher, aber ich nahm lieber keinen Apfel an.
Doch es fühlte sich auch nicht richtig an, hier, mitten in der Finsternis an einem so gefährlichen Ort wie dem Phönixnest zu bleiben.
Es machte mich regelrecht unruhig.
Also beschloss ich mitten in der Nacht, zu gehen.
Der Vollmond stand hoch am Himmel und ich verabschiedete mich von der Gruppe.
Sie waren sichtlich verwirrt, doch hielten mich zum Glück nicht auf.

Ich ließ den Wald des Phönixnests hinter mir.
Es war mitten in der Nacht, doch ich fühlte mich unruhig.
Ich wusste, dass die Entscheidung richtig war.
Am Phönixnest war es viel zu ruhig gewesen.
Ein Turnier.
Das konnte doch nicht alles gewesen sein.
Die letzten Monde war ständig etwas passiert.
Und auf einmal sollte alles ruhig sein?
Nein.
Ich war froh, dass ich das Phönixnest verlassen hatte, bevor etwas Schlimmes passieren würde.

Und so stand ich hier. Mitten im Wald, in der Dunkelheit.
Meine Beine trugen mich weiter und weiter, Stück für Stück.
Die Erschöpfung spürte ich irgendwann gar nicht mehr.
Sie wurde ein Teil von mir.

Wenn ich zu müde geworden war, legte ich mich in den Wald und schlief ein wenig.
Die Tage waren schon deutlich kürzer geworden.
Der Winter nahte. Und ich freute mich darüber.
Endlich würde diese elendige Hitze verschwinden.

Nach einigen Tagen der Wanderung kam ich an einer Küste an, die mir bekannt vorkam.
Genau. Am anderen Ufer befand sich der Turm. Und die Taverne.
Es war vermutlich keine schlechte Idee, dort einmal vorbeizuschauen. Jetzt, wo ich ohnehin schon in der Nähe war.

Direkt musste ich an Lord Cecil, Thorstain und die Puppenspielerin denken.
Wollten die beiden Krieger nicht in die Katakomben hinab und das Portal, das sie entdeckt hatten, durchschreiten?
Hatte Thorstain nicht sogar gesagt, dass er vermutlich nicht wiederkehren wird?
Ich hoffte, ihn noch einmal zu sehen.
Wieso gab er sein Leben auf?
War er sich sicher, dass es Odins Wille war?

Ich fand ein paar andere Reisende, die ebenfalls das Wasser überqueren wollten. Gemeinsam ruderten wir zum anderen Ufer. Dann trennten wir uns wieder.
Ich lief durch den Wald, der mir mittlerweile schon sehr vertraut war.
Sollte ich wieder eine Falle bauen?
Ich sah mich um.
Es war vermutlich gar keine schlechte Idee.
Immerhin hatte ich hier schon einmal etwas gefangen.
Zwar war es ein Mensch gewesen, der in meine Falle gelaufen war, doch was machte das schon?

Ich suchte die benötigten Materialien zusammen und stellte die Falle auf.
Sorgfältig bedeckte ich sie mit Pflanzenteilen und Blättern, um sie zu tarnen.
Als ich mich wieder erhob und umdrehte, erblickte ich Rhea und den Fremden. Und einen Krieger, der eine Plattenrüstung trug. Er kam mir bekannt vor, doch ich kannte seinen Namen nicht.

Ich lief auf sie zu und begrüßte sie. Doch ich wusste nicht recht, wie ich mich verhalten sollte.
Am Ort hinter den Sümpfen hatte ich sie zuletzt gesehen, doch auch dort hatten sie sich irgendwie seltsam verhalten.
Oder war ich es, die sich seltsam verhalten hatte?
Ich war mir nicht mehr sicher.

„Wo kommst du denn her, Anastasya?“, fragte Rhea mich und ich sah mich kurz um.
„Phönixnest.“, erwiderte ich. „Dort war Turnier.“
„Und… wo ist dieser… Große. Der. Mit der Axt?“, fragte der Fremde direkt und sah mich an. In seinem Ausdruck vermischte sich Angst und Unwohlsein.
Mochte er Bjorn etwa nicht?
Hatte er Angst?
Vermutlich hatte er Bjorn vor allem erlebt, wenn er wütend war…
Deswegen konnte ich seine Reaktion verstehen.
„Ich weiß nicht genau.“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. „War er zuletzt bei Turnier auf Phönixnest.“

Wir liefen noch ein paar Schritte weiter, dann hörten wir Schreie.
Metall knallte auf Metall – hier wurde gekämpft.
Ich sah mich um, sah, wie in der Ferne tatsächlich ein Kampf entbrannt war.
Ohne groß darüber nachzudenken lief ich los, lief in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.
Im Laufen blickte ich zu meiner linken Hand.
Es sah schon besser aus.
Ich konnte die Fingernägel schon wieder sehen.
Und es tat auch nicht mehr so sehr weh.
Also zog ich im Laufen meine Axt und mein Schwert.
Es fühlte sich gut an, endlich wieder beide Waffen in der Hand zu halten.
Sicher.
Ehe ich den Ort des Kampfes erreicht hatte, war es auch schon wieder vorüber.

Seufzend steckte ich meine Waffen zurück an die Halterungen an meinem Gürtel.
Zugegebenermaßen war ich etwas enttäuscht, nicht mitkämpfen zu können.
Dabei hätte ich doch so gerne getestet, ob ich immer noch gut genug war, diese seltsamen Gestalten besiegen zu können.
Aber so, wie ich diesen Ort kennengelernt hatte, würde sich für mich noch früh genug eine Möglichkeit ergeben, dies zu testen.

Ich sah Batras und Bruchas und lief auf sie zu.
Auf der Wiese befand sich das Zelt, das jedes Mal, wenn ich diesen Ort bereist hatte, dort gestanden hatte. Doch etwas war neu. Ein paar Schritte von dem Zelt entfernt stand eine hölzerne Hütte.
Neugierig betrachtete ich sie.
Dann kam Bruchas auf mich zu.
Ich war mir nicht sicher, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte, schließlich hatte ich hinter den Sümpfen Streit mit ihm gehabt. Und auch vorher.
Doch er war im Unrecht gewesen!
Kirren war böse und am besten hätte er mich ihn töten lassen.
„Hallo Anastasya.“, begrüßte er mich freundlich.
„Hallo.“, gab ich zurück.
Ich erinnerte mich an die Worte des Mannes mit dem Hammer. Oder eher gesagt an die Worte des Totenschädels, als er in dem Körper des Mannes mit dem Hammer gesteckt hatte.
‚Du musst freundlicher sein, Anastasya.‘, hatte er gesagt.
Und vielleicht hatte er ja sogar Recht.
Vielleicht würde es mir helfen, etwas freundlicher zu den Menschen zu sein.
„Das hier ist meine Hütte.“, erklärte Bruchas mir. „Ich habe sie gebaut. Du bist herzlich willkommen, sie zu betreten, wenn du möchtest.“
Ich nickte zögerlich.
Wieso?
„Habt Dank.“, gab ich zurück.
Sei freundlich.
„Ich möchte mich entschuldigen, Anastasya. Wegen der Sache mit Kirren.“
Er sah kurz zu Boden.
Meinte er es wirklich ernst?
Ich schüttelte den Kopf.
„Da. Ist … in Ordnung.“, erwiderte ich.
Ich wusste nicht genau, was ich von dieser Entschuldigung halten sollte.

Zusammen mit Rhea und dem Fremden liefen wir weiter, liefen in die Nähe des Turms… Und in die Nähe der Katakomben.
Ich blickte zu dem Fremden, dessen Namen ich noch immer nicht wusste.
Einerseits missfiel mir der Gedanke, ihn nicht ansprechen zu können, auf der anderen Seite verstand ich nun auch, warum Namen gar nicht so wichtig waren.
Sollte ich ihn dennoch fragen?
Kurz blickte ich zu Rhea, dann wieder zu dem Fremden.
„Sagt. Wo seid ihr gewesen?“, fragte ich die beiden.
Sie erzählten von einer Reise und davon, wie Rhea ihm gezeigt hat, wie ein normales Leben funktioniert. Weit ab vom Sklaven-Dasein.
„Hast du mittlerweile einen Namen?“, fragte ich ihn dann doch. Ich wollte es wissen.
„Ja, habe ich.“, gab er zurück.
„Verrätst du ihn mir?“
„Ares.“
„Ares.“, wiederholte ich und vergewisserte mich, dass ich ihn richtig aussprach.
Er nickte.
„Ist schöne Name.“

Direkt bei den Toren zum Turm und zu den Katakomben sah ich dann den Mann mit dem Hammer. Kurz warf ich Rhea und Ares einen Blick zu.
„Ist Mann mit Hammer.“, murmelte ich.
„Mann mit Hammer?“, fragte Rhea.
„Kennst du ihn nicht?“
Ich dachte darüber nach.
Hatte sie ihn nicht am Phönixnest gesehen?
Ich war mir nicht mehr sicher.
Im Wald… Doch vermutlich hatte sie keine Erinnerungen mehr… Dort hatte immerhin Odin aus ihr gesprochen…

Auf einmal tauchten diese Schatten wieder auf.
Sie kamen von allen Seiten.
Ich zog schnell meine Waffen und versuchte, eine der Seiten zu verteidigen.
Es war ein befreiendes Gefühl, endlich wieder mit beiden Waffen kämpfen zu können.

Diese seltsamen Gestalten – Jemand bezeichnete sie treffenderweise als „Schatten“ – waren irgendwie schwierig zu besiegen.
Man konnte ihnen viele Hiebe verpassen. Meistens schwankten sie etwas, doch es dauerte sehr lange, bis sie zu Boden gingen und sich schließlich auflösten.

Als wir es endlich geschafft hatten, sie zu besiegen, sprach ich mir Ares über seinen Namen. Es war wohl Rheas Idee gewesen und sie hatte ihm Legenden erzählt, in denen Ares ein starker Krieger war.
Ich lächelte und musterte Ares kurz.
Er trug nur ein kleines Messer bei sich. Es sah mehr aus, wie ein Messer, das meine Eltern in Falkenhain in der Küche nutzten.
„Wenn du Krieger bist, warum hast du keine Waffe?“, fragte ich ihn.
„Mir gefiel der Name.“, gab er zurück. Ich nickte.
„Warum willst du nicht kämpfen? Kannst du dir Schwert holen oder Axt oder Bogen. Dann machen diese seltsamen Schatten-Dinger auch nichts mehr gegen dich.“, erklärte ich ihm.
Ich verstand wirklich nicht, warum er keine richtige Waffe hatte.
Natürlich war er erst kürzlich der Sklaverei entkommen, aber dennoch…
Eine Waffe war doch immer zu gebrauchen.

Wir sprachen noch eine Weile darüber und schlussendlich stimmte Ares mir zu. Eine Waffe würde keine schlechte Idee sein.
Ich nickte.
Es war richtig.
Auch er hatte ein Recht, sich zu verteidigen.

Ich drehte mich um und sah, wie der rot-gekleidete Paladin neben dem Mann mit dem Hammer stand. Nur, dass er den Hammer nicht bei sich trug, denn er lag auf einer hölzernen Bank.
Ich überlegte kurz, wie der Name des Paladins war.
Alistair.
Er stand direkt vor der Bank und schien zu beten.
Ich erinnerte mich an die Beerdigung von Gin. Dort hatte Alistair erklärt, dass er einen anderen Gott hatte als ich.
Sein Gott war etwas mit Feuer.
Ignis?
Ich war mir nicht mehr ganz sicher.

Auch Bjorn stand in der Nähe der Bank.
Er erblickte mich und kam zu mir.
„Anastasya.“, begrüßte er mich.
„Bjorn.“, gab ich zurück und lächelte.
Ich hatte ihn zuletzt am Phönixnest gesehen, dort hatte er am Turnier teilgenommen…
„Was macht ihr?“, fragte ich ihn dann direkt und blickte kurz zu Alistair und dem Mann mit dem Hammer.
„Waffe segnen gegen Schatten.“, gab er zurück und hob seine Axt. „Will ich auch Axt segnen lassen.“
Ich blickte ihn fragend an.
Das hatte ich schon öfter gehört.
Eine gesegnete Waffe half irgendwie gegen diese seltsamen Wesen.
Nur wie?
Das hatte ich bis heute nicht verstanden.
Und half es wirklich?

Als Alistair fertig war, legte Bjorn seine Axt auf die Bank, auf der vorher der Hammer gelegen hatte.
Wieder schien Alistair zu seinem Gott zu beten und die Waffe zu segnen.
Er wirkte erschöpft.
Es schien ihn sehr anzustrengen.
Ich zögerte.
Sollte ich ihn auch fragen?
Würde er mir helfen?
Hatte er noch genügend Kraft, eine weitere Waffe zu segnen?

Nach einer Weile hatte Alistair auch Bjorns Axt gesegnet.
Er stützte sich keuchend ab.
„Alistair…?“, fragte ich leise und trat einen Schritt auf mich zu.
„Anastasya.“, erwiderte er schwach. Man sah ihm seine Erschöpfung an.
„I-ich… Ich denke, ich sollte Euch nicht bitten, auch meine Waffe zu segnen, da? Ihr seid erschöpft…“
Er nickte.
„Ja, aber wenn ich mich einen Moment ausruhe, dann segne ich auch Eure Waffe. Es hilft ja uns allen. Wie wär’s, wenn wir uns einfach dorthin setzen und ein bisschen reden. Ignis würde nämlich auch gerne wissen, mit wem er es zu tun hat und auf wen er sich einlässt.“, schlug er vor.
Ich nickte. Es klang nach einer guten Idee.

Wir entfernten uns einige Schritte von dem Eingang zu den Katakomben und setzten uns auf eine hölzerne Bank.
Alistair wirkte wirklich erschöpft und so war es wohl besser, ihn erst einmal in Ruhe zu lassen. Ich beobachtete ihn einfach nur, schwieg aber.

„Erzählt doch etwas von Euch.“, schlug er vor und sah mich erwartungsvoll an.
Was sollte ich sagen?
Ich überlegte einen Augenblick, doch mir fiel nichts ein.
„Kann ich einige Minuten reden oder auch Stunden.“, erwiderte ich. „Was möchtet Ihr wissen?“
„Erzählt einfach etwas.“
Das half mir nicht. Doch irgendetwas musste ich ihm ja sagen.

„Ich komme aus Falkenhain.“, begann ich. „Habe Jagen gelernt und irgendwann angefangen, Aufträge für Kupfer anzunehmen.“
Ich wusste nicht, ob das der richtige Weg war, ihm von mir zu erzählen. Aber ich wollte ehrlich sein.
„Um was für Aufträge handelt es sich?“, fragte er sofort.
Ich hatte es geahnt.
„Verschiedenes. Menschen auf Entführung retten. Geleitschutz bieten. Tiere jagen.“, erwiderte ich. Es entsprach der Wahrheit, auch, wenn ich das ‚Menschen töten‘ verschwieg. Manchmal musste auch das sein.
„Dann habe ich gemerkt, dass schlimme Sachen passieren an Orten. Wollte ich helfen, wenn ich helfen kann.“, erzählte ich weiter.
„Das ist löblich.“, kommentierte Alistair und ich lächelte unwillkürlich.
„Also möchtest du Gutes tun?“
Ich erstarrte und mir wurde schlagartig warm und kalt zugleich.
Gutes tun.
Ich musste an Kirren denken.
An Conner, den ich beinahe um seinen Arm gebracht hatte.
An Rhea, die nach meiner Heilung plötzlich erblindet war.
Und auch an den Mann mit dem Hammer, der wegen mir eine böse Tat begangen hatte und der wegen mir in Schwierigkeiten geraten könnte.
All diese Menschen, die mir wichtig waren… Doch ich hatte ihnen bisher nur Unheil gebracht.
Das hatte der Mann mit dem Hammer doch auch so gesagt.

Ich senkte bedrückt den Blick.
„Ich… Weiß nicht. Sie sagen mir, dass schlimme Sachen passieren wenn ich in Nähe bin.“, gab ich kleinlaut zurück. Das war doch nicht, was man unter „Gutes tun“ verstehen würde.
Er würde meine Waffe also doch nicht segnen…?
Auf einmal kamen Sophia, Galador und der Mann mit dem Hammer auf uns zu.
„Anastasya!“, rief Sophia mich und lächelte mich an.
Ich hörte, wie auch die anderen beiden über etwas sprachen.
Ich war nicht sicher, wie ich reagieren sollte.
Alistair wirkte ihnen gegenüber aber auch nicht feindselig. Sie schienen sich zu kennen.
„Möchtest du eine Bohne?“, fragte Sophia und lächelte. Sie hielt mir eine grüne Bohne hin. Eigentlich wollte ich sie nicht nehmen.
„Die anderen haben Kupfer dafür bezahlt. Dir schenke ich sie.“
Sie lächelte so lieb.
Ich wusste nicht mehr, welche Farbe die Bohne hatte, die ich hinter den Sümpfen von ihr bekommen hatte.
Sophia war viel zu niedlich, um die Bohne abzulehnen.
Also nahm ich sie.
Schlagartig spürte ich, wie meine Zunge taub wurde.
Na super. Wieder die gleiche Bohne.

„Eeeey, ist das Eure Falle im Wald?“, hörte ich Jemand rufen.
Ich drehte mich um.
„Da. Ist meine Falle.“, gab ich zurück. „Wieso?“
Sophia lachte, weil ich das ‚s‘ nicht richtig aussprechen konnte.
„Sie wurde ausgelöst.“, erwiderte der Mann.
Ich nickte und sah kurz zu Alistair. Er nickte mir zu.
„Geht schauen. Solange ruhe ich mich noch aus.“
„Da. Schaue ich nach.“, antwortete ich.
Wieder lachte Sophia.
Ich starrte sie kurz böse an, doch ich konnte ihr nicht ehrlich böse sein.
„Darf ich dich begleiten?“, fragte Sophia. Ich nickte.
Auch Breeg schloss sich uns an.
Einen fähigen Bogenschützen bei sich zu haben war immer eine gute Idee.
Wir liefen also in Richtung des Waldes, in dem ich die Falle aufgestellt hatte.

Dort angekommen stellte ich ziemlich schnell fest, dass sich ein Stein in der Falle befand.
Zuerst vermutete ich, dass es vielleicht ein besonderer Stein sei und befreite ihn aus der Falle.
Doch dann stellte sich heraus, dass es ein ganz normaler Stein war.
Kurz fluchte ich über denjenigen, der es gewagt hatte, meine Falle zu blockieren.
Ich stellte die Falle wieder scharf und wir beschlossen, den Wald wieder zu verlassen.

Auf dem Weg in Richtung Taverne begegneten wir Sir Nanoc und einer weiteren Person seines Gefolges. Sie schienen Kampftraining zu machen.
„Ich bleibe hier.“, erklärte Sophia und stellte sich zu Sir Nanoc.
Ich blickte kurz zu Breeg, dann wieder zu Sophia.
Sie konnte schon auf sich aufpassen. Und ich schätzte Sir Nanoc nicht als Jemanden ein, der kleinen Kindern etwas antat.

Also liefen wir wieder zur Taverne.
Ich wollte Alistair suchen, um ihn zu fragen, ob er jetzt bereit war, meine Waffe zu segnen.
Doch ich fand ihn nicht.
Dort auf der Bank, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte, war er nicht mehr.
Und auch bei der Taverne sah ich ihn nicht.

Wo konnte er also sein?

Ich sah mich weiter um und Breeg folgte mir.
Gemeinsam liefen wir zu der Hütte, die Bruchas erbaut hatte.
Direkt davor stand ein Mann, der mir sehr bekannt vorkam.
Ich kannte nur seinen Namen nicht.
„Hallo.“, begrüßte ich ihn. „Ihr haltet Wache?“
Es sah zumindest so aus, als würde er Wache halten.
„Ja. Ich passe auf die Hütte auf.“, gab er zurück.
Ich nickte.
Wahrscheinlich wurde er mit Kupfer entlohnt.
Keine schlechte Art, sein Geld zu verdienen. Wobei ich mir sicher war, dass auch er ein Problem haben würde, wenn all diese Schatten wieder herauskamen.

Auf einmal hörte ich Schreie aus dem Wald.
Sophia.
Das musste Sophia gewesen sein.
Breeg und ich wechselten kurz Blicke.
Wir verstanden uns sofort.
Ich legte meine Tasche am Boden ab und sah den Bewacher der Hütte an.
„Passt Ihr auf?“
Er nickte.
Breeg und ich rannten los.
Wir rannten den Weg hinunter bis in den Wald.
Wir rannten, bis unser Atem nur noch einem Keuchen glich.

Als wir am Waldstück ankamen, an dem wir Sophia zuletzt gesehen hatten, mussten wir feststellen, dass sie nur gekämpft hatten.
Es war kein ernsthafter Schrei um Hilfe gewesen.
Etwas peinlich berührt machten wir kehrt und liefen zurück zur Taverne.
Ich wusste doch, dass sie auf sich allein aufpassen konnte.

Der Bewacher der Hütte gab mir meine Tasche zurück und ich bedankte mich fürs Aufpassen.
Dann kam Bjorn zu uns.
„Bjorn, hast du Alistair gesehen?“, fragte ich ihn und er nickte.
„Ist er direkt bei Taverne.“, erwiderte er.
Ich sah ihn etwas fragend an, doch lief dann los, um nachzusehen.
Und tatsächlich sah ich ihn.
Hatte ich nicht vor wenigen Augenblicken noch genau dort geschaut?
Und ihn nicht gefunden?
Immerhin war er jetzt dort und ich konnte ihn erneut auf das Segnen ansprechen.
„Alistair.“, sprach ich ihn an. „Geht es Euch besser?“
Er musterte mich.
„Ich fürchte, dass ich noch ein wenig Zeit brauche.“, gab er zurück.
Ich nickte.
Ich wollte ihn nicht hetzen.
Ich war froh, dass er überhaupt bereit war, meine Waffe zu segnen.

Die Schatten tauchten wieder auf.
Wir kämpften.
Sie kamen aus allen Richtungen.
„Anastasya!“, hörte ich auf einmal Bjorn rufen. „Nicht!“
Er warf sich vor mich, hielt mich davon ab, zu kämpfen.
Und ich verstand es nicht.
Ich hatte doch immer gekämpft.
Zweifelte er an mir?
Gerade jetzt, wo ich endlich wieder beide Waffen führen konnte?

Doch er warf sich auch vor Rhea und Lynx.
Er wollte nicht, dass wir kämpften.
Er wollte alles selbst übernehmen.
Doch das würde er niemals schaffen.
War es nicht besser, wenn er die beschützte, die nicht kampffähig waren?

Ich kämpfte gegen einen dieser Schatten, der mich als seinen direkten Gegner auserkoren zu haben schien.
Zwar schaffte ich es, ihm ein paar Schläge mit Axt und Schwert zu verpassen, doch er traf mich auch. Er traf mein rechtes Bein und ich knickte direkt ein und sank zu Boden.
Glücklicherweise sprangen die anderen Kämpfer ein und sorgten dafür, dass dieser Schatten sich bald auflöste.
Ein Mann, der mir bekannt vorkam, doch dessen Namen ich nicht kannte, kam zu mir und sah sich die Verletzung an.
Dann begann er, etwas vor sich hin zu murmeln.
Ich verstand nicht, was er da tat.
Der Mann sah aus wie ein Ritter, er trug eine Plattenrüstung. Doch er murmelte so, wie es die Magier taten, wenn sie Wunden mit Magie schließen wollten.
War er etwa auch ein Magier?
Ich spürte ein seltsames Gefühl. So, als würden die Schmerzen aus dem Fleisch in Richtung Haut wandern und schließlich ganz entschwinden.
Ganz so, als würde man sich einen Splitter aus der Haut ziehen, nur, dass mein Bein dabei gar nicht berührt wurde.
Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, dann waren die Schmerzen verschwunden.
Das Einzige, was davon noch übrig war, war das Blut, das den braunen Stoff meiner Hose dunkel gefärbt hatte.

Ich konnte wieder aufstehen und bedankte mich bei dem Mann, der mir geholfen hatte.
In der Nähe der Katakomben tauchte plötzlich der Baron auf. Hinter ihm versammelten sich nach und nach immer mehr dieser Schatten. Doch sie blieben stehen. Sie kamen nicht zu uns. Sie griffen nicht an.
„Gebt mir mein Baby.“, forderte der Baron.
Ich fragte mich, von was für einem Baby sie redeten und sofort fiel mir der Aushang ein, den ich vor einigen Monden gesehen hatte. Damals, als ich zum ersten Mal bei dieser Taverne gewesen war. Die Baroness hatte drei Kinder verloren. Und wir hatten schon zwei davon gefunden. Tot.
Ging es nun um das dritte verlorene Kind?
Hatte es schon Jemand gefunden?

Und tatsächlich diskutierten sie mit dem Baron darüber, dass sie ihm das Kind nicht geben werden.
Ich wand mich an Alistair, der direkt neben mir stand.
„Ist sein Kind?“, fragte ich ihn und er nickte. „Warum geben wir ihm dann nicht?“
„Das weiß ich auch nicht.“, gab er zurück und wirkte sichtlich enttäuscht von den Entscheidungen der Personen.
Die Magier im Zelt, das von einem Schutzkreis umgeben war, hielten das Kind bei sich.
Ich sah nur, dass sie ein Bündel hielten, da ich nicht in den Schutzkreis hereingebeten worden war.
Und ich wollte auch gar nicht herein.
Ich hätte ihm sein Kind gegeben, denn ich konnte verstehen, warum er deswegen sauer war.
Würde nicht jeder so reagieren, wenn ihm sein Kind genommen würde?
Würde nicht jeder alles versuchen, um sein Kind wiederzubekommen?
Wieso wunderten sie sich also?

Die Magier im Schutzkreis teilten dem Baron mit, dass sie ihm das Kind nicht übergeben werden.
„Los, holt sie euch. Und bringt mir mein Kind!“, rief er sichtlich wütend und schickte seine Schergen, die Schatten, los.
Sie stürmten auf uns zu und griffen uns an.

Mit Axt und Schwert in meiner Hand versuchte ich, mich zu verteidigen.
Zwar war es nicht meine Entscheidung gewesen, ihm das Kind nicht zu geben, doch das wussten die Schatten ja nicht.
Also blieb mir nicht viel übrig, außer dennoch zu kämpfen.

Wieder erwischte mich einer der Schatten, diesmal trafen sie mein anderes Bein.
Ich ging zu Boden und hielt mir die Wunde.
Mit zusammengebissenen Zähnen schüttete ich Metka über die Wunde und schrie auf. Es brannte so sehr. Jedes Mal. Es wurde niemals besser.
Dann nahm ich einen Verband aus meiner Tasche und verband die Wunde.
Ich hoffte, dass sie möglichst schnell wieder zuwachsen würde.

Der Mann mit dem Hammer kam auf mich zu und fragte, ob alles in Ordnung sei.
Ich erkannte sofort, dass es nicht der Mann mit dem Hammer war, der dort sprach, sondern der Schädel. Akri.
„Da.“, erwiderte ich und sah ihn kurz nachdenklich an. Der Mann mit dem Hammer musste also etwas gemacht haben. Sonst wäre jetzt nicht der Schädel an seiner Stelle. „Ist…Alles in Ordnung? Was hast du gemacht?“, fragte ich also.
„Ja. Ich war in diesem… Keller… Wie nennt ihr das? Ich war dort und habe mit den Minenarbeitern und Wachen geredet. Sie haben mir von diesem Portal erzählt, das sich dort unten befindet.“, erklärte er mir.
Das Portal.
Waren dort nicht auch Lord Cecil und Thorstain hineingegangen?
Wollten sie nicht dort gegen die Puppenspielerin kämpfen?
„Ich möchte Euch nicht unterbrechen, aber ich habe Euch vorhin geheilt und hätte dafür gerne eine Entlohnung.“, kam es auf einmal von der Seite und ich blickte zu dem Mann, der mich geheilt hatte.
Hatten wir nicht alle für das gleiche Ziel gekämpft?
Gegen die gleichen Gegner?
Aber er würde wohl nicht locker lassen und ich wollte mich auch nicht mit einem potenziellen Plattenrüstungs-Magier anlegen.
Also gab ich ihm zwei Kupfer und er verschwand wieder.
Der Mann mit dem Hammer – oder besser gesagt der Schädel – setzte das Gespräch fort.
„Ich war unten im Keller und ha-„
„Was haben Minenarbeiter gesagt?“, unterbrach ich ihn.
„Lass mich ausreden!“, fuhr er mich an und ich zuckte zusammen.
„Tut mir Leid.“, gab ich schnell zurück und blieb dann still.
Ich wollte ihn nicht verärgern.
Er erzählte mir davon, dass dieses Portal sehr stark war und auch, dass es nicht sicher war, ob die Leute wieder zurückkehren werden. Genau das, was Thorstain mir vor einigen Monden erzählt hatte. Außerdem gab mir Akri den Hinweis, mich nicht so über den Tisch ziehen zu lassen.

Die Schatten tauchten wieder auf und wir kämpften.
Diesmal waren sie in der Nähe der Wiese.
Es wurde bereits dunkel und die Schatten verschwanden beinahe in der allgemeinen Dunkelheit der Nacht.
Lediglich der Mond bot uns etwas Licht.

Nachdem wir auch diese Schatten fürs erste vertrieben hatten, gingen wir zurück in Richtung Taverne.
Der Mann mit dem Hammer, der von Akri kontrolliert wurde, lief zu den Tischen. Dort lag auch der Schädel, der eigentlich sein Schädel war.
„Jemand hat den Schädel angefasst.“, stellte er fest und sah sich um.
Ich hatte mich wieder zu Breeg, Ares und Rhea begeben um herauszufinden, ob mit ihnen alles in Ordnung war. Ich hoffte einfach, dass sie nicht zu stark verletzt worden waren.
Vor allem um Ares machte ich mir Sorgen, da er keine ordentliche Waffe hatte.
„Ares, warum hast du eigentlich keine Waffe?“, fragte ich ihn dann, als ich sah, dass bei ihm alles in Ordnung war.
„Ich habe keine gebraucht… Ich kann doch damit nicht einmal umgehen.“, erklärte er und ich nickte etwas. „Aber Schwert ist zum Beispiel einfach. Nimmst du einfach und haust Gegner. Ist einfacher, als immer weglaufen zu müssen, eh?“
„Ja, das kann schon sein.“, gab er zu und dachte darüber nach. „Auch Rhea hat mir das schon öfter gesagt.“
Er blickte zu ihr und sie nickte.
Ich hoffte, dass er sich wirklich mal eine Waffe besorgen würde.

Als ich mich irgendwann wieder in Richtung der Tische drehte, sah ich den Mann mit dem Hammer nicht mehr. Der Schädel von Akri lag aber noch immer dort.
Ich drehte mich noch einmal komplett herum. Den Mann mit dem Hammer sah ich nirgendwo.
Alarmiert lief ich in Richtung der Dunkelheit, lief in Richtung der Wiese.
Ich hoffte, dass genau jetzt keine Schatten auftauchen würden, denn alleine würde ich keine sieben oder acht Schatten besiegen können.
Breeg folgte mir.
Zum Glück.
Er würde die Schatten erschießen können.
Zwar verstand Breeg noch nicht, was ich suchte, doch er folgte mir trotzdem einfach.
Er fragte auch nicht.

In der Finsternis erkannte ich dann einen Umriss. Mitten auf der Wiese.
Sollte ich doch Recht behalten?
Schnell rannte ich zu dem leblosen Körper am Boden.
Es war der Mann mit dem Hammer.
„Ich hoffte, er hat nicht schon wieder keinen Puls…“, sagte ich leise zu mir selbst.
„Keinen Puls?“, fragte Breeg laut, beinahe hysterisch.
Ich ging erst einmal nicht darauf ein und fühlte lieber den Puls des am Boden liegenden Körpers.
Schwach.
„Schwacher Puls… Immerhin.“, murmelte ich leise.
Breeg sah mich noch immer verwirrt an.
„Keinen Puls? Was meinst du damit? Man kann nicht einfach keinen Puls haben…!“
„Breeg. Mach dir darüber keine Gedanken.“, erwiderte der Mann mit dem Hammer. Er war aufgewacht. Und diesmal war es wirklich der Mann mit dem Hammer. Akri war also zurück im Schädel.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich ihn.
„Ja.“, erwiderte er knapp und setzte sich auf.
„Und… was ist mit dem Puls? Ein Körper kann doch nicht leben ohne Herzschlag?“, fragte Breeg stur weiter. Er schien es wirklich wissen zu wollen.
„Hm. Stell dir vor, ich nehme Breeg aus deinem Körper heraus und setze jemand anderes herein. Für den Moment, in dem in deinem Körper nichts ist, setzt der Herzschlag aus. Es ist nichts da, was den Herzschlag steuern könnte.“, erklärte der Mann mit dem Hammer dann doch.
„Das ergibt irgendwie Sinn.“, gab Breeg zurück und der Mann mit dem Hammer schüttelte den Kopf. „Nein. Eigentlich nicht.“
Er stand auf und lief zurück zur Taverne.
Breeg und ich folgten ihm.

Er lief direkt auf Ares zu.
„Warum nimmst du einfach einen Schädel, der dir nicht gehört?“, fragte er sofort. „Was wolltest du damit?“
Dann nahm er sich den Schädel und ging mir Ares ein paar Schritte weg.
Was hatte er nur mit ihm vor?
Was wollte er ihm zeigen?

Als Ares wieder zu uns kam, wirkte er etwas schockiert.
Was hatte er gesehen?
Hatte ihm Akri nicht einfach die fünf Worte genannt, die er auch mir schon genannt hatte?
Hatte er ihm nicht einfach nur Ruhe und Gelassenheit geschenkt?
Wieso wirkte Ares so verstört?

„Aber Schädel ist doch nett.“
„Nein.“, erwiderte der Mann mit dem Hammer und hielt mir den Schädel hin. „Willst du ihn nicht fragen, was er machen kann?“
Ich sah ihn verwirrt an. Was meinte er damit?
„Er kann dich auseinander nehmen.“, setzte der Mann mit dem Hammer fort. „Deinen Körper. Erst einen Arm. Dann ein Bein. Den nächsten Arm… Alles einzeln. Nacheinander. Er kann viel. Er ist mächtig.“
„Ich verstehe nicht…“, gab ich zurück.
Der Mann mit dem Hammer hielt den Schädel näher in meine Richtung.
Ich wollte wissen, was er meinte.
Ich wollte es verstehen.
Ich konnte nicht glauben, dass Akri auch böse sein konnte.
Also nahm ich den Schädel in die Hand.

Ich fand mich an einem riesengroßen Strand wieder.
Er wirkte endlos weit. Kein Wasser war zu sehen.
Die Sonne brannte erbarmungslos auf mich herab.
Es war viel heißer, als ich es jemals in meinem Leben erlebt hatte.
Ich schwitzte stark und selbst das Atmen schmerzte irgendwie.
Wasser. Ich brauchte Wasser. Etwas zu Trinken.
Ich sah in den Himmel.
Keine Wolke zu sehen.
Nur diese erbarmungslos brennende Sonne, die mich auszulachen schien.
Wie war ich hierhergekommen?
Als ich mich weiter umsah, erblickte ich auf einmal eine Gestalt.
Ich kannte sie nicht und doch kam sie mir bekannt vor.
Ein Mann, der fremdländisch aussah.
Er trug einen Turban, recht weite, dunkle Kleidung und einige Amulette.
In meinem Kopf formte sich ein Name.
Akri.
Ich wusste nicht, warum ich mir so sicher war, doch das musste Akri sein.
Der Mann mit dem Hammer hatte mir doch etwas erzählt. Er war Magier gewesen.
Und wo war ich?
War das diese… Wüste… von der er gesprochen hat?
Wie ein Strand ohne Wasser?
Ein Strand, der kein Ende zu nehmen schien?

Akri lief los und ich folgte ihm.
Jeder Schritt auf diesem Sand war anstrengend. Ständig versank ich darin und brauchte nur noch mehr Kraft, um den Fuß zu heben.

Bald tauchte vor uns ein Dorf auf.
Einige Zelte befanden sich dort.
Genauso wie seltsam aussehende Bäume.
Die Blätter waren riesig und liefen spitz zu. Außerdem befanden sich diese Blätter lediglich am oberen Teil des Baumes.
Unten war nur der Stamm. Kein Ast. Kein Zweig. Kein Blatt.
Immerhin spendeten diese riesigen Blätter Schatten.
Und ganz nahe bei den Bäumen war noch etwas anderes.
Wasser.
Je näher wir darauf zugingen, desto mehr erfreute mich der Anblick.
Ich musste also doch nicht verdursten.

Wir begaben uns zu einer Hütte.
Ein angenehmer Geruch stieg in meine Nase. So etwas hatte ich noch nie vorher gerochen.
Akri bat mich, auf einem der Kissen Platz zu nehmen, die bei einem kleinen Tisch standen.
Ich betrachtete das Kissen kurz. Es war rund, ziemlich groß und aus buntem Stoff hergestellt.
Ich setzte mich darauf. Überraschend gemütlich.
Er kam mit einer Tasse auf mich zu und rührte darin.
Das heiße Wasser darin färbte sich dunkel, wurde beinahe schwarz.
Die Tasse stellte er vor mich und setzte sich dann ebenfalls an den Tisch.
Ich nahm die Tasse in die Hand und roch an dem Getränk darin.
Den Geruch konnte ich nicht zuordnen, doch er gefiel mir.
Also setzte ich die Tasse an meine Lippen und begann, zu trinken.
Auch der Geschmack war mir vollkommen fremd. Doch es war herrlich.
Sofort fühlte ich mich besser.
Nicht mehr so erschöpft von der langen Reise durch die Wüste.
Doch wie war ich überhaupt hergekommen?
Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, geschah etwas.

Ich fand mich in einem anderen Zimmer wieder.
Zwei Betten befanden sich hier.
Eines stand auf der linken Seite des Zimmers und war sehr schön dekoriert und mit vielen bunten Kissen verziert. Auch die verschiedenen Decken, die bunt gewebt worden waren, machten etwas her. Es sah sehr gemütlich aus.
Dann sah ich zum anderen Bett. Es war sehr schlicht und einfach gehalten und bildete damit einen starken Kontrast zu dem Bett auf der linken Seite.

Akri bat mich, auf dem rechten Bett Platz zu nehmen.
Von hier aus konnte ich nach draußen in das Dorf schauen.
Einige fremdländisch aussehende Menschen liefen umher.
Sie alle trugen einen Turban auf dem Kopf.
Direkt gegenüber dieser Hütte erblickte ich ein Gebäude, in dem scheinbar Dinge verkauft wurden. Auch vor diesem Gebäude gab es Ware zu verkaufen. Teppiche, Nahrungsmittel, Tiere, Kleidung. Vermutlich gab es noch viel mehr im Inneren dieses Ladens.
Ich sah verschiedene Personen auf dieses Gebäude zu laufen.
Bei einer erstarrte ich.
Sie kam mir so bekannt vor.
Schwarzer Turban, braune, zerfetzte Kleidung, stählerne Armschienen.
Und er bewegte sich auch genauso…
Der Mann mit dem Hammer.
Das musste er sein. Kein Zweifel.
Was machte er hier?
Wieso war er hier?
Oder besser: Wieso war ich hier?

Kurz betrat er das Gebäude, kam aber bald wieder heraus und lief weiter.

Auf einmal fand ich mich in einem weiteren Zimmer wieder.
Hier befand sich nur ein Bett, das recht schlicht aussah.
Auf einem kleinen Tisch lag ein Buch.
Ich wollte wissen, was das für ein Buch war.
Es standen drei Worte dort, doch ich konnte nicht eines davon lesen.
Eine solche Schrift hatte ich noch nie zuvor gesehen.
Auf einmal erinnerte es mich an Akri, als er mir die Worte gesagt hatte.
Es war, als brenne sich die Bedeutung dieser drei Worte aus dem Buch ganz langsam in mein Gedächtnis.
Woher nur konnte ich wissen, was dort geschrieben stand?
Auswanderung.
Ferne.
Verlassen.

Im einen Moment sah ich ihn ganz genau. Hatte sogar das Gefühl, als würde er zu mir hinübersehen. Diese blauen Augen…
Doch im nächsten Moment war er verschwunden.
Und ich saß wieder mitten im Sand.
In der Wüste.
Ganz ohne Wasser.
Ohne Oase.
Ich sah nur Akri. Er blickte mich an und hob langsam den Zeigefinger in Richtung seiner geschlossenen Lippen.
Schweigen.
Ich sollte darüber schweigen.
Und ich nickte.

Ich fand mich an einem wesentlich kühleren Ort wieder.
Verwirrt blickte ich mich um.
Der Mann mit dem Hammer war direkt vor mir.
Natürlich.
Die Taverne beim Turm.
Zögerlich gab ich ihm den Schädel zurück in die Hand.
„Und? Hatte ich Recht?“, fragte der Mann mit dem Hammer ruhig.
Ich nickte. Und log damit.
Eigentlich wollte ich ihn nicht anlügen.
Doch was blieb mir anderes übrig.
Akri hatte es so verlangt.
Und ich wollte Akris Zorn nicht auf mich ziehen.
Allein beim Gedanken daran schauderte es mir.

Es dauerte nicht lange, bis die Schatten wiederkamen.
Doch diesmal verhielten sie sich seltsam.
Sie griffen nicht an, im Gegenteil.
Sie freuten sich.
Sie tanzten und sangen und schienen zu feiern.
„Wir sind frei! Endlich sind wir frei!“, wiederholten sie ständig in einem fröhlichen Ton.
Es bereitete mir Gänsehaut.
Ich wusste nicht, ob ich ihnen glauben konnte.
Schließlich hatten sie uns so oft angegriffen und versucht, zu töten.
Was war nur geschehen?

Diese Schatten-Geister versuchten sogar, durch uns Kämpfer hindurch zu laufen oder uns zu berühren.
Ich hielt mich fern von ihnen.
Ich wollte gar nicht erst erfahren, was passieren würde, wenn mich einer dieser Geister berührte.
Nicht, dass auch ich dann zu solch einem Schatten werden würde.
Gar nicht auszudenken…

Der Mann mit dem Hammer verabschiedete sich bald von uns und zog seiner Wege.
Ich war etwas traurig darüber, da ich genau wusste, dass Akri mich irgendwie beruhigen konnte.
Auch, wenn es dem Mann mit dem Hammer nicht gefallen würde… ich mochte Akri.

Da es bereits ziemlich dunkel war, beschloss ich, meine Falle aus dem Wald zu holen.
Vielleicht hatte ich ja während der Dämmerung etwas gefangen.
Und wenn nicht, dann würde ich die Falle zumindest mitnehmen, um sie im nächsten Morgengrauen wieder aufzustellen.

Ich lief also zusammen mit Breeg in Richtung des Waldes und schnappte mir die Falle.
Dann liefen wir zurück zur Taverne.
Dort angekommen lief plötzlich die Baroness an uns vorbei.
Irgendetwas an ihr war anders….
Es dauerte nicht lange, bis mir auffiel, was genau anders war: Sie hatte ihren Kiefer wieder!
Ich wusste nicht, wie oder wann das geschehen war, doch es sah wesentlich angenehmer aus.
Sie war nicht mehr so furchteinflößend wie ohne Kiefer.
Als sie genau an mir vorbei lief, sah sie mir in die Augen und nickte.
Ganz so, als wolle sie sich bedanken.

Dann sprach sie zu den Menschen, die sich in der Nähe des Turms versammelt hatten.
Denn nun, wo sie ihren Kiefer wiederhatte, konnte sie scheinbar endlich wieder sprechen.
Und sie sprach von ihrem Kind.
Dem Baby.
Dem Kind, das ihr Mann, der Baron, von uns wiederholen wollte.
Ich verstand das Gespräch nicht ganz und so geriet ich bald in eine Unterhaltung mit Alistair, der direkt neben mir stand.
Sein Blick fiel direkt auf die Bärenfalle, die ich noch immer bei mir trug.
Kurz unterhielten wir uns darüber, dann bot er mir einen Silbertaler dafür an, dass er die Falle für seine Zwecke benutzen dürfe.
Er wolle damit eine Hexe fangen, die ihm Leid angetan hatte.
Mir war es recht egal, was er anstellte, da es in seiner Verantwortung lag.
Außerdem war er ein Paladin.
Nannten sie diese Personen nicht immer Licht-Ritter oder so etwas Ähnliches?
Er würde also schon nichts Schlimmes anstellen.
Und einen Silbertaler konnte ich gut gebrauchen.

Also gab er mir einen Silbertaler und ich überreichte ihm die Falle.
Interessiert beobachtete ich, was er damit vorhabe.
Und er lief sofort in die Richtung einer Frau, die mir bekannt vorkam, deren Namen ich jedoch nicht kannte.
Wollte er sie mit der Falle fangen?
War das also die Hexe, von der er gesprochen hatte?
Er versuchte es wirklich, wurde jedoch immer wieder von anderen Personen aufgehalten.
Ich hielt mich aus der Sache heraus, lachte nur innerlich darüber.
Er wollte es scheinbar wirklich.
Und das, obwohl man ihm diesen Paladin-Ruf nachsagte.
Was auch immer das genau bedeuten mochte.

Auf einmal tauchte die Baroness wieder auf.
Wir suchten etwas.
Ich folgte einer kleinen Gruppe in den Wald.
Es war finster und so brauchten wir lange, um zu finden, was wir suchten.
Kleine Puppen.
Puppen, die man ineinander stecken konnte.
Öffnete man die größte von ihnen, befand sich eine kleinere darin.
In der kleineren befand sich eine noch kleinere und immer so weiter.
Als wir sie endlich gefunden hatten, kehrten wir zurück.

Was genau wir mit dieser Puppe vorhatten, wusste ich allerdings nicht.
Ich war eher damit beschäftigt, Alistair die Falle wieder zu geben.
Er nahm sie dankend an und startete noch einen weiteren Versuch, um die von ihm benannte Hexe zu fangen. Schlimmer noch, er wollte ihr die Falle einfach ins Gesicht drücken und somit wohl ihr hübsches Gesicht für immer verunstalten.
Doch ich hielt ihn nicht auf.
Immerhin hatte ich dafür einen Silbertaler erhalten.
Nicht, dass ich ihm den noch zurückgeben musste.

Doch dann kam alles schlimmer als erwartet.
Während Alistair ausholte, stellte sich der Gerber in seinen Weg.
Und die Falle traf den Gerber am Bauch.
Er schrie auf und sank zu Boden.
Das Blut verteilte sich in einer großen Pfütze neben ihm.
Sir Nanoc sprang ein und trug den Gerber in Richtung einer der Bänke.
Jemand schnappte sich Verbände und half, die Blutung zu stoppen.
Mit der Sache wollte ich nichts zu tun haben.
Ich sah also zu, wie sie zu Alistair gingen und ihn verurteilen wollten.
Schnell schnappte ich mir meine Falle, verabschiedete mich leise von ein paar Freunden und verließ die Taverne.


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