Wir liefen weiter durch die Wälder.
Der Treffpunkt konnte doch gar nicht mehr so weit sein…?
Ich fragte mich, auf was für Menschen wir wohl treffen würden.
Vielleicht ein paar Bekannte?
Vielleicht auch ganz Neue?
Hoffentlich würden wir es bald erfahren.
Es war schon wieder dunkel und irgendwie wurde ich langsam müde.
So weit konnte es doch nicht mehr sein? Ich musste durchhalten.

Doch bald erreichten wir eine recht große Gruppe von Menschen.
Ein paar von ihnen trugen Laternen oder Kerzen bei sich. So konnte man immerhin ein wenig sehen.
„Wir sind auf dem Weg nach Fjällnasgard. Dort wollen wir Heretia die Stirn bieten. Der Widerstand ist auf unserer Seite und wir werden erneut kämpfen.“, sprach einer der Männer. Er trug eine Laterne bei sich und trotzdem konnte ich sein Gesicht nicht erkennen.
Doch was er sagte, stimmte beinahe mit dem überein, was wir gelesen hatten.
Heretia war die Frau mit dem Drachen.
Doch was war mit Nørskal? Sollten wir nicht dorthin?
Oder war Nørskal nach wie vor von Heretia besetzt?
Doch an sich war es egal.
Hauptsache, wir kamen irgendwo an, wo wir essen und schlafen konnten.
Also folgten wir der Gruppe.
Soweit ich das richtig erkennen konnte, gehörten etwas mehr als zwanzig Leute zu der Reisegruppe.
Ich hoffte, dass es nicht mehr so weit sein würde. Ich wollte ankommen. Ich wollte schlafen.

Wir liefen bergauf durch unwegsames Gelände.
Die Dunkelheit erschwerte uns den Weg.
Viele Personen waren langsam, weil sie vorsichtig liefen.
Es begann zu regnen und hörte auch so schnell nicht auf.
Wir fühlten uns furchtbar.
Tahn murrte.
Er wollte ankommen.
Genau wie ich.
Zwischendurch fragte er sogar, ob wir uns nicht einfach in den Wald legen konnten.
Und das von ihm…
Er musste sehr erschöpft sein.

Wir wurden angegriffen.
Wesen sprangen aus den finsteren Teilen des Waldes hervor.
Wir kämpften.
Zum Glück waren viele aus der Gruppe kampffähig.
Ein paar wurden verletzt, doch wir mussten weiter laufen.
Die Müdigkeit machte mir zu schaffen.

An einer Weggabelung machten wir kurz Rast.
Die Verletzten mussten versorgt werden, sonst würden sie uns nur ausbremsen.
Da hörte ich auf einmal bekannte Stimmen.
Es waren Ares und Rhea.
Wann hatte ich sie zuletzt gesehen?

„Hallo!“, begrüßte ich sie.
Ich freute mich wirklich, sie zu sehen.
Allerdings erkannte Tahn sie nicht mehr.
Er erinnerte sich nicht mehr an sie und die beiden waren verwirrt.
„Hand geben, Tahn. Vorstellen.“, schlug ich ihm vor. Er sah mich an, überlegte kurz und stellte sich ihnen dann vor.
Hoffentlich würde er sich dann an ihre Namen erinnern.
„Wie ist das passiert?“, fragte Ares mich.
„Ist lange Geschichte.“, gab ich zurück. „Er hat etwas Falsches gegessen.“
Das schien Ares nicht zu verstehen, doch dazu war momentan einfach keine Zeit.
Die Verletzten schienen soweit versorgt zu sein und so mussten wir weiter.
Der Mann mit der Laterne drängte uns dazu, weiterzulaufen.
Er wirkte sehr besorgt…
Waren Angriffe von seltsamen Wesen hier so normal?
Ich hielt meinen Bogen in der Hand und er störte mich… Denn im Dunkeln konnte ich nicht ordentlich schießen.
Also nahm ich mein Schwert in die andere Hand – damit konnte ich mich zumindest etwas verteidigen.
Der Bogen war nur im Weg.
Doch vielleicht würde er mir später nützen… Vielleicht.
Zuhause in Falkenhain war dieser Bogen notwendig, doch hier waren Nahkampfwaffen einfach sinnvoller.

Rhea und Ares boten uns Essen an.
Immerhin hatten sie daran gedacht und vor ihrer Reise Nahrung gekauft.
Da waren sie uns einen großen Schritt voraus gewesen.
Wir hatten lediglich zwei Äpfel übrig, die Tahn natürlich selbst brauchte.
Doch wenigstens hatten wir damit die wilde Jagd besänftigt…
Nicht auszudenken, was sie ansonsten mit uns angestellt hätten.
Also lieber etwas hungern, als von Odin und seinem Gefolge niedergetrampelt zu werden… Oder schlimmer.

Ich sah mich weiterhin um, blickte in den Himmel.
Keine Spur von der wilden Jagd.
Ich hörte auch keinen Ton mehr von ihnen.
Vielleicht hatten sie uns nun wirklich in Ruhe gelassen.
Vielleicht zogen sie zu anderen Orten, immerhin war die Welt wirklich groß.

Ich biss in ein Stück Brot, das Rhea mir von einem ganzen Laib Brot abgerissen hatte.
Doch irgendwie schmeckt es nach nichts.
Es gefiel mir nicht.
Ich sah zu Tahn.
Er aß es genüsslich.
Hatte er so großen Hunger oder schmeckte es ihm mal wieder anders?
„Tahn? Schmeckt dir Brot?“, fragte ich ihn.
„Ja, schmeckt gut.“, erwiderte er.
Ich sah ihn verwirrt an.
Tatsächlich.
„Finde ich schmeckt nach nichts.“
Das verwunderte nun auch Rhea und Ares.
„Hm. Ja. Das ist etwas trocken.“, überlegte Rhea.
„Schmeckt nach Mehl.“, warf Tahn ein.
Ich schüttelte den Kopf.
„Ach so. Nach nichts. Ja, das hat Edward doch auch gesagt!“
Daran erinnerte er sich scheinbar.
Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass dieses Brot mir einfach nicht schmeckte.
Ich gab das restliche Brot an Tahn weiter und er freute sich darüber.

Wir liefen weiter und weiter.
Der Regen schien gar nicht mehr aufzuhören.
Wollten wir nicht eigentlich in Richtung Norden reisen?
Warum regnete es dann so viel?
In meiner Heimat – im richtigen Norden – würde jetzt Schnee liegen.
Und das war allemal angenehmer als dieser nervige Regen.
Doch scheinbar waren wir weiter von meiner Heimat entfernt als ich es mir erhofft hatte.
Wann kamen wir endlich bei dieser Burg an?

Ich war müde und ließ mich etwas zurückfallen.
Ein paar Leute ermahnten uns, auf die Wegesränder zu achten, da auch dort Wesen lauern können.
Ich hoffte einfach, dass sie mich nicht erwischen würden.
Eigentlich wollte ich doch nur schlafen.
Und Hunger hatte ich auch mittlerweile.
Das Brot hatte nicht geschmeckt.
Es hatte nicht einmal meinen Hunger gestillt.

Der letzte Mann der Gruppe trug ebenfalls ein Licht bei sich.
Je langsamer die Gruppe lief, desto unruhiger schien er zu werden.
„Was ist denn?“, fragte ich ihn also.
„Da sind drei dieser Wesen hinter uns.“, gab er zurück.
Ich sah ihn fragend an.
Schon wieder diese Wesen?
„Wie nah hinter uns?“
„Noch müssen wir nicht rennen, aber bald…“, gab er zurück.
Mich beeindruckte, mit was für einer Ruhe er das sagte.
Ich hingegen wurde unruhiger und wies die Personen vor mir an, doch etwas schneller zu laufen.
Sie schienen gar nicht mitzubekommen, dass wir verfolgt werden.

Um nicht die Erste zu sein, die von diesen Wesen angegriffen wird, überholte ich ein paar der Personen und reihte mich weiter vorne wieder ein.
Tahn lief zum Glück noch neben mir her und so konnte ich etwas auf ihn Acht geben.
Rhea hatte ihm einen Apfel gegeben und so kaute Tahn zufrieden auf dem Apfel herum.
Ich rief zwischendurch nach Ares und Rhea, um herauszufinden, ob es ihnen gut ging.
Ein Teil der Gruppe schien nun etwas schneller zu laufen.
Leider holten die langsameren nicht auf.
Vermutlich waren viele Verletzte und erschöpfte Leute unter ihnen.

Kurz vor einer Weggabelung blieben wir stehen.
Wo war der Mann mit der Laterne hin, der voran gegangen war?
Ein Weg führte hinauf, ein anderer hinab.
Da wir zu einer Burg wollten hielt ich den Weg hinauf für sinnvoller.
Burgen lagen doch meistens ganz oben auf dem Berg.

Viele der Reisenden waren ebenfalls meiner Meinung, doch wir wollten trotzdem auf den Mann mit der Laterne warten.
Und was war mit diesen Wesen, die uns verfolgt hatten?
Ohne Licht konnte man wirklich nichts erkennen.
Die Dunkelheit hatte uns komplett verschlungen und man konnte die Schemen der Personen nur erahnen.
Zum Glück fiel die weiße Kleidung von Tahn auch in der Dunkelheit auf.
So musste ich nicht nach ihm suchen.

„Wir haben vier Leute verloren.“, sprach plötzlich einer. „Zwei sind losgelaufen, um sie zu suchen.“
Ich schüttelte verständnislos den Kopf.
Das konnte doch nicht ihr Ernst sein.
„Also fehlen uns nun sechs Leute?“, fragte ich fassungslos.
„Offensichtlich.“
„Wollen wir uns noch weiter aufteilen und noch mehr verlieren?“
Ich war hungrig und müde. Ich war gereizt.
Wie kamen sie auf die Idee, solche dummen Entscheidungen zu treffen?

Doch wir nutzten die Zeit, die wir warteten, um uns zu unterhalten.
Ari kam auf mich zu.
„Du nutzt doch deine Runen auch für das Schicksal, oder?“, fragte er mich.
Ich nickte.
„Das ist gut. Moment.“, sprach er und wand sich an eine andere Frau.
„Hier ist Jemand, der Runen legen kann für das Schicksal.“, erklärte er ihr.
Sie blickte in meine Richtung, kam dann auf mich zu.
„Hallo.“, begrüßte sie mich. „Ich nutze meine Würfel, um etwas über das Schicksal herauszufinden. Wir könnten das ja mal gemeinsam machen und schauen, ob beide Wege das Gleiche sagen.“
Ich nickte.
„Da. Aber nicht jetzt und hier, eh?“, gab ich zurück.
„Nein nein!“, erwiderte sie. „Wir können uns ja mal in der Taverne der Burg treffen.“
„Da. Gerne. Wie ist Name?“
„Miss Sophie.“
Damit beendeten wir das Gespräch.
Ich hatte ihr Gesicht nicht erkennen können, doch immerhin hatte sie mir ihren Namen genannt.

Die Gruppe teilte sich nun doch auf.
Sie wollten herausfinden, wo die vermissten Personen abgeblieben waren.
Also liefen wir los, liefen zurück.
Es gefiel mir zwar nicht, weil wir uns nun wieder von der Burg entfernten, doch auf der anderen Seite war es vermutlich nicht besonders nett, einfach Reisegefährten zurückzulassen.
Doch Odin meinte es gut mit uns, denn nach nur wenigen Augenblicken riefen sie von hinten aus, dass die vermissten Personen gefunden wurden.
Wir liefen also wieder zurück.

Und entgegen meiner Erwartungen führte uns der Weg hinab und nicht hinauf.
Waren wir also tatsächlich höher als die Burg selbst… Oder wollte uns der Mann mit der Laterne in die Irre führen?
Ich hoffte, dass es Ersteres war.
Ich hatte keine Lust, noch weiter zu laufen.
Ich wollte mich ausruhen.

Wir erreichten die Burg.
Sie lag tatsächlich niedriger als der Wald, durch den wir gelaufen waren.
Die Tore standen offen.
Es war seltsam, doch wir kümmerten uns nicht weiter darum.
Wir wollten rein.
Wollten in Sicherheit. Und in Wärme.
Wir wollten essen und schlafen.
Und so folgten wir der Gruppe in den Speisesaal.
Es war reichlich aufgedeckt worden, fast so, als hätte man uns erwartet.
Vielleicht hatte man das auch… Schließlich wollte der Widerstand sich gegen diese seltsame Frau namens Heretia erheben.
Vermutlich wurden wir also tatsächlich erwartet.
Ich hoffte, dass wir nach dem Sieg über Heretia tatsächlich Kupfer bekommen würden.
So schwierig konnte es ja nicht sein, eine andere Frau zu besiegen… Oder?

Während die gesamte Reisegruppe aß, wurden sie immer unruhiger.
Es wurde kälter im Raum… Oder bildete ich mir das nur ein?
Ich aß etwas, doch wie immer schmeckte es nach nichts…
Stillte es zumindest meinen Hunger?
Ich war mir nicht sicher.
Es fühlte sich nicht so an.

Wir unterhielten uns.
Ich fragte Ares und Rhea, was alles in unserer Abwesenheit passiert war.
Was sie erlebt hatten.
Wie es ihnen ergangen war.
Ares hatte als eine Art Büttel zu arbeiten angefangen und damit einiges an Geld verdient.
Rhea war bei ihm, um auf ihn aufzupassen.
Es erinnerte mich ein wenig an Tahn, nur, dass Ares im Gegensatz zu Tahn nicht alles vergaß.
Ich hatte das Gefühl, dass Ares einfach gerne Unsinn machte.
Immerhin war ich so nicht die Einzige, die auf Jemanden aufpassen musste.

Während wir uns weiter unterhielten, fiel immer mehr Personen auf, dass es kälter wurde.
Erst, als sich einige vor der Tür gesammelt hatten, bemerkte ich, dass sie die Tür nicht öffnen konnten.
Was war geschehen?
Zugeschlossen?
Oder vielmehr…
„Die Tür ist zugefroren!“, riefen sie nun durcheinander.
Sie waren aufgebracht.
Hysterisch.
Wir sahen uns um.
Von draußen hörten wir Kampflärm.
Wer kämpfte gegen wen?
Würden sie zu uns hereinkommen und uns ebenfalls angreifen?
Konnten wir denen da draußen irgendwie helfen?
Und warum wurde überhaupt gekämpft?
War Heretia etwa schon da?

Solange die Tür allerdings zugefroren war, konnten wir nichts weiter machen außer abwarten.
Ich legte mir meinen Umhang wieder über, um nicht zu frieren.
Doch wir unterhielten uns einfach weiter.
Es hatte ja keinen Zweck, panisch zu werden.
Wenn wir nicht herauskamen, dann kamen wir hysterisch noch viel weniger heraus.
Abwarten.
Das Eis würde mit Sicherheit wieder tauen.
Und wenn nicht, dann spätestens am nächsten Morgen.
So kalt war es in diesem sogenannten Norden ja auch wieder nicht.
Falkenhain war wesentlich schlimmer.
Was sollte also groß passieren?

Und genau so kam es auch.
Die Tür konnte nach einiger Zeit wieder geöffnet werden.
Die Personen strömten heraus.
Wir folgten ihnen – allerdings in Ruhe.
Die Hektik brachte uns schließlich auch nicht weiter.

Draußen wurde offensichtlich gekämpft, doch die Angreifer waren nicht mehr zu sehen.
Wahrscheinlich hatten die anderen sie bereits vertrieben.
Die Frage war nur, ob die Sieger-Seite auch die Seite war, auf die wir uns geschlagen hatten.
Die Seite des Widerstandes gegen Heretia.
Doch da uns niemand angriff, schloss ich daraus, dass wir alle zur gleichen Seite gehörten.

Ares und Rhea waren vorgelaufen und sahen sich im unteren Burghof um.
Tahn und ich blieben oben.
Wir halfen einem Verletzten in Plattenrüstung.
Die Metallteile waren verbeult und so versuchten wir, ihn aus der Rüstung herauszuholen.
Zum Glück war er nicht ernsthaft verletzt – die Rüstung hatte ihn beschützt.

Ares kam bald zurück.
„Wo ist Rhea?“, fragte ich ihn.
Irgendwie hatte er ein Talent dafür, sie immer irgendwo zu verlieren oder zurückzulassen.
„Die hat eine Freundin getroffen… Lynx, glaube ich.“, erwiderte er.
„Lynx?!“
„Ja… So Streifen im Gesicht. Drei Stück.“
Ich nickte.
Das war Lynx.
„Wo?!“, fragte ich sofort weiter.
„Unten im Burghof. Auf der linken Seite.“
Ich lief los.
Ging es ihnen gut?
Ares wirkte nicht besonders aufgeregt, also waren sie hoffentlich wohlauf.
Wenn sie verletzt worden waren, hätte er doch mit Sicherheit Bescheid gesagt.

Ich lief los und suchte nach ihnen.
Ares und Tahn folgten mir.
Ich sah zu den Bänken auf der linken Seite.
Dort waren sie… Tatsächlich!
Ich lief zu ihnen.
Sie wirkten etwas erschöpft.
Waren sie doch verletzt worden?
Hatte Lynx etwa mitgekämpft?

Lynx begrüßte mich.
Sie freute sich, mich zu sehen. Und ich freute mich auch.
Es schien ihr den Umständen entsprechend gut zu gehen.
Doch sie wirkte verwirrt.
„Ich… Ich glaube, ich habe Breeg gesehen.“, brachte sie hervor.
Breeg. Er war also auch hier.
Ich nickte.
„Da. Kann gut sein. Habe ihn vor einiger Zeit auch gesehen.“, erwiderte ich.
„Aber… Aber wie kann das sein?“
Sie schien die Welt nicht mehr zu verstehen.
Und erst jetzt begriff ich, wieso.
Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass Breeg nun wieder im Hier und Jetzt war.
„Er hat Weg zurück gefunden… Schwierige Geschichte. War in einem Haus mit einem Spiegel und hat irgendwie andere Leute dort gesehen und dann… Hilfe von einem Magier bekommen und konnte irgendwie durch den Spiegel zurück.“, versuchte ich zu erklären, was er mir bereits gesagt hatte.
Ich war mir nicht sicher, ob ich es komplett richtig verstanden hatte.
Und weder Ares, Rhea, Tahn noch Lynx schienen meine wirren Worte richtig zu begreifen.
Es war aber auch einfach… unbegreiflich.
„Fragt ihn besser selbst.“, fügte ich schnell hinzu.
Ich kam mir seltsam vor.
„Wo ist er denn?“
„Ich habe ihn vorhin beim Kämpfen gesehen.“, antwortete Lynx.
Ich nickte.
„Wir sehen ihn nachher bestimmt noch einmal.“
Doch eigentlich wollte ich mein Gepäck loswerden.
„Kann man hier irgendwo schlafen?“, fragte ich.
Vielleicht hatte Lynx schon etwas mitbekommen.
Sie schien früher angekommen zu sein als wir. Oder aber später. Jedenfalls schien sie sich besser auszukennen. Vielleicht hatte sie schon mit irgendeinem Verantwortlichen geredet.
„Ja. Es gibt Zimmer.“, erwiderte sie.
Ares und Rhea bestätigten das.
Sie schienen auch schon herumgelaufen zu sein.
„Könnt ihr uns zeigen?“
„Ja, natürlich.“
„Taverne?“, fragte Ares.
„Taverne!“, erwiderte Tahn.
Wir trennten uns also. Tahn und Ares liefen vor in Richtung Taverne. Das gefiel mir zwar nicht, doch ich konnte Tahn ja nicht ständig hinterherlaufen.
Eigentlich hatte Jespar ja Recht.
In gewisser Weise musste Tahn fliegen lernen.
Zumindest ein wenig…
Es fiel mir zwar schwer, doch ich ließ sie in die Taverne gehen.

Rhea, Lynx und ich betraten die Burg, liefen ein paar Treppen hinauf, durchquerten einen Gang und öffneten schließlich die Tür zu einem Zimmer.
Es war geräumig und sechs Betten befanden sich darin.
„Hier sind noch welche frei?“, fragte ich nach.
Lynx nickte.
„Soweit ich weiß sind hier noch drei Betten frei.“, gab sie zurück.
„Gut.“
Ich legte meinen Bogen, den Köcher und meine Tasche ab und sah mich noch etwas um.
Das Schwert und die Axt würde ich bei mir behalten.
Man wusste ja nie, ob es in der Nacht nicht noch zu Angriffen kommen würde.

Wir verließen das Gebäude wieder und traten hinaus auf den Burghof.
Nachdenklich sahen wir uns an. Es stand fest, dass wir Ares und Tahn folgen mussten.
Die beiden alleine waren einfach ein zu großes Gefahrenpotenzial, das wusste jede Einzelne von uns.
Und schon jetzt hatte ich ein wirklich ungutes Gefühl, dabei hatten wir sie nicht lange alleine gelassen.

Wir betraten also die Taverne und sahen uns um.
Es hatten sich bereits einige Reisende versammelt und gemütlich gemacht.
An manchen Ecken wurden Würfelspiele gespielt und an anderen einfach nur getrunken.
Sie genossen das Leben.
Aber waren wir nicht eigentlich hier, um diese seltsame Heretia und ihren Drachen zu bekämpfen?
Nun ja… Warum nicht vorher noch etwas trinken?
Immerhin konnte jederzeit unser letztes Stündlein schlagen…

In der hintersten Ecke der Taverne sahen wir Ares und Tahn.
Wir setzten uns zu ihnen.
Noch schienen sie nichts Schlimmes angestellt zu haben.
Immerhin etwas.

Tahn holte seinen Würfelbecher aus der Tasche.
Das hielt ich für eine gute Idee.
Ein bisschen Spaß haben und Kupfer verdienen.
Was gab es besseres nach einer so anstrengenden und langen Reise?
Vermutlich nicht viel.
Wir spielten Kutsche und Pferd und danach erklärte Tahn uns ein weiteres Spiel, das er „Eins die Hure“ nannte. Dabei ging es darum, so oft wie möglich mit einem Würfel zu würfeln, ohne dabei eine Eins zu würfeln. Denn wenn man eine Eins gewürfelt hatte, war man raus.

Ich gewann ein paar Runden, verlor aber auch ein paar.
Ares hatte nach ein paar verlorenen Durchgängen keine Lust mehr.
Und so waren es bald nur noch Tahn und ich, die spielen wollten.
Zu zweit zu würfeln machte allerdings keinen Spaß.
Also führten wir die Gespräche über diese Burg weiter. Außerdem redeten wir über die ganzen vergangenen Geschehnisse.

Ich sah mich um.
Wollte diese Frau, die sich als „Miss Sophie“ vorgestellt hatte nicht hier sein?
Sie wollte doch gemeinsam mit mir das Schicksal legen. Sie mit Würfeln, ich mit Runen…
Ich versuchte, mich an ihr Gesicht zu erinnern… Doch es war viel zu dunkel gewesen.
Es konnte jede der hier anwesenden Frauen gewesen sein.
Dennoch nahm ich meinen Runenbeutel heraus.
„Was ist?“, fragte Tahn.
„Ich suche Miss Sophie.“, gab ich zurück. „Wollte ich doch mit ihr Schicksal legen.“
„Schicksal legen?“, wiederholte Tahn. „Hier… So mit Karten?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Mit Runen.“, erwiderte ich.
„Hm… Kannst du mir auch das Schicksal legen?“, fragte er.
„Da. Was willst du wissen? Musst du Frage stellen.“
Ich sah zu meinem Runenbeutel.
Odin war doch auf meiner Seite.
Er würde mir mit Sicherheit helfen.

Tahn überlegte.
„Es darf keine Frage sein, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.“, fügte ich schnell noch hinzu.
„Warum?“, fragte Tahn.
„Weil Antwort immer etwas mehr als nur Ja und Nein ist.“, erwiderte ich.
Immerhin waren es sechs Runen, die ich als Antwort legen würde.
Ein einfaches „Ja“ oder „Nein“ gab es nicht.

Er griff nach dem Runenbeutel.
„Runen nicht berühren.“, ermahnte ich ihn.
Er sah mich verwirrt an.
„Da. Beutel darfst du berühren.“
„Die Karten musste ich mischen… Soll ich schütteln?“, fragte er mich.
Ich überlegte kurz.
Warum sollte er es nicht tun?
„Da. Kannst du machen.“
„Wie geht es meinem Kind?“, fragte er und schüttelte dabei den Runenbeutel.
Dann legte er ihn wieder hin.

Ich nickte, griff danach und zog eine Rune.
Das war die Rune für die Vergangenheit.
Ich legte sie nach ganz links.
Darauf folgte die für die Gegenwart. Sie kam daneben.
Dann die Zukunft. Sie musste ganz rechts liegen.
Über die Rune der Gegenwart kam das Problem der Frage. Darüber der Weg.
Und unten, unter die Rune der Gegenwart dann die mögliche Konsequenz daraus.

Ich atmete tief ein.
„Odin. Bitte sage mir, wie es Kind von Tahn geht.“, bat ich ihn.
Dann drehte ich die erste Rune um.
Vergangenheit.
Othila umgekehrt.
„Ein Problem mit der Heimat.“, erklärte ich leise und sah Tahn an.
Seine Augen weiteten sich etwas.
Hatte ich Recht?

Ich drehte die nächste Rune um.
Gegenwart.
Nauthiz.
„Not. Dein Kind hat Not… Momentan. In der Gegenwart. Es gibt Probleme.“, sprach ich weiter.

Die nächste Rune.
Zukunft.
Eiwaz.
„Schutz. Du wirst dein Kind in der Zukunft beschützen. Es braucht deinen Schutz.“
Tahn griff nach der Rune.
Ehe ich ihn aufhalten konnte, hatte er sie berührt.
„Nicht!“, rief ich. „Runen nicht anfassen!“
Er zog die Hand zurück.
Hatte er es schon wieder vergessen?
Ich seufzte.
Dann musste ich die Runen doch wieder aufladen…
Zumindest diese eine.

Jetzt war die Rune dran, die das Problem zeigen sollte.
Ich drehte sie um.
Sowilo.
„Sieg. Ein Sieg stellt ein Problem dar. Entweder der Sieg von deinen Kriegern… Oder der Sieg deiner Feinde.“, sprach.
Ich wusste, dass Tahn in vielen Kriegen und Schlachten mitgekämpft hatte.
Doch wer hatte gewonnen?
Warum hatte ich ihn nie danach gefragt?
Ich sah ihn nachdenklich an.
„Tahn… Wer hat denn Schlacht gewonnen? Schlacht in Wüste?“
Er überlegte.
Eine ganze Weile, doch er schien sich nicht genau zu erinnern.
Er wusste es also selbst nicht.
Vielleicht hatte er das Ende der Schlacht nicht einmal mitbekommen.

Ich nickte und drehte dann die nächste Rune um.
Vielleicht würde Tahn sich eines Tages erinnern.
Die Rune, die den Weg zeigen sollte.
Als ich sie erblickte, erstarrte ich kurz.
Wie konnte das sein?
Es war Ansuz. Die Rune Odins.
Dabei glaubte er doch an einen ganz anderen Gott.
Mir war zwar klar, dass es trotzdem Odin war – nur unter einem anderen Namen – aber dennoch.
Das war ein ganz genauer Hinweis von Odin.
„Ansuz.“, sprach ich. „Die Rune Odins.“
Ich holte tief Luft.
„Ich bin Odins Dienerin… Und vielleicht heißt das, dass wir gemeinsam hingehen müssen…“, mutmaßte ich.
Sicher war ich mir nicht.

Umso gespannter war ich auf die letzte Rune.
Die Rune, die das Ergebnis der Frage zeigte.
Das Ergebnis, die Lösung oder die Konsequenz.
Je nach Frage.
Ich drehte die Rune um.
Und war verwirrt.
Es war Ingwaz.
Die Rune der Fruchtbarkeit.
Das verstand ich nicht.
Wollte Odin es mir wirklich so schwer machen?
„Ist Ingwaz.“, sprach ich. „Rune von Fruchtbarkeit und von Frau.“
Und erst dann verstand ich.
Frau.
Ich hob den Blick und sah auch die übrigens Personen am Tisch nacheinander an.
Dann sah ich zu Tahn.
„Kind ist Frau. Ist Tochter.“, sprach ich.
Das musste Odin gemeint haben.
„Eine Tochter?“, fragte Tahn.
Ich nickte.
Er schien verwirrt, stritt es aber nicht ab.
Immerhin wusste er es ja auch nicht.
Doch ich war mir sicher.
Tahn hatte eine Tochter.

Ich erhob mich und verließ die Taverne.
Eine berührte Rune musste natürlich wieder aufgeladen werden.
Und bevor ich die Runen irgendwann brauchte, würde ich sie besser sofort aufladen.
Dann war ich zumindest sicher.

Zwar brauchte ich Eiwaz eher selten, doch wer wusste schon, was uns auf dieser seltsamen Burg noch erwarten würde.
Wenn wir wirklich gegen einen Drachen kämpfen mussten, dann brauchten wir vermutlich jeden Schutz, der möglich war.

Tahn begleitete mich nach draußen.
Wir liefen in ein kleines Waldstück. Zwischen einigen Bäumen stand sogar ein großes Holzkreuz, dem sich Tahn sofort näherte.
Hier schienen Menschen seines Glaubens zu sein.

Ich hingegen hockte mich auf den Boden, entzündete eine Kerze und nahm die Rune in die Hand.
Die Flamme flackerte.
Es war zu windig.
Dann erlosch die Flamme.
Ich versuchte es erneut.
Es funktionierte nicht.
Wollte Odin es nicht?
War etwas anderes im Gange?
Etwas Wichtigeres?

Untote kamen aus dem Wald.
Zum Glück sahen sie uns nicht, weil wir im Schatten der Bäume hockten.
Sie liefen zur Burg. Und kämpften.
Es kamen auch Untote aus der Burg heraus.
Überall kämpften sie.

Ich blickte zu der erloschenen Kerze.
Kämpfen.
Kämpfen war jetzt wichtiger.
Also liefen wir los, liefen in Richtung des Tores.
Die Menschen in der Burg waren bereits umzingelt.
Wir mussten sie irgendwie freikämpfen.

Wir kämpften und kämpften, bis wir in die Burg hereinkamen.
Der Gestank von untotem Fleisch war entsetzlich, doch wir mussten es aushalten.
Die Gewohnheit half dabei leider nicht.
Es war so schlimm wie bei meinem ersten Treffen auf Untote.
Und besser würde es wohl nie werden.

Ich lief in den kleinen Burghof direkt beim Eingang.
Rechts an der Seite waren ein paar hölzerne Bänke und ein Tisch.
Rhea und Lynx waren dort.
„Anastasya! Kannst du helfen?“, fragten sie.
Sie waren gerade dabei, die Verwundeten zu behandeln.
Ich nickte.
Viele waren verletzt worden.
Ich legte meinen Mantel ab und half zwei Verletzten.
Rhea und Lynx waren ebenfalls beschäftigt.
Wir teilten uns die Verletzten auf.
Immer, wenn etwas ein bisschen komplizierter oder lebensgefährlicher war, nahm ich die Runen zur Hilfe.
Es funktionierte gut, doch ich merkte, wie ich schwächer wurde.
Nach zwei Heilungen war mir schon etwas schwindelig.
„Anastasya, geht es noch?“, fragte Rhea.
Ich nickte.
„Da. Geht noch etwas. Langsam machen, dann geht schon.“, gab ich zurück.
So schlimm war es ja noch nicht.
Ich hatte schon Schlimmeres erlebt.

Dann wurde Jemand zu uns gebracht, der mir bekannt war.
Ein Wolf.
Es war Grey.
Und ihm schien es schlecht zu gehen.
Sein kompletter Körper schien verfetzt, vor allem im Bereich des Bauches.
Ich hoffte, dass keine Organe zerstört worden waren.
Dann begann ich, ihn mit meinen Runen zu heilen.
Es war anstrengend, denn es mussten mehrere Wunden geschlossen werden.
Ich spürte, dass meine Kräfte mich nach und nach verließen.
Doch ich musste es schaffen.
Wenigstens nur noch dieser eine.

Und ich schaffte es auch.
Die Wunden schlossen sich.
Er durfte nur nicht daran kratzen.
Kratzen würde es nur wieder aufreißen.

Doch der Wolf war noch immer bewusstlos.
Ich versuchte, ihn aufzuwecken.
Und tatsächlich schlug er die Augen auf.
Doch er schien irgendwie nicht wirklich da zu sein…
Irgendetwas stimmte nicht.
Und er fror.
Ich warf ihm meinen Mantel über.

Der Wolf murmelte etwas, doch ich verstand ihn nicht wirklich.
Ich sah mich um.
Gehörte diese Ratte nicht auch zu ihm?
Immerhin hatte ich sie schon öfter gemeinsam herumlaufen sehen.
„Rhea? Kannst du Ratte herholen? Bitte?“, bat ich sie.
Sie sah sich um.
Die Ratte war ebenfalls versorgt worden und gerade wieder aufgestanden.
Rhea lief los und holte die Ratte her.

Die nächsten Patienten kamen und so kümmerte ich mich um die nächste Verletzte.
Eine Frau. Sie lag direkt neben der hölzernen Bank und war bewusstlos.
Ich wusch die Wunde mit Metka, aus, verband sie und nutzte dann erneut meine Runen zur Heilung.
Das letzte Mal – das nahm ich mir zumindest vor.
Denn ich wusste nicht, was passieren würde, wenn ich hier einfach ohnmächtig werden würde.
Das musste ich verhindern.
Mit Runen heilen war einfach anstrengend.

Als ich fertig war, erwachte die Frau.
Sie wirkte sehr verwirrt und benommen.
Dann begann sie, zu kratzen.
Ich hielt sofort ihre Hände fest, obwohl mir selbst schwindelig war.
„Nicht kratzen!“, ermahnte ich sie.
Sie sah mich an und nickte nach einer Weile.
Sie war wirklich verwirrt.
Hatte sie einen Schlag auf den Kopf bekommen?

Ich blieb noch eine Weile sitzen, um darauf zu achten, dass sie nicht kratzte.
Vor allem direkt nach der Heilung war das wichtig.
Doch die Wunde heilte dann recht schnell zu.
Also erhob ich mich wieder, nahm den Mantel an mich und lief los.
Ich musste Tahn finden.
Denn ich hatte ihn schon länger nicht gesehen.
Und das war vor allem zu Zeiten eines Kampfes ein sehr schlechtes Zeichen.
Er konnte kämpfen, doch er konnte nicht besonders gut auf sich aufpassen.
Und ich wusste ja, dass er gerne Blödsinn anstellte.

Ich fand ihn nicht.
Es kamen keine weiteren Untoten.
Fürs Erste hatten wir sie also geschlagen.

Ich nutzte die Zeit, um meine Runen aufzuladen.
Diesmal gewährte der Wind mir Möglichkeit.
Die Flamme flackerte immer weiter und erlosch nicht.
Hatte ich das getan, was Odin wollte?
Odin wollte wohl, dass ich kämpfe. Dass ich für ihn kämpfe.
Und jetzt, wo das erledigt war, durfte ich meine Runen aufladen.

Ich hockte mich vor die kleine Flamme und begann.
Zuerst das Element des Feuers.
Ich ließ mir Zeit.
Jedes Element war vielfältig. War zerstörerisch du lebenspendend zugleich.
Man musste nur damit umgehen können.
Ich sprach mit Odin über das Feuer.
„Es spendet Wärme.“, sprach ich. „Es lässt uns leben.“
Dann sah ich in die Flamme.
„Und es zerstört. Es verbrennt.“
Ich musste an Breeg und den Flammenspeer denken.
„Odin. Ich werde versuchen, mit dem Feuer umzugehen. Bitte gib mir die Kraft dafür.“
Ich zog die Rune ganz langsam durch die flackernde Flamme.
Es fühlte sich warm an, verbrannte mich aber nicht.
Und ich spürte die Kraft, die sich in dem Feuer verbarg.
Die Kraft, die gut und böse gleichzeitig war, je nachdem, wie man sie nutzte.

Als nächstes war das Element des Wassers an der Reihe.
Auf den Blättern am Boden hatte sich Tau gesammelt.
Kleine, reine Regentropfen.
Geschenke der Götter.
Das Wasser war meistens ruhig.
Ein gemäßigtes, sanft kühlendes Element.
Doch es konnte auch gefährlich sein.
Ich dachte an reißende Flüsse und Wasserfälle.
Dachte an Hagel und Schneelawinen.
Das alles war ebenfalls Wasser.
Und so bedeckte ich die Rune mit dem Tau-Wasser der Blätter.
Spürte, wie die Macht des Wassers sich in der Rune sammelte.

Dann war die Erde an der Reihe.
Ich nahm ein kleines Glasgefäß aus meiner Tasche.
Darin war Salz.
Salz… Der kostbare Schatz der Erde.
Ich legte ein paar Salzkörner auf die Rune.
Salz.
Das Tauwasser, was sich noch auf der Rune befand, löste die Salzkörner etwas auf.
Die Elemente verbanden sich nach und nach.
Erde war bodenständig.
Erde sorgte für Leben, denn wir brauchten sie.
Die Pflanzen wuchsen darauf und auch die Tiere.
Es war wichtig.
Und doch war die Erde stark.
Ich dachte an die riesigen Berge, die entstanden waren.
Ich dachte an Felsen und Gebirge.
Es war beeindruckend, was die Erde alles leistete.
Sie war stark und gleichzeitig so beständig.

Als Letztes das Element der Luft.
Das Räucherwerk über der Kerze glühte bereits.
Der Rauch waberte um mich und ich hielt die Rune hinein.
Luft.
Wir brauchten auch sie zum Leben, denn wir atmeten sie.
Und doch konnte man mit ihr auch töten und ganze Städte einreißen.
Ich dachte an Stürme.
Ganze Häuser, die einstürzten.
Und gleichzeitig erfassten mich leichte Brisen.
Doch sie streiften nur mein Gesicht, ohne mich zu verletzen.
Die Kraft des Windes… Sie durchströmte mich… Und auch die Rune.

Ich blieb noch eine Weile dort sitzen.
Die Stille war angenehm. Und ich fühlte mich den Göttern so nah.
Es war schön.
Es gab mir Kraft.

Als es zu regnen begann, erhob ich mich.
Ich musste Tahn finden.
Hoffentlich war ihm nichts geschehen.

Im Burghof fand ich Ares.
Er sprach gerade mit einer weiß-gekleideten Priesterin über Elemente, die mir teilweise fremd waren.
Es waren mehr Elemente als vier.
Nicht nur Feuer, Wasser, Erde und Luft.
Wahrscheinlich wieder eine eigene Gottheit, eine eigene Ansicht.
Ich wartete, bis Ares mit ihr zu Ende gesprochen hatte.
Dann fragte ich ihn nach Tahn.
„Hm. Ich glaube, die sind draußen. Breeg auch.“, antwortete Ares mir. „Hast du schon von diesem Raum gehört, der sich geöffnet hat?“
Ich sah ihn verwirrt an.
Was für ein Raum?
Und warum trieben sich Tahn und Breeg draußen herum?
„Raum?“, fragte ich nach.
„Ja. Einer der verschlossenen Räume hat sich geöffnet. Der Raum der Neugier.“, erklärte er mir.
Geöffnet?
Das verstand ich nicht recht.
„Ah? Neugier? Ich gehe Tahn kurz suchen.“
Dann lief ich los.
Ich war doch vorhin draußen gewesen. Warum hatte ich sie nicht gesehen?
Wo trieben sie sich rum?

Direkt bei den Toren zur Burg sah ich sie und lief zu ihnen.
„Da seid ihr ja.“, sprach ich erleichtert.
Zum Glück war ihnen nichts geschehen.
„Alles gut?“, fragte ich.
Sie nickten.
„Was ist eigentlich mit der Höhle da?“
Wir liefen hin. Näherten uns.
Ich war mir nicht sicher.
Das wirkte seltsam.

Eine Höhle, die frostig aussah.
Wie eine Eishöhle.
Und das, obwohl hier kein Schnee lag.
„Kann man reingehen?“, fragte ich.
„Ja, wir waren da auch schon drin.“

Also trat ich hinein.
Es war kalt. Wirklich kalt.
Eine leichte Gänsehaut bildete sich auf meiner Haut.
Es waren fünf Aushöhlungen in der Wand, aus denen farbige Kristalle kamen.
Ganz links orange, daneben grün, daneben – und damit mir direkt gegenüber – blau, daneben gelb und daneben rot.
Was hatte das zu bedeuten?
Über den Aushöhlungen waren riesengroße Schneeflocken.
Sie schienen die Kristalle darin zu versperren… Zu versiegeln?
Nur eines der Farben schien nicht versperrt zu sein.
Die Schneeflocke war zerbrochen.
Orange.
Was hatte das nur zu bedeuten?
Ich verstand es nicht.
In der Mitte der Höhle war ein Podest mit einem großen, durchsichtigen Stein.
Was war das?

Ich beschloss, die Höhle wieder zu verlassen.
Tahn folgte mir.
Dann ließen wir uns von Rhea den Raum zeigen, der sich geöffnet hatte.
Denn sie hatte ihn scheinbar auch schon besucht.

Sie führte uns durch die Burg zu einem Raum, der in orange Farbe gehüllt war.
„Das ist der Raum der Neugier.“, erklärte sie.
Das verstand ich nicht.
Ein Raum eines Gefühls?
Doch der Raum war interessant.
Überall waren Zettel verstreut.
In Regalen, auf dem Boden und auf Tischen.
An einem Tisch befanden sich alle möglichen Fläschchen und Apparaturen.
Es sah aus, wie ein Alchemie-Labor.

Und an einem Tisch saß ein Wesen. Komplett in orange Kleidung gehüllt.
Selbst das Gesicht war mit orangenen Steinen verziert.
Was hatte es nur hiermit auf sich?
Träumte ich?
Hatte ich schon wieder zu viel geheilt?
Das konnte doch nicht wahr sein.

„Das ist die Neugier.“, erklärte Rhea dann.
Ich sah zu dem Wesen.
Die Neugier war doch ein Gefühl. Oder doch nicht?
„Hallo.“, begrüßte ich ihn.
„Hallo.“, erwiderte er.
Dann wurde er von einer weiteren Person angesprochen.

Es war wirklich viel los in diesem Raum.
Alle Leute schienen etwas herausfinden zu wollen.
Es schien also wirklich wichtig zu sein.
Was auch immer „Es“ war.
Irgendetwas schienen sie ja hier zu suchen.

Ich nahm mir ein paar Zettel aus den Regalen.
Es waren Schriften über alles Mögliche: Alchemie, Medizin, Religion, Rassen und Wesen.
Doch nicht jede Schrift konnte ich entziffern.
Manchmal waren es fremde Zeichen, manchmal auch eine fremde Sprache.
Bei der Anzahl an Zetteln war es wahrlich unmöglich, alle zu lesen.
Es waren einfach zu viele.

Ich las mich durch ein paar Schriften.
Darunter ein paar Medizin-Schriften. Wie man Pfeile aus Körpern entfernt und den Körper an sich versorgen kann.
Rhea und ich teilten uns diese Schriften und lasen es nacheinander.
Es war wirklich interessant.
Doch irgendwie half es mir nicht dabei, zu verstehen, was auf dieser Burg los war.

Tahn hingegen hatte ein Rätsel gefunden.
Man musste vier Teile zusammen stecken und konnte dann lesen, was darauf stand.
Während wir die Schriftstücke lasen, so versuchte er sich an dem Rätsel.
Und er schaffte es auch.
Er zeigte es uns.
Die Zahl 802 war zu sehen.
Was sollte das bedeuten?

Tahn wand sich an die Neugier.
„Ich hab das Rätsel gelöst.“, sprach er.
„Das ist toll.“, erwiderte die Neugier. „Dann nimm es bitte wieder auseinander, damit der Nächste es auch lösen kann.“
Tahn sah ihn an.
„Aber… Aber was ist denn 802?“
„802 ist die Zahl, die größer ist als 801, aber kleiner als 803.“, offenbarte die Neugier und klang dabei, als hätte er damit ein Geheimnis enthüllt.
Hatte er aber nicht.
Tahn war sichtlich enttäuscht und baute das Rätsel wieder auseinander. Dann legte er es zurück auf ein Regal.

Er versuchte noch einmal mit der Neugier zu reden, doch sie schien den Sinn dieser Zahl nicht verraten zu wollen.
Wir beschlossen, den Raum wieder zu verlassen.
Als wir gerade herausgehen wollten, kam uns Breeg entgegen.
Er wirkte wirklich aufgebracht und nervös.
„Ich muss mit der Neugier sprechen!“, sprach er.
Ich nickte.
„Ist hier. Mann in orange.“, erklärte ich ihm. Ich verstand nicht, was mit ihm los war.
Was machte ihn so nervös?
„Ist das der Steinbruch der Neugier?“, fragte er weiter.
Ich sah mich um.
Direkt hinter mir war eine Aushöhlung in der steinernen Wand, aus der orange Steine kamen.
Ja. Das sah aus wie ein Steinbruch.
„Da. Glaube ich schon.“, erwiderte ich und deutete hinter mich.

Breeg lief in den Raum der Neugier hinein und wir verließen ihn.
Tahn und ich liefen zurück zur Höhle.
War diese Schneeflocke kaputt, weil der Raum offen war?
Oder war der Raum offen, weil die Schneeflocke kaputt war?
Irgendeinen Zusammenhang musste es doch haben.
Ich sah die Farben an.
Orange, Grün, Blau, Gelb, Rot.
Was konnte das bedeuten?
Orange stand offensichtlich für die Neugier.
Und die anderen Farben?
Was, wenn man sie mischte?
Aus Gelb und Rot wurde Orange.
Und aus Blau und Gelb wurde Grün.
War das eine Lösung?
Konnte man damit etwas anfangen?

Zwei ältere Frauen kamen zur Höhle, betraten sie jedoch nicht.
„Hallo.“, begrüßten wir sie. „Kommt doch rein.“
Sie schüttelten den Kopf.
„Nein. Nein, wir gehen da nicht mehr rein!“, sagte die eine.
„Das ist… Alles ganz anders jetzt! Das ist falsch! Das ist böse!“, fügte die andere hinzu.
Ich sah Tahn verwirrt an.
Dann verließen wir die Höhle und stellten uns zu den Frauen.
Sie schienen etwas zu wissen.

„Das ist anders?“, wiederholte ich. „Was ist anders?“
„Die Kristalladern… Keine Kristalle mehr… Das ist falsch so!“, sprach sie aufgebracht. Sie wirkte ziemlich ängstlich.
„Ah. Also ist das falsch?“, fragte ich und zeigte auf die Schneeflocken.
Die beiden nickten.
„Und das ist richtig?“. Ich zeigte auf die orange Kristallader ohne Schneeflocke.
„Ja, genau.“
„Waren vorher alle ohne?“, fragte ich.
Sie nickten zustimmend.

Wir sprachen noch etwas mit ihnen.
Es stellte sich heraus, dass ihnen die Burg gehörte und sie hier lebten.
Die Schneeflocken schienen tatsächlich eine Art Siegel zu sein… Und wir hatten es hier mit einer bösen Macht zu tun.

Vielleicht wussten die Frauen ja auch, was wir tun mussten.
„Was, wenn man Farben mischt?“, fragte ich.
„Mischen? Was?!“, erwiderte die Ältere der beiden. „So ein dummer Mensch! Man kann die Farben doch nicht mischen, was fällt dir eigentlich ein?!“
Sie zeterte weiter und lief dabei von mir weg.
Die etwas Jüngere folgte ihr und versuchte, sie wieder zu beruhigen.
Wir warteten etwas ab, dann folgten wir auch.
Die Frau regte sich immer weiter auf, sprang sogar sauer in die Luft und stampfte mit den Füßen auf.
Und das, obwohl sie wirklich schon etwas älter zu sein schien.
Hatte ich sie so verärgert?

„802.“, sagte ich dann, einem seltsamen Impuls folgend.
Die Zahl von Tahns Rätsel.
„Was?“, fragten beide.
„Ist das eines eurer Zimmer?“
„Niemand darf auf mein Zimmer!“. Die Frau schien noch wütender zu werden.
„Niemand? Auch nicht sie?“, fragte ich und zeigte auf die andere Frau.
„Nein! Warum denn auch was soll sie denn auf meinem Zimmer, sie hat doch ein eigenes!“
Sie schien sich gar nicht mehr zu beruhigen.

Ich seufzte und sah zu Tahn.
Er schien es auch nicht zu verstehen.
Das war mir wirklich zu kompliziert.
Und außerdem war ich müde.
Die Reise und die Kämpfe waren anstrengend genug gewesen.
Dazu noch das Heilen der Leute…
Es schien ohnehin schon sehr spät zu sein.
Also lief ich mit Tahn zu unserem Zimmer.
Am nächsten Tag würden wir noch genug Zeit haben, die ganzen Fragen zu klären, die uns auf der Seele brannten.
Außerdem war es dann hell und wir konnten uns auch den Wald einmal genauer anschauen.
Von Heretia selbst und dem Drachen schien ja noch keine Spur zu sein.
Lediglich diese Untoten hatten uns angegriffen…
Doch das war für mich ja nichts Neues mehr.

Ich schlief bald ein. Und das trotz meines Hungers…


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