Mein Weg führte mich durch ein paar weitere Wälder. Hier stellte ich meine Falle erneut auf, in der Hoffnung, diesmal etwas zu erwischen, was weder Stein noch Mensch war.
Ich durchquerte den Wald weiter. Ich wusste nicht, was mich führte, doch ich hatte eine Richtung. Irgendetwas schien sie mir vorzugeben.
Und dann stand ich dort und erkannte, wo ich gelandet war.
Es war die Taverne in Anrea. Die Taverne, die manchmal einfach so auftauchte.
Die Taverne, wo sich so viele verschiedene Wesen jeder Gattung und jeder Art sammelten.
Ob Conner wieder hier war?
Und der Mann mit dem Hammer?
Ich setzte meinen Weg fort.
„Anastasya!“, hörte ich eine bekannte Stimme.
Sophia.
Sie stand einige Schritte von mir entfernt. Doch sie war nicht allein. Ihr Vater Galador war bei ihr. Zusammen mit zwei weiteren Gestalten, deren Kleidung einen starken Lila-Anteil vorwiesen.
Ich freute mich einerseits, Galador und Sophia zu sehen, doch auf der anderen Seite waren mir diese beiden fremden Gestalten suspekt.
Ich wusste nicht, ob sie mir etwas Böses wollten.

Doch Sophia kam sofort zu mir und nahm mich an der Hand. Sie führte mich zu der restlichen Gruppe und so gingen wir gemeinsam zu der Taverne in Anrea.
Wieder einmal faszinierte Sophia mich mit ihrer niedlichen und absolut aufgeschlossenen Art.
Sie lief fröhlich herum und verkaufte Äpfel, die sie in einem geflochtenen Korb mit sich herum trug.

Die Gruppe begab sich in eine eher abgedunkelte Ecke am Vorplatz der Taverne. Sie setzten sich dort hin und machten es sich gemütlich. Außer ihnen waren dort noch weitere Wesen. Wesen, die ich tatsächlich fürchtete. Und trotzdem kamen sie mir bekannt vor. Die Nurgle. Die, die hier schon vor einigen Monden mit mir gesprochen hatten. Ich erkannte sie lediglich an ihrer Stimme.

Sophia hielt mich etwas entfernt von ihnen und erklärte mir, dass man krank werde, wenn man zu nahe bei ihnen sei.
Ich bedankte mich für den Hinweis und hielt mich in Sophias Nähe auf.
Ich wollte nicht von diesen seltsamen Gestalten angesteckt werden mit … was auch immer sie hatten.
Das, wovon der Mann mit dem Hammer auch schon gesprochen hatte.
Mich interessierte immer noch, was genau mit ihm geschehen war.
Besonders viel wusste ich noch immer nicht von ihm, auch, wenn Akri mir bereits etwas geholfen hatte…

Wir saßen eine Weile dort und redeten etwas als auf einmal eine weitere bekannte Person an mir vorbeilief.
Conner.
„Entschuldige mich, ich muss kurz mit Jemandem sprechen.“, erklärte ich Sophia und lief auf Conner zu. Ein paar Mitglieder seiner ehemaligen Gruppe standen bei ihm und so wartete ich einfach, bis er sein Gespräch beendet hatte.
„Oh, Anastasya!“, begrüßte er mich. Er schien sich zu freuen, mich zu sehen. Doch er wirkte auch etwas gestresst.
„Conner.“, erwiderte ich und lächelte. „Wolltest du heute etwas über die Runen wissen?“
Er sah sich kurz um.
„Ja, sehr gerne… Aber erst muss ich noch etwas erledigen.“, antwortete er und hob kurz einen Beutel an, den er in der Hand hielt.
Ich wusste zwar nicht, was er vorhatte und was sich in dem Beutel befand, aber ich nickte einfach.
„Da. Komm einfach zu mir dann.“, gab ich zurück und lief dann wieder zu Sophia.

Nach einigen Augenblicken erklärte Sophia, dass ihr langweilig sei und sie etwas machen wolle.
Ich nickte und wir beschlossen, ein wenig herum zu laufen und zu schauen, wen der Anwesenden wir alles kannten.

Kurz vor der Treppe, die hinab zum großen Platz vorm Taverneneinang führt, wurden wir von zwei Personen aufgehalten.
„Habt ihr einen Augenblick Zeit für unsere Umfrage?“, fragten sie und starrten uns erwartungsvoll an.
Wir sahen uns kurz an und nickten dann. Warum auch nicht.

Es stellte sich heraus, dass sie beide mit dem Gedanken spielten, eine Art „Zeitung“ für diese Taverne herauszubringen. Jeden Mond wollten sie über Themen berichten, die so passiert sind.
Sie fragten uns nach unserem Interesse für verschiedene Themen und ob allgemein Interesse an einer solchen Zeitung bestehe.
Wir beantworteten ihre Fragen, sie bedankten sich und zogen dann weiter.
Sophia und ich setzten unseren Weg fort und begegneten Jemandem, der sie allem Anschein nach kannte.
Es war ein etwas älterer, großer Mann mit dunklem Haar.
Sophia begrüßte ihn herzlich, doch er sah sie nur verwirrt an.
Eine Verwechslung?
War er betrunken?
Sophia wirkte betrübt und versuchte, zu erklären, wer sie war.
Sie nannte ihren Namen und auch, dass sie Galadors Tochter war.
Der Mann wirkte nun vollends verstört.
Er widersprach ihr.
„Die Sophia, die ich kenne, ist jung. Viel jünger als Ihr! Das kann nicht sein!“
Doch Sophia versuchte, ihm weiter zu bestätigen, dass sie es war.
Er wollte es ihr nicht glauben.
Daraufhin forderte sie ihn auf, Galador selbst zu fragen.

Ich hörte dem Gespräch noch eine Weile zu, doch ich kannte keinen der beiden gut genug, um am Gespräch teilnehmen zu können.
Also lief ich irgendwann weiter in Richtung Dunkeltaverne und war auf der Suche nach Conner. Vielleicht war er mit dem, was er vorhatte ja mittlerweile fertig.
Es dauerte auch nicht lange, bis ich ihn fand.
Wir setzten uns etwas abseits auf ein hölzernes Gestell an einer Erhöhung. Genau dorthin, wo beim letzten Mal Kirren gesessen hatte…
Es fühlte sich etwas seltsam an, doch ich setze mich mit ihm hin.
Die Nacht war bereits hereingebrochen, also stellten wir ein paar Kerzen auf.

„Die Runen…“, begann ich. „Ich habe dir bereits gesagt, dass Runen Werk von Odin sind, da?“
Conner nickte.
„Mit Hilfe von Odin bekommen wir seine Kraft. Er bündelt sie in Runen. Gibt vierundzwanzig verschiedene.“, erklärte ich ihm und holte mein Buch aus meiner Tasche.
Ich erklärte ihm noch einmal die Geschichte des Buches und schlug es auf. Ich zeigte ihm die entschlüsselten Seiten und auch jene, die noch verschlüsselt waren.
Es war mir beinahe peinlich, dass ein so großer Teil des Buches noch verschlüsselt war. Ich hatte lange keine Schlüssel-Zettel mehr gefunden.
Vielleicht sollte ich wieder gezielter danach suchen.

Dann nahm ich meinen Runenbeutel aus meiner Tasche.
„Runen bitte nicht berühren.“, erklärte ich kurz. Dann legte ich die Runen auf dem Holzgestell ab, auf dem ich saß.
Während ich die Runen hinlegte, beschrieb ich kurz die Bedeutung der jeweiligen Rune.

„Mit Runen kann man auch Schicksal legen.“, erwähnte ich, als ich alle Runen vor mir abgelegt hatte.
Conner sah mich gespannt an. Neugier lag in seinem Blick.
„Soll ich versuchen, Schicksal für dich zu legen?“, fragte ich dann.
Er nickte. „Ja. Sehr gerne.“
Ich sammelte die Runen wieder auf und legte sie in meinen Beutel.
Kurz erklärte ich ihm, wie ich beim Legen des Schicksals vorging.
Dann begann ich mit der ersten Rune.

Ich deutete, was die Runen über seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft erzählten. Ich zeigte ihm das Problem auf, das seine Gegenwart und seine Zukunft beeinflusste und wies ihn auf die möglichen Auswirkungen hin.
Dann bedankte ich mich bei Odin für seine Weisheit und legte die Runen wieder zurück in meinen Beutel.

Als ich zu Conner aufblickte, sah er mich mit großen Augen an.
„Was ist?“, fragte ich ihn sofort.
„Das… trifft es ziemlich gut.“, erwiderte er. „Meine Vergangenheit… Die Gruppe. Das gebrochene Vertrauen. Die Gegenwart. Die Kämpfe… Meine Zukunft. Eine Reise…“
Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Das trifft es wirklich ziemlich gut.“
Ich nickte lächelnd. „Die Runen haben Recht. Odin ist weise. Odin weiß, was ist.“

Wir redeten noch eine Weile über meine Götter, über seine Götter und sein Leben. Wir sprachen von Erlebnissen und kamen dann auch auf seinen Arm zu sprechen.
Es versetzte mir einen Stich ins Herz.
Es tat mir so leid. Das wollte ich doch eigentlich gar nicht. Ich hatte ihn nicht verletzen wollen.
Das war eine Verletzung, die Kirren hätte erleiden müssen. Er hätte sie verdient.
Nicht Conner. Nicht der, der mir stets nur helfen wollte.
Doch er versicherte mir, dass er es mir nicht übel nahm und dass es gut verheilt war.
Ich hoffte, dass er die Wahrheit sprach.

Bald verabschiedete ich mich wieder von Conner.
Ich wollte schauen, ob bei Sophia alles in Ordnung war.
Irgendwie fühlte ich mich verantwortlich, weil sie mich begleitet hatte und ich einfach zu Conner gelaufen war. Doch das Gespräch mit Conner war wichtig gewesen.

Beim großen Platz direkt vor der Taverne sah ich sie schließlich. Sie stand zusammen mit Galador und ein paar Fremden an einer der dicken Mauern.
Ich lief zu ihnen und stellte mich dazu.
Unter den Fremden war ein großer, weißhaariger Elf mit entsprechend spitzen Ohren und ein recht großer Mensch, der in Brauntönen gekleidet war. Er wirkte auf mich wie ein Waldläufer, allerdings ein recht distanzierter und ernster Waldläufer. In meiner Anwesenheit sprach er kein Wort und ich traute mich auch nicht, ihn anzusprechen.
Stattdessen kam ich mit dem Elf ins Gespräch.
Irgendwann liefen Dunkelelfen an uns vorbei. Sofort kam mir in den Sinn, was ich an der Taverne hinter den Sümpfen von ihnen gelernt hatte. Also sprach ich den Elf auf die Dunkelelfen an.
„Wie ist eigentlich Verhältnis von Elfen zu Dunkelelfen?“, fragte ich ihn.
Er schüttelte den Kopf.
„Nicht gut?“, schloss ich aus der Geste.
„Gar nicht gut.“, erwiderte und grinste gequält.
„Sind Dunkelelfen auch seltsam.“, flüsterte ich. „Habe ich gehört, bauen sie Häuser aus ihren Familien!“
Wir sprachen noch eine Weile über Elfen und Dunkelelfen und die Unterschiede zwischen ihnen. Dann beschloss ich, mich noch ein wenig in der Nähe der Dunkeltaverne umzusehen.
An einem der kleinen Gebäude erkannte ich auf einmal ein bekanntes Gesicht.
Zuerst traute ich meinen Augen nicht.
Tahn? Konnte das Tahn sein? Der Streitlustige, den ich am Phönixnest getroffen hatte?
Ich blieb in seiner Nähe stehen und beobachtete ihn für einen Moment.
Es dauerte nicht lange, bis er einen Apfel aus der Tasche holte und hineinbiss.
Das musste Tahn sein. Am Phönixnest hatte er schon so viele Äpfel gegessen. Ständig. Ich hatte ihn dort fast immer mit einem Apfel in der Hand gesehen.
„Tahn.“, rief ich und ging auf ihn zu.
Er sah mich an und schien verwirrt.
„Tahn.“, wiederholte ich.
„Wer bist n du?“, fragte er mich sofort.
„Du kennst mich.“, erwiderte ich. „Phönixnest. Du hast dich mit Jemandem geprügelt und wir haben dir geholfen.“
Er schien immer noch verwirrt.
„Anastasya.“, verriet ich ihm dann meinen Namen. Wie konnte er das vergessen haben?
„Hast du zu starken Schlag auf Kopf gekriegt?“, fragte ich dann. „Phönixnest. Weißt du nicht mehr? Du hast dich geprügelt.“
„Ja. Phönixnest… Genau. Da war dieser Typ und dann hab ich den so geschlagen und er hat zurückgeschlagen und… Ja. Dann war da diese… Wie hieß die? Ly.. Lynx oder so?“
„Der hast du ins Gesicht geschlagen als sie dich heilen wollte…“, antwortete ich und blickte ihn direkt an. „Man haut keine Heiler!“
„Die hat mir wehgetan!“, erwiderte er trotzig.
„Da war ich jedenfalls auch bei.“, kommentierte ich, doch er schien sich wirklich nicht zu erinnern.
In der kleinen Holzhütte, bei der wir standen, saßen die beiden Menschen, die die Umfrage wegen der Zeitung durchgeführt hatten.
Mit ihnen kamen wir auch noch ins Gespräch.
Wieder biss Tahn in einen Apfel, reichte ihn mir aber.
„Apfel?“, fragte er und sah mich an.
Verwirrt blickte ich zu dem Apfel in seiner Hand und dann zu ihm.
Er kaute den Bissen Apfel, dann hellte sich sein Gesicht auf. „Oh, der Apfel ist sehr gut.“
Vergiftet konnte der Apfel also nicht sein. Immerhin hatte er selbst hineingebissen.
Etwas verwirrt nahm ich den Apfel an und biss hinein.
Er war wirklich lecker, da musste ich Tahn recht geben.

Nach einer Weile ging Tahn zu der hölzernen Hütte nebenan und schien sich mit den Personen dort zu unterhalten.
Ich folgte ihm ein paar Augenblicke später.
In der Hütte war eine hübsche Frau. Sie schien dort allerlei Kuriositäten zu verkaufen.
„He. Äh… Ana…Anastasya.?“, sprach mich Tahn an. „Die haben hier total den guten Schnaps… Irgendwas mit Algen?“
Fragend blickte er zu der Frau in der Holzhütte. Sie lachte kurz und überreichte uns kleine Phiolen, in denen sich der Schnaps befand.
Ich roch zunächst daran. Wer weiß, ob der Schnaps nicht vergiftet war.
Doch wozu?
Sie nahm selbst auch eine Phiole in die Hand.
Dann tranken wir.
Der Schnaps schmeckte wirklich gut.
Das musste man Tahn also lassen: Er hatte einen guten Sinn für Geschmack.

So standen wir noch eine Weile dort und tranken.
Je später es wurde, desto mehr merkte ich, dass ich müde war.
Ich würde mir also bald einen Schlafplatz in dem Wald suchen, in dem ich meine Falle aufgestellt hatte.

Bald verabschiedete ich mich von Tahn und verließ die Taverne.
Der Wald rief nach mir und ich folgte seinem Ruf.


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