Als ich am nächsten Morgen in Moordorf erwachte, beschloss ich, dass ich meinen Bogen wieder holen musste. Ich wollte wieder Bogen schießen.

Die Wege führten mich immer weiter in Richtung Norden.
Ich lief durch die Mischwälder, bis es immer kälter wurde.
Ich wusste, dass es der richtige Weg war.
Aus Laubbäumen wurden mehr und mehr Nadelbäume.
Hier im Norden kannten wir kein Laub.
Die Bäume überlebten die Kälte nicht.
Nur Nadelbäume waren dazu in der Lage.
Ich zog mir die Kapuze der Gugel tiefer ins Gesicht.
Bis nach Bärenfels waren es noch einige Tage, die ich reisen musste.
Doch es würde sich lohnen.
Ich würde meinen Bogen und den Köcher suchen, außerdem konnte ich neuen Metka kaufen.
Es freute mich, dass so viele Menschen das Getränk aus meiner Heimat mochten, doch es hatte den Nachteil, dass es dann schnell leer war.
Wenn ich nun also einen großen Vorrat kaufte, würde es wohl länger halten.

Einige Tage später erreichte ich Bärenfels.
Wie immer war viel los, die Menschen liefen durch die Straßen und wirkten äußerst hektisch.
Vor allem jetzt, wo es immer kälter wurde, wollten alle genügend Nahrung kaufen.
Denn nur wenige Menschen schafften es, im Winter ausreichend gut zu jagen, um die eigene Familie ernähren zu können.
Wie auch?
Es erforderte viel Geduld und Disziplin.

Ich suchte nach der Hütte der alten Dame.
Es kam mir alles so unwirklich vor.
Rhea hatte mich hierher gebracht.
Sie hatte sich so lieb um mich gekümmert.
Und jetzt?
Ich hatte sie ewig nicht gesehen…
Ich hoffte nur, dass es ihr gut ging.
Dieser Ares, mit dem sie zuletzt unterwegs gewesen war…
Er war nett, aber irgendwie wusste ich nicht recht, wie ich ihn einschätzen sollte.

Ich klopfte an der Tür der kleinen Hütte. Glücklicherweise war es noch hell draußen.
Die alte Frau öffnete die Tür.
Überraschenderweise schien sie mich zu erkennen.
„Hallo. Habt Dank… Ich glaube ich habe Bogen und Köcher hier gelassen…“, erklärte ich knapp.
Die alte Dame lächelte mich an.
Vermutlich brauchte sie einen Augenblick, um zu verstehen, was ich von ihr wollte.
Doch dann verschwand sie in der Hütte.
Nach einiger Zeit kam sie wieder.
Tatsächlich hielt sie meinen Bogen und den Köcher mit allen Pfeilen in den Händen.
Dabei war ich schon fest davon ausgegangen, dass sie alles verkauft hatte.
So arm, wie die Dame erschien.
„Habt Dank!“, rief ich aus und kramte fünf Kupfer aus meinem Beutel, die ich der Frau sofort in die Hand drückte.
Sie wollte etwas sagen, schwieg dann aber doch.
„Danke.“, erwiderte sie leise. Dann schloss sie die Tür.
Zusammen mit Bogen und Köcher fühlte ich mich gleich vollständiger.
Ich lief sofort zur Metka Brennerei am Rande der Stadt.

Als ich alles besorgt hatte, was ich haben wollte, machte ich mich wieder auf den Weg.
Ich hoffte, dass ich Breeg und Lynx wieder treffen würde.
In Moordorf hatten sich unsere Wege getrennt.
Wenn ich mich in den Wäldern um Moordorf herum aufhalten würde, würde ich ihnen vielleicht wieder begegnen. Ich wusste ja, dass sie oft in Wäldern übernachteten – genau wie ich.

Die Reise zurück nach Moordorf nahm wieder einige Tage in Anspruch.
Ich war froh, dass ich mich im Wald gut in den Mantel einrollen konnte.
So war mir immer warm und ich konnte überall schlafen, wo ich einigermaßen versteckt und sicher war.

Bald war ich in Moordorf angekommen.
Ich brauchte die Wälder gar nicht zu durchsuchen.
Sie waren noch hier.
Schnell ging ich zu ihnen und begrüßte sie.
Während die Händler in Moordorf waren, hatten sie sich noch ein paar Tage ausgeruht und waren deshalb noch hier.
Ein Glück.
So brauchte ich sie nicht zu suchen.
Doch hier für immer bleiben wollten wir eigentlich auch nicht.

Wir beschlossen also, gemeinsam weiterzureisen.
Zwar hatten wir noch kein richtiges Ziel, aber für mich stand fest, dass ich mal wieder etwas Kupfer verdienen wollte.
Dazu fiel mir sofort die Taverne auf dieser seltsamen Insel ein. Der Baron hatte mir für jeden getroffenen Dämmerungsalb ein Kupfer geboten. Ob sie das Problem noch immer hatten?

„Gibt Taverne auf Insel, dort hat Baron gesagt gibt er mir ein Kupfer für jeden Dämmerungsalb, den ich mit Pfeil treffe.“, erzählte ich den beiden davon.
„Dämmerungsalben?“, fragte Lynx nach. Ich nickte. „Sind so Dinger mit roter Haut. Sind aber nicht böse. Glaube ich. Waren nett zu mir.“, erklärte ich.
„Ein Kupfer für jedes getroffene Wesen klingt gut.“
Wir waren uns also einig.
Unsere Reise würde uns ins Inselreich Melekahrt führen.
Zur Taverne, die den Namen „Zur windigen Rose“ trägt.

Wir stiegen am anderen Ufer aus dem Boot. Es war gut, dass sich Lynx mit Booten und deren Steuerung auskannte. Ich erinnerte mich an meine letzte Reise. Dort hatte ich auf dem Schiff, das mich zur Insel bringen sollte, Marx und Ella getroffen. Sie waren mir gute Gefährten gewesen, doch jetzt hatte ich schon lange nichts mehr von ihnen gehört.

Lynx, Breeg und ich liefen den Weg an der Küste entlang, bis wir ein paar Felder und Wiesen erreichten. Doch wir schienen nicht die Einzigen gewesen zu sein, die die Taverne besuchen wollten.
Hier waren einige Menschen. Ein paar kamen mir bekannt vor. Unter ihnen war auch der Baron.
Wir beschlossen, ihnen zu folgen.

„Das ist Baron, der mir Kupfer bezahlen wollte.“, erklärte ich Breeg und Lynx und zeigte in Richtung eines etwas beleibteren Mannes, der recht reich aussah.
Die beiden nickten.
Am besten würde ich ihn nochmal ansprechen, bevor ich mich in einen Kampf mit den Dämmerungsalben stürzen würde.
Nicht, dass er mir am Ende das Kupfer verwehrt.
Ich war schon von so vielen Menschen enttäuscht worden, die mir „ihr Wort“ gegeben hatten.
Darauf war einfach kein Verlass.

Der Reisegruppe folgend kamen wir bald zu einem etwas breiteren Weg, der an vielen Feldern vorbei führte. Ich erinnerte mich daran, dass ich hier beim letzten Mal mit Marx und Ella hergelaufen war. Die Taverne konnte also nicht mehr weit sein.

In der Ferne sah ich sie dann: Dämmerungsalben.
Ich wusste vom letzten Mal, dass es zwei verschiedene Gruppen gab: Die Kämpfer und die Gläubigen.
Bei den Kämpfern musste man aufpassen, denn sie fragten nicht nach, sondern schlugen einfach drauf los.
Die Gläubigen hingegen waren bereit, Kompromisse einzugehen. Und sie standen über den Kämpfern. Sie konnten ihnen also auch Befehle erteilen.
Ich erzählte Lynx und Breeg davon.
„Aber müssen wir schauen. Letzte Mal haben wir sie in Ruhe gelassen und sie haben uns gelassen.“, gab ich zu Bedenken.
Ich entschied mich, mich erst einmal am Rande der Gruppe zu halten und zu beobachten.
„Wollt ihr nicht kämpfen? Bogenschützen? Warum macht ihr nichts?“, riefen uns ein paar der Leute zu.
Ich wand mich an den Baron.
„Baron. Erinnert Ihr Euch an mich? Habt Ihr gesagt für jedes getroffene Ding ein Kupfer. Dann ich kämpfe.“
Der Baron nickte.
„Ja, ich bitte Euch darum, zu kämpfen. Ein Kupfer pro erlegten Dämmerungsalb.“
Damit war der Fall klar.
Ich schnappte mir den ersten Pfeil.
Wie lange hatte ich nun nicht geschossen?
Es war sehr lange her.
Aber ich wollte es.
Und ich wollte das Kupfer.
Ich legte den Pfeil an, spannte den Bogen und schoss.
Ich traf einen der Dämmerungsalben und lief weiter.
Nächster Schuss. Treffer.
Ich stellte fest, dass dort regungslose, menschliche Körper am Boden lagen.
Irgendwie musste ich zu ihnen.
Vielleicht konnten sie uns sagen, was vorgefallen war.
Schnell legte ich meinen Bogen beiseite. Ohne war ich schneller.
Ich rannte auf die regungslosen Körper am Rande des Kornfeldes zu.
Die Dämmerungsalben waren zum Glück beschäftigt.
Zumindest fast alle von ihnen.
In der Ferne sah ich ihren Anführer.
Beim letzten Mal hatte Marx mit ihm verhandelt.
Ob er sich noch an mich erinnerte?
Ich war mir nicht sicher und zog zur Sicherheit Axt und Schwert.
So konnte ich mich zur Not immerhin verteidigen.

Ich kniete mich zu dem ersten Körper, versuchte, den Puls zu erfühlen.
Nichts.
Ich wartete noch einen Augenblick, musste sofort an den Mann mit dem Hammer denken.
Doch wie wahrscheinlich war es, dass dieser Mensch hier auch einfach so den Körper mit einem Toten tauschte und deswegen für kurze Zeit keinen Herzschlag hatte?
Sehr unwahrscheinlich.
Also erklärte ich den Mann für tot und lief zum nächsten Körper.
Eine junge Frau.
Ich kniete mich nieder, versuchte auch hier, den Puls zu fühlen.
Nichts.
Tot.

Waren sie alle tot?
Beim nächsten Körper – wieder ein junger Mann – das gleiche Spiel.
Tot.
Ich hob den Kopf.
Der Anführer kam direkt auf mich zu.
Schnell erhob ich mich und lief ein paar Schritte rückwärts.
Ich wollte ihm nicht den Rücken zudrehen, wollte aber auch nicht schnell von ihm weg gehen.
Vielleicht erinnerte er sich ja wirklich noch an den Kompromiss, den wir ausgehandelt hatten.
Eine neutrale Position.
Er grinste, als er näher kam.
Ich wusste nicht, ob das gut für mich war.
„Anastasya!“, hörte ich jemanden rufen.
Mein Name?
Aber ich erkannte die Stimme dahinter nicht.
„Eure Gefährtin…!“, fügte die fremde Stimme hinzu.
Meine Gefährtin?
Lynx?
Was war denn mit ihr?
Ich sah dem Anführer der Dämmerungsalben noch einmal in die Augen, dann drehte ich mich um und rannte in die Richtung, aus der ich gerufen worden war.

Lynx lag auf dem Boden und wirkte ziemlich wütend. Sie knurrte etwas und blickte ein paar der Personen vor sich böse an.
Ich lief direkt zu ihr.
„Lynx? Alles in Ordnung?“, fragte ich sie.
„Alles war rot… Ich hab alles… in so einem Schleier gesehen.“, erklärte sie mir.
Irgendwie kam mir das bekannt vor.
Bjorn?
Hatte er nicht auch mal von so etwas geredet?
„Greift sie immer ihre Verbündeten an?“, fragte mich Jemand.
Ich sah denjenigen nur abschätzig an.
„Wer weiß schon, wer verbündet ist und wer nicht.“, gab ich zurück. „Aber njet. Macht sie nicht. War sie nur wütend.“
Die Person entfernte sich wieder.
Ich half Lynx auf und zusammen mit Breeg liefen wir in Richtung der Taverne.
Am besten würden sie sich hier erst einmal ausruhen.
Ich wollte mich am liebsten aus den Kämpfen raushalten.
Wahrscheinlich würde ich noch einmal mit dem Anführer der Dämmerungsalben reden müssen.
Mein Leben war mir bedeutsamer als ein paar Kupfer, die ich bekommen würde.
Außerdem wusste ich ja schon, dass die Dämmerungsalben immer wieder kamen.
Es hatte also nicht einmal einen Sinn, sie immer und immer wieder zu töten.

Am Tor zur Taverne griffen die Dämmerungsalben wieder an.
„Was wollt Ihr?“, fragte ich sie direkt. Zwei der Wesen hielten inne.
Sie erzählten, dass sie einfach nur ihre Heimat für sich haben wollen. Es nervte sie, wenn wieder so viele Besucher anreisten.
Das konnte ich sogar verstehen. Wenn es wirklich ihre Heimat war… Doch genau das hatten sie beim letzten Mal auch gesagt. Wieso sollten sie zweimal lügen?
„Mir reicht’s!“, rief dann einer der Dämmerungsalben, holte aus und griff Breeg an.
Ich wollte mich dazwischen werfen, doch ich war zu langsam.
Lynx versuchte, ihm zu helfen und wollte ihn zur Taverne bringen.
Ich hingegen war noch damit beschäftigt, mich selbst zu verteidigen – es gelang mir nicht.
Breeg und Lynx hatten es bald bis zur Taverne geschafft. Ich sah sie nicht mehr.
Ich lag am Boden und sie schlugen weiter auf mich ein.
Die übrigen Personen versuchten, weiter zu kämpfen.
Bald schafften sie es, die Wesen zu vertreiben, doch nun lagen fast alle Kämpfer verletzt am Boden.
Ich hielt mir meine Seite. Das Blut strömte auf meine Hand und ich spürte, wie es warm wurde.
Ich musste mich beeilen.
Schnell kroch ich zur anderen Seite des Tors. Meine Tasche lag noch dort.
Ich schnappte mir ein paar Verbände.
Glücklicherweise hatte ich genug Metka dabei.
Gut, dass ich vorher noch nach Bärenfels gereist war.
Mit zusammengebissenen Zähnen schüttete ich den Alkohol in meine Wunde. Dann verband ich sie.
Neben mir lag ein anderer Krieger, der eine Rüstung trug.
„Hals…“, krächzte er. „Auf…machen.“
Ich verstand nicht ganz, was er wollte.
„Aufmachen?“
Ich robbte etwas näher zu ihm.
„Hals…“, wiederholte er schwach.
Er deutete mit der Hand an seinen Hals.
Auch dort trug er ein Rüstungsteil.
Tat es ihm weh?
Es wirkte ganz so.
Schnell versuchte ich, mit der Hand den Lederriemen zu ertasten, der das Rüstungsteil am Hals befestigte.
Ich verstand zwar nicht, warum Krieger so etwas tragen mussten, wenn es ihnen nur wehtat, doch ich musste es vermutlich gar nicht verstehen.
Also öffnete ich den Riemen und befreite ihn so von dem stählernen Rüstungsteil.
Er bedankte sich.
Bald kamen ein paar der Leute wieder, die sich in die Taverne gerettet hatten. Sie halfen uns auf und brachten uns erst einmal in Richtung Taverne.
Meine Seite schmerzte zwar immer noch, doch ich spürte, dass es langsam wieder heilte.
Es würde wohl einfach nur noch etwas dauern.
Also erkundigte ich mich bei Breeg und Lynx, wie es ihnen ergangen war.
Glücklicherweise hatte sich schon Jemand um ihre Verletzungen gekümmert.

Ich wollte mich etwas umsehen und Breeg und Lynx folgten mir.
Es war zwar noch etwas schmerzhaft, zu laufen, doch es wurde langsam besser.
Im unteren Teil des Waldes stand noch immer der Tempel, den wir beim letzten Besuch dieser Taverne geöffnet hatten.
„Mussten wir Holztafeln finden und in richtiger Reihenfolge in Mauer stecken… Waren so Vertiefungen dort.“, erklärte ich den beiden, während wir in Richtung Tempel liefen.
Was sich in dem Tempel befand, wusste ich jedoch nicht. Seit wir ihn geöffnet hatten, war keine Zeit mehr gewesen, um hineinzuschauen.

Ich sah mich um, dann betrat ich den Tempel.
Auf dem Altar lagen zwei Bücher, davor eine Schale mit kleinen, gelben Kügelchen. Um was es sich dabei handelte, konnte ich nicht genau sagen.

Hinter uns waren ein paar weitere Personen. Sie schienen etwas entdeckt zu haben und sprachen von irgendeinem Käfer. Aber ich last erst einmal die aufgeschlagenen Seiten der beiden Bücher.
Die Geschichte von Madum und Solar.
Die Geschichte der Götter, die auf dieser Insel angebetet wurden.
Und auch die Entstehung der Dämmerung als ‚Kind‘ dieser beiden Götter.
Ich fragte mich, wie die Menschen die Dämmerungsalben dann als etwas Böses ansehen konnten.
War ein Kind ihrer beiden Gottheiten nicht etwas Gutes?
Ich dachte an Frigg und Odin. Eines ihrer Kinder war Thor. Thor, der mit seinem Hammer zuschlägt und dadurch die Blitze durch den Himmel zucken.
Thor, einer der stärksten Götter.
Er war doch nicht schlecht.
Im Gegenteil, für viele Krieger war er ein Vorbild.

Nachdenklich nahm ich ein paar dieser gelben Kügelchen in meine Hand.
Sie fühlten sich hart an, aber nicht so, als wären es Steine.
Ob sie essbar waren?
Ich wollte es lieber nicht ausprobieren.
Zu oft hatte ich schon von giftigen Dingen gehört… Oder es selbst erfahren.
Conner.
Ich hoffte, dass es ihm gut ging.

Mit den Kügelchen in der Hand verließ ich den Tempel wieder.
Die umstehenden Personen musterten mich.
Es gelang mir nicht, ihre Gedanken einzuschätzen.

Ich sah mir den Käfer an, von dem sie sprachen.
Er saß direkt an einem Baumstamm.
„Was ist mit Käfer?“, fragte ich.
„Wir wissen es nicht genau.“, gaben die anderen zu. Sie hatten sich um den Käfer versammelt.
„Sollen wir ihm diese Dinger geben?“, fragte ich und zeigte ihnen die Kügelchen.
„Ihr habt sie aus dem Tempel gestohlen? Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war. Götter sehen es nicht gerne, wenn man sie bestiehlt… Vermutlich waren das Opfergaben.“, erklärte ein Mann, den ich nicht weiter kannte.
Ich blickte in meine Hand.
Was waren das denn für Opfergaben?
Kein Blut? Kein Fleisch?
Nur diese seltsamen Kügelchen?
Na, wenn sie meinten.
Ich seufzte, lief zurück in den Tempel und legte die Kügelchen zurück in die Schale.
„Da. Habe ich zurückgegeben. Seid ihr zufrieden jetzt?“
Ich erhielt allerdings keine Antwort.

Die meisten der anderen Personen entfernten sich wieder und so blieben Lynx und ich mit zwei weiteren Menschen am Baumstamm. Die zwei anderen kannte ich von letztem Mal. Ich wusste, dass sie nett gewesen waren.
„Wir glauben, dass diese Käfer Magie wollen.“, erklärte die Frau. Sie holte einen kleinen Zettel hervor.
„Magie?“, fragte ich. „Mag Käfer dann magische Runen?“
Ohne weiter darüber nachzudenken nahm ich meinen Runenbeutel aus der Tasche.
Ich würde dem Käfer die erste Rune, die ich zog, hinlegen.
Vielleicht würde er etwas damit machen.
Vielleicht aber auch nicht.
Ich wollte einfach nur wissen, was passieren würde.
Ich griff in meinen Runenbeutel und zog eine Rune hervor.
Als ich mir ansah, um welche Rune es sich handelte, erstarrte ich.
Eine Gänsehaut bildete sich auf meiner Haut, dabei war es gar nicht kalt.
Es war Dagaz.
Ich hatte Dagaz gezogen.
Ich hob den Blick und sah Lynx an.
Sie schien sofort zu verstehen.
„Ist es…“
Ich hob die Rune und nickte.
Dagaz.
Es war Dagaz.
Wieso? Wieso drehte sich alles um diese Rune?

Egal. Ich hatte Dagaz gezogen, also würde ich sie auch hinlegen.
Ich hockte mich vor den Käfer und legte die Rune vorsichtig neben ihn.
Als ich meine Hand wieder zurückzog, bewegte sich der Käfer sofort auf die Rune zu.
Er schien sie zu begutachten, denn für einen Augenblick hielt er still.
Dann öffnete er das Maul, das erstaunlich groß war.
Bevor ich es verhindern konnte, fraß der Käfer die Rune auf.
Dagaz.
Der Käfer hatte Dagaz gefressen.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Breeg kam wieder zu uns.
„Breeg. Käfer hat Dagaz gefressen.“, teilte ich ihm fassungslos mit.
Er lachte auf.
„Der Käfer hat was…?“
„Ich habe Rune gezogen. War Dagaz. Wollte ich Käfer geben… Und er hat… gefressen.“, wiederholte ich das Geschehene.
Ich konnte es selbst nicht glauben.
Musste ich mir jetzt eine neue Dagaz-Rune anfertigen?

Erneut hockte ich mich vor den Käfer.
„Hast du einfach Dagaz gefressen?“, fragte ich ohne eine Antwort zu erwarten.
Der Käfer bewegte sich wieder.
Er sah mich an.
Dann kam er langsam auf mich zu.
„Huh?“
Ich beobachtete ihn, bewegte mich jedoch nicht weg.
Hätte ich es besser getan.
Der Käfer sprang auf mein rechtes Bein.
Dann spürte ich einen stechenden Schmerz.
„Au!“, schrie ich auf. Der Käfer sprang zurück auf den Baum und ich trat einen großen Schritt zurück. „Er hat gebissen!“, rief ich aus.
Wie konnte er es wagen?
Ich fühlte mich etwas seltsam. Irgendwie verschwamm alles vor meinen Augen. Und mein Kopf schmerzte.
War der Käfer etwa giftig?
So wollte ich auf keinen Fall enden. Das würde bedeuten, dass ich nicht nach Walhalla kommen würde, sondern nach Helheim.

Doch mehr passierte nicht. Ich hielt mich von dem Käfer fern.
Ich drehte mich zurück zum Tempel.
Dort entdeckten wir einen weiteren Käfer. Er sah anders aus.
Er war hell und hatte Flügel.
Ich näherte mich ihm und betrachtete ihn.
Irgendwie ging von ihm etwas Beruhigendes aus.
Der Käfer flog los. Er kam auf mich zu.
Ich ließ ihn gewähren.
Er flog genau auf mein rechtes Bein zu.
Dorthin, wo der andere Käfer mich gebissen hatte.
Dieser Käfer ließ sich dort nieder.
Die Stelle hörte augenblicklich auf zu schmerzen und auch die Kopfschmerzen und der Schwindel waren verflogen.
„Habt Dank.“, bedankte ich mich bei dem Käfer, der wieder zurück auf den Tempel flog.
Es gab also einen bösen und einen lieben Käfer.

Wir blickten uns noch etwas um.
An einem umgestürzten Baumstamm hatten sich einige der Anwesenden versammelt.
Sollten wir schauen, was dort los war?
Von den Dämmerungsalben war nichts zu sehen.
Also liefen wir auch zum Baumstamm.

Dort fanden wir einen weiteren der weißen Käfer mit Flügeln vor.
„Dieser ist lieb.“, erklärte ich den anderen.
Sie sahen mich etwas verwirrt an, dann erzählte ich, was geschehen war.
„Es gibt noch zwei weitere Käfer.“, erwiderte dann eine Frau, die ich nicht kannte. „Einer ist giftig und der andere dient als Gegengift… Zumindest glauben wir das.“
„Gift… Nicht gut.“, gab ich zurück.
„Können wir Käfer überzeugen, gegen bösen Käfer zu kämpfen? Gibt zwei gute und einen bösen.“, überlegte ich. „Wenn wir gute Käfer zu bösem Käfer bringen?“
„Vielleicht möchte er auch gar nicht weg.“
Wir hockten uns zu dem Käfer nieder.
„Willst du mit uns kommen?“
Sowohl Lynx als auch Breeg hielten ihre Hand dem Käfer entgegen.
Doch er verweigerte.
Auch mit den anderen wollte er nicht mitgehen.
Und zwingen wollten wir ihn auch nicht.
Immerhin hatte er mir geholfen.

Breeg, Lynx und ich beschlossen also, den anderen Käfer zu suchen.
Und bald fanden wir ihn – er saß an einem Baum, ganz in Bodennähe.
Er war grünlich.
Wahrscheinlich war dies der giftige Käfer.
Wir waren uns aber nicht sicher.
Also hockten wir uns trotzdem zu ihm hin – er regte sich nicht.
„Hm. Käfer macht nichts?“, fragte ich.
„Scheinbar nicht.“, gab Lynx zurück.
Wir hörten Schreie und blickten in Richtung Taverne – dort wurde gekämpft.
Die Dämmerungsalben waren wieder da.
„Ich verstehe nicht, warum wir kämpfen müssen gegen sie.“
Lynx nickte und stimmte mir zu.
„Sie haben uns so gesehen nichts getan.“, erwiderte sie.
„Letzte Mal haben sie uns in Ruhe gelassen als wir sie in Ruhe gelassen haben.“, erzählte ich. „Sie wollen nur Heimat haben. Verstehe ich. Wenn jemand nach Falkenhain kommt und sagt ‚Ist mein Land jetzt‘ würde ich auch kämpfen gegen sie.“
Hier stimmte mir auch Breeg zu.

Wir beobachteten, wie die Anwesenden gegen die Dämmerungsalben kämpften.
Ich fand es wirklich schwer, zu verstehen, wer von beiden nun Recht hatte.
Wer war gut? Wer war böse?
Das konnte man gar nicht sagen.
Und genau deswegen wollte ich mich auch für keine Seite entscheiden.

Der Anführer der Dämmerungsalben kam auf uns zu.
Schnell nahm ich meine Axt in die Hand.
„Lasst die Waffe stecken.“, rief er mir zu.
Ich rührte mich nicht.
„Dann lasst Waffe auch fallen.“, forderte ich.
Ich wusste nicht, ob er sich an mich erinnerte.
Ich wollte ihm nicht schutzlos ausgeliefert sein.
Er stellte sich zu uns.
„Warum kämpft ihr nicht?“, fragte er uns.
„Ich verstehe Sinn nicht. Weiß ich nicht, wer gut ist und wer böse. Warum sollte ich kämpfen?“, erklärte ich.
Er nickte. „Wir wollen nur unsere Heimat für uns.“
„Ich weiß.“, gab ich zurück. „Aber andere tun so als wärt ihr böse.“
Der Anführer grinste. „Was wollt ihr?“
„Wollen wir nur eine Nacht hier schlafen können. In Ruhe. Ohne angegriffen zu werden.“, erklärte ich. „Dann reisen wir wieder ab. Wir greifen nicht an wenn ihr uns in Ruhe lasst.“
Er drehte den Kopf zurück und sah zu den Kämpfenden.
„Ich werde euch nichts tun.“, antwortete er. „Aber was die Kämpfer machen, kann ich euch nicht versprechen… Es gibt ja zwei verschiedene Parteien hier…“
Ich nickte. „Da. Ich weiß. Kämpfer und… Gläubige.“
Auch der Anführer nickte.
„Aber ich kann Euch etwas geben, damit sie Euch in Ruhe lassen.“
Diesmal sprach er mich direkt an.
Dann nahm er eine Kette von seinem Hals und hielt sie mir hin.
Ein Amulett.
Es war kreisförmig und rot.
„Was macht Amulett?“, fragte ich.
„Nichts.“, gab er zurück. „Aber die anderen sehen es und wissen, dass Ihr unter dem Schutz von mir, Luzius, steht.“
Das war also sein Name.
Ich war mir nicht sicher. Es gab sicherlich einen Nachteil.
Aber zuerst sah ich zu Lynx und Breeg.
Breeg schüttelte den Kopf und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an.
Er war offensichtlich dagegen. Nur wieso?
Lynx reagierte nicht auf meinen Blick. Sie schien selbst darüber nachzudenken.
„Und was ist mit meinen Gefährten?“, fragte ich und wies auf Lynx und Breeg.
„Das Amulett kann nur eine Person tragen.“, erklärte Luzius. „Aber wenn ihr gemeinsam herumlauft, dann werden sie wohl verstehen, dass ihr zusammen gehört.“
Ich nickte.
Das war mir Sicherheit genug.
„Und es passiert nichts anderes?“
„Nein. Sie werden euch in Ruhe lassen. Wir sind doch froh, wenn wir drei Personen weniger haben, um die wir uns kümmern müssen.“
Das klang einleuchtend.
„Dürfen wir uns denn umsehen und mit diesen Käfern beschäftigen?“, fragte ich.
Nicht, dass sie uns nichts machen lassen würden.
„Käfer?“, fragte er und sah zu dem Baum hinter mir. „Die sind mir neu. Aber ja. Macht ruhig, was ihr wollt.“
Es war ein gutes Angebot. Wir durften machen, was wir wollen und die Dämmerungsalben würden uns in Ruhe lassen.
„Was sagt ihr?“, fragte ich an Lynx und Breeg gewandt.
Breeg schüttelte den Kopf.
„Mach das nicht.“, zischte er.
„Wieso?“, fragte ich.
„Du bist die Einzige von uns, die Magie wirken kann. Wenn etwas passiert…“, gab er zu bedenken. Ich verstand es nicht.
Deswegen sah ich zu Lynx.
„Ist doch ein gutes Angebot.“, antwortete sie auf meine Frage.
Sie war also dafür.
Wieso sollten wir es also nicht machen?

Hinter uns tauchte auf einmal ein Magier auf – zumindest sah er aus wie ein typischer Magier.
Ich kannte ihn nicht.
„Was macht ihr da?“, fragte er.
„Wir… verhandeln.“, gab ich zurück. „Wenn wir ihn nicht angreifen, dann greifen sie uns auch nicht an. Verstehe ich nicht, warum wir gegen sie kämpfen sollen. Wirken sie nicht böse auf mich… Nicht böser als die anderen.“
Ich befürchtete, dass er uns oder den Anführer der Dämmerungsalben angreifen würde, doch er nickte nur.
„Ja. Klingt irgendwie einleuchtend.“, antwortete er und beäugte Luzius. „Ich verstehe hier auch noch nicht, wer gut und wer böse ist. Macht, was ihr für richtig haltet.“
Dann verschwand der Magier wieder.

„Hab keine Angst.“, sagte ich zu Breeg. „Wird schon nichts passieren.“
„Ist es wichtig, wer von uns das Amulett trägt?“, fragte Breeg dann Luzius.
Was hatte er vor?
Luzius schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist egal.“, antwortete er.
Breeg streckte die Hand aus.
„Darf ich mal sehen?“, fragte er.
Luzius legte ihm das Amulett in die Hand.
Breeg betrachtete es kurz und hing es sich dann um den Hals.
„Breeg?“, fragte ich. „Wieso?“
Luzius grinste. „Schön.“
Er erhob sich und verschwand wieder.
„Na ja.“, erklärte Breeg. „Wir haben hier Jemanden, der sich mit Magie auskennt. Und jemanden, der verbinden und Wunden versorgen kann. Und ich kann nichts davon. Wenn also was passiert, dann ist es besser, wenn es mir passiert.“
Das klang zwar sinnvoll, aber es passte mir trotzdem nicht.
Ich hatte die Entscheidung getroffen, wieso sollte ich also nicht diejenige sein, die die Konsequenzen trägt? Oder besser gesagt das Amulett trägt?
Doch er wollte es nicht zurück geben.

Während die anderen weiter kämpften, hielt Luzius sein Wort.
Wir wurden nicht angegriffen. Von keinem der Dämmerungsalben.
Und so liefen wir erst einmal zurück zum Tempel.
Lynx fand dort einen Zettel.
Es war eine Zeichnung des Ortes.
Drei verschiedene Tempel waren eingezeichnet.
Auf einem war das Zeichen der Sonne – vermutlich der Tempel der Gottheit Solar.
Auf dem nächsten das Zeichen des Mondes – vermutlich der Tempel der Gottheit Madum.
Und auf dem dritten war beides. Sonne und Mond.
War hiermit das Kind gemeint?
War das nicht die Dämmerung?
Hatte es also einen Tempel der Dämmerung gegeben?
War er zerstört worden?
Waren sie deswegen so wütend?
Ich teilte meine Überlegungen Breeg und Lynx mit.
Wir versuchten, die Standorte der anderen Tempel herauszufinden.
Der eingezeichnete Tempel mit der Sonne darauf musste auf jeden Fall der Tempel von Solar sein.
Also der Tempel, bei dem wir gerade standen.
Laut dem Zettel befand sich der Tempel von Madum in einer geraden Linie zu dem Tempel von Solar.
Wir liefen in die Richtung.
Taverne.
Wir versuchten, herauszufinden, wie wir den Zettel halten mussten.
In welcher Richtung war der Tempel?
Wenn es so richtig war, dann wurde auf den Überresten des Tempels von Madum die Taverne erbaut.
Nur wieso?
Und was war mit dem dritten Tempel?
Es war angeordnet wie ein Dreieck. Der dritte Tempel befand sich also so gesehen an der Spitze – genau in der Mitte der beiden Tempel und ein Stückchen weiter.
Wir liefen in die Richtung, in der wir den dritten Tempel vermuteten.
Hinter uns waren wieder Kämpfe ausgebrochen.
Wir konnten von Glück reden, dass wir dieses Amulett hatten.

Eine Weile stapften wir durch das Unterholz.
Dann erblickten wir ihn. Den Tempel. Oder das, was davon übrig war.
Wir sahen den Umriss eines Tempels.
Und ein kleiner Schrein, der aussah wie eine kleine Hütte, stand dort innerhalb des Umrisses.
Vorsichtig umrundeten wir den Umriss dieser Überreste.
Ich wollte es um jeden Preis vermeiden, einen Fuß innerhalb dieses Umrisses zu setzen.
Wenn es der ehemalige Tempel einer Gottheit war, dann war diese mit Sicherheit nicht besonders glücklich.
Und mit wütenden Göttern war nicht zu spaßen.

Wir verbrachten noch eine Weile in diesem Waldstück und versuchten, etwas zu finden.
Wir fanden nichts.
Aber wir waren uns sicher, dass es sich um den Tempel der Dämmerung handeln musste.
Denn genau wie in der Zeichnung waren eine Sonne und ein Mond auf der kleinen Hütte.

Als wir uns sicher waren, hier nichts mehr zu finden, liefen wir zurück.
Wir beschlossen, uns etwas zu essen in der Taverne zu holen.
Also betraten wir die Taverne.
Lynx und ich.
Hinter uns schrie jemand auf.
Breeg.
Er kam nicht über die Türschwelle.
Er lag am Boden.
Was war passiert?

Als ich die Rose sah, die in der Taverne stand, fiel es mir wieder ein.
Dämmerungsalben konnten die Taverne nicht betreten.
Und Breeg trug ein Amulett der Dämmerungsalben.
„Breeg!“, rief ich und kniete mich zu ihm. „Habe ich vergessen. Dämmerungalben konnten nicht betreten Taverne… Denke ich ist Amulett schuld. Tut mir Leid!“, erklärte ich und wollte ihm aufhelfen. „Holen wir Essen für dich mit.“
Breeg setzte sich etwas abseits in den Wald.
Lynx und ich bestellten beim Wirt.
Es war der gleiche Wirt wie beim letzten Mal.
„Das dauert noch etwas. Wir rufen dann nach euch.“, sprach er zu uns und wir liefen wieder hinaus zu Breeg.
„Wie geht es dir? Hast du noch starke Schmerzen?“, fragte Lynx und Breeg schüttelte den Kopf.
Er war wohl einfach nicht in die Taverne herein gekommen.
„Letzte Mal wollten Dämmerungsalben Rose aus Taverne haben.“, erzählte ich.
Auch, wenn ich nie verstanden hatte, wozu sie sie brauchten.

Wir legten uns eine Weile auf den Waldboden und warteten auf unser Essen.
Wir wussten ja, dass uns die Dämmerungsalben in Ruhe lassen würden und es wurde auch bald dunkel.
Allzu lange würden wir also nicht mehr wach bleiben.
Zum Glück würden wir hier in Ruhe übernachten können.
Dank Luzius.

Bald rief der Wirt nach Lynx. Das erste Essen war also fertig.
Lynx betrat die Taverne, um das Essen entgegen zu nehmen.

Auf einmal drang eine Stimme über den gesamten Platz.
Eine bekannte Stimme.
„Wo bist du, meine Marionette?“
Breeg erhob sich.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen rannte er los.
Ich erhob mich ebenfalls, doch er war zu schnell.
Was tat er da?
Marionette?

Dann fiel es mir ein.
Das Amulett.
Das Amulett hatte ihn zu einer Marionette des Anführers der Dämmerungsalben gemacht?
Ich war fassungslos.
Hatte er uns hintergangen?
Ich schnappte meine Waffen vom Boden und rannte in die Richtung, in die auch Breeg gelaufen war.
Die Dämmerungsalben waren dort versammelt.
Alle.
Die Kämpfe fingen wieder an.
Ich wollte zu Luzius – nein, ich musste zu Luzius.
Was fiel ihm ein?
Wieso war er uns so hintergangen?
Schämte er sich nicht?
Nein, er würde lernen, sich zu schämen!
„Breeg!“, schrie ich. „Breeg!“
Er antwortete nicht.
Er reagierte nicht einmal.
Also stapfte ich weiter auf Luzius zu.
Wütend.
Er würde noch sein blaues Wunder erleben.
Ich blendete alles um mich herum aus.
Dort standen Menschen. Und Dämmerungsalben.
Doch sie kämpften nur gegeneinander.
Bis ich auf einmal etwas vernahm.
„… segne diese Kämpferin mit Blindheit.“

Schwärze.
Alles war dunkel.
Ich blinzelte.
Wo war ich?
Es war, als hätte ich meine Augen geschlossen.
Dabei waren sie doch offen?
Oder nicht?
Konnte ich sie nicht mehr öffnen?
Ich taumelte einen Schritt nach vorne.
Noch immer hörte ich die Geräusche des Kampfes – das Metall, die Schreie.
Aber ich sah es nicht mehr.
Was war passiert?
Noch einen Schritt.
Ich stolperte fast.
Worüber?
Meine eigenen Beine?
Äste?
Leblose Körper?
Leichenteile?
Es lief mir eiskalt den Rücken herunter.
Nein, ich konnte nicht laufen.
Also setzte ich mich ganz langsam nieder.
Ich legte Axt und Schwert neben meine Beine auf den Waldboden.
Es fühlte sich noch immer wie der gleiche Waldboden an.
Ich war also nicht woanders.

Eine gefühlte Ewigkeit später vernahm ich eine bekannte Stimme.
„Anastasya?“
Ich freute mich sehr, diese Stimme zu hören, denn sie gehörte zu Lynx.
„Lynx.“, erwiderte ich. Ich sah sie nicht. Ich hörte nur ihre Stimme. Und Schritte.
Es konnten ihre sein.
Es hätte auch jeder andere an mir vorbei laufen können.
Anhand des Geräusches der Schritte hätte ich sie nicht erkannt.
„Was ist passiert?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht.“, erwiderte ich. „Sehe ich nichts.“
Weitere Personen kamen zu mir und fassten mich an der Schulter.
Sie halfen mir hoch und führten mich… Irgendwohin.
„Wir bringen dich zur Taverne.“, erklärte Lynx.
Ich nickte.
Es war seltsam.

Ich spürte, dass es wärmer und lauter wurde und schloss darauf, dass wir in der Taverne angekommen sein mussten.
„Setz dich.“, sprach Lynx zu mir.
Vorsichtig setzte ich mich nieder.

Bald hörte ich die Stimme einer Frau. Sie kam mir nicht bekannt vor.
Sie murmelte etwas, sprach etwas.
Eine Magierin?
Dann zerbrach sie etwas.
„Öffne die Augen.“, forderte sie mich auf.
Ich zögerte, dann blinzelte ich vorsichtig.
Ich sah wieder etwas.

Erstaunt starrte ich die Magierin an.
„Habt Dank!“
Sie nickte nur und entfernte sich dann wieder von mir.
„Dein Essen ist übrigens fertig.“, erklärte Lynx mir dann und deutete auf einen der Tische.
Ich nickte.
„Weiß ich nicht, was mit Breeg ist.“, erklärte ich nachdenklich. „Müssen wir gleich schauen.“
„Ja, wir suchen ihn nachher… Wahrscheinlich ist er noch bei den Dämmerungsalben… Das Amulett…“
Wir setzten uns an den Tisch und ich aß das Essen des Wirtes.
Es war lecker und doch beeilte ich mich, um möglichst schnell nach Breeg suchen zu können.
Mittlerweile war es draußen schon sehr dunkel. Wahrscheinlich war es immer schwieriger, ihn in der Finsternis zu finden.

„Gehört dieser große Jäger nicht zu euch?“, fragte auf einmal Jemand in der Taverne.
Wir blickten zu ihm.
„Da. Meint Ihr Breeg?“
„Ich weiß nicht, wie er heißt. Er sitzt auf jeden Fall draußen an der Treppe.“, gab der Mann zurück.
Ich sah zu Lynx.
An der Treppe?
Wir mussten ihn also gar nicht suchen?
Ging es ihm gut?

Schnell verließen wir die Taverne.
Und dort saß er tatsächlich.
Neben ihm war noch ein anderer Mann.
Sie schienen sich zu unterhalten.
Worüber?

„…deswegen ist der Stillstand nichts Gutes. Du kannst nicht essen, nicht trinken, nicht denken, nicht fühlen, nicht lieben…“, erklärte dieser Mann Breeg gerade.
Breeg sah ganz verwirrt aus. Fast schon verstört.
Was war nur mit ihm passiert?
Ich kniete mich vor ihn.
„Breeg.“, sprach ich. „Leg Amulett ab.“
Er schüttelte den Kopf.
„Breeg.“, versuchte ich es noch einmal. „Ist böse… Ist schlecht für dich.“
„Aber die Dämmerung… Ist das nicht perfekt…?“, fragte er.
Ich erstarrte.
Perfekt?
Wieso perfekt?
„Ist Stillstand dann.“, erwiderte ich. „Hast du doch gesagt, dass auf jede Nacht ein Tag folgt. Egal, wie lang und dunkel Nacht ist. Nicht, wenn Stillstand ist. Ist nicht gut. Ist nicht wie Sanduhr. Zeit läuft nicht ab. Alles Schlechte hat etwas Gutes.“
Ich wollte, dass er dieses Amulett ablegt.
Er musste es einfach tun.
Ich wollte gar nicht wissen, was sonst mit ihm geschehen würde.
Und wenn er sie nicht ablegen wollte, würde ich sie ihm früher oder später einfach vom Hals reißen.

Ich wiederholte weiterhin alles, was er mir schon einmal zum Thema Dagaz gesagt hatte.
Er hatte mir damit helfen können… Und nun glaubte er selbst nicht mehr daran?
Das konnte und wollte ich einfach nicht so hinnehmen.

Es dauerte einen Augenblick, dann fasste er das Amulett an.
Er versuchte, es über den Kopf zu ziehen, doch es gelang ihm nicht.
So, als würde es plötzlich viel zu schwer sein, um es anzuheben.
Und auch nur, sobald er es berührte.
Er konnte es nicht ablegen.
Obwohl er wollte.
Und nun?

Ich nahm meine Runen heraus.
„Heil Dir Odin, der Du so viele Masken trägst. Kannst Du mir verraten, was mit diesem Amulett ist? Ist es magisch? Hat die Dämmerung etwas Böses vor? Wie kann ich helfen, Odin? Weiß ich, dass du Breeg schon einmal geholfen hast.“
Körper und Seele.
Das war die Antwort.
Nicht sonderlich ausführlich, aber immerhin eine Antwort von Odin.
Lynx, Breeg und der fremde Magier blickten mich erwartungsvoll an.
„Körper und Seele.“, antwortete ich schlicht.
Der Magier nickte sofort.
„Also ist das Amulett an ihn gebunden… Habe ich schon befürchtet.“, überlegte er laut.
Klang logisch, irgendwie.
Nur was sollten wir dagegen tun?
Gab es einen Weg?
War es ein normaler Zauber, der sich aufheben ließ?
So etwas hatte ich in der Vergangenheit ja schon geschafft.
Doch waren Zauber immer gleich?
Vermutlich nicht.

Der Magier kramte in seiner Tasche und nahm zwei dünne, längliche Stäbe heraus.
Was hatte er nur vor?
Ich verstand es nicht und beobachtete einfach nur, was er tat.
„Wir können die Verbindungen bestimmt einzeln zerstören.“, erklärte er knapp.
Er berührte mit den beiden Stäben ganz leicht den Kopf von Breeg.
Verwirrt blinzelte ich.
Sah ich richtig?
Er zog etwas heraus… Die Verbindung zu Breegs Kopf blieb allerdings bestehen.
Es sah beinahe flüssig aus und glänzte metallisch.
Was tat er da?
Mit den beiden Stäben drückte er das – was auch immer es war  – auf den Steinboden. Dann sah er mich an.
„Das ist die erste Verbindung. Zerstöre sie.“, forderte er mich auf.
Ich blickte zu Breeg, dann zu dem Magier. Und schließlich zu dem Steinboden.
Das war eine Verbindung des Amuletts?
War er sich da sicher?
Nicht, dass ich irgendetwas anderes zerstören würde.
Als ich ihn fragend ansah, nickte er mir ermutigend zu.
„Das ist die Verbindung zur Seele.“, erklärte er.
Ich nickte langsam.
Doch sicher war ich mir immer noch nicht.

Zögernd zog ich Runen aus dem Beutel und nahm sie fest in die Hand.
Dann schrieb ich Runen auf.
Ansuz.
Ingwaz.
Algiz.
Ich bat Odin um seine Hilfe.
Ich bat ihn, die Verbindung aufzulösen.
Ich bat ihn, mich zu unterstützen und Breeg von diesem Amulett zu befreien.
Und ich spürte, dass er mir etwas von seiner Kraft lieh.
Doch es half nicht.
Es reichte nicht.
Die Verbindung war etwas dünner geworden, doch bestand immer noch.
Ganz so, als würde sie mich auslachen.
Wahrscheinlich war ich nicht stark genug.
Und auch der Magier wirkte erschöpft.
Scheinbar war es sehr anstrengend, die Verbindung so nach außen zu ziehen und festzuhalten.

Der Magier schüttelte den Kopf und ließ die Verbindung wieder los.
Sie wanderte sofort zurück in Breegs Kopf.
Wir überlegten weiter, was wir tun sollten.
Dann kam ihm eine Idee.
„Alles besteht aus vier Elementen. Wir können die Verbindung in die vier Elemente teilen und versuchen, sie einzeln zu zerstören. Jeder konzentriert sich auf das Element, was ihm am nächsten steht.“, erklärte er dann.
Ich dachte darüber nach.
Wasser.
Wenn ich mitmachen sollte, dann würde das mein Element sein.

Der Magier rief weitere Magier zu sich.
Bald hatten wir Jemanden für Feuer, Erde und Luft.
Das Wasser sollte ich übernehmen.
Das Element, das mir schon oft geholfen hatte.
Ich kramte in meinem Runenbeutel.
Sofort fielen mir drei Runen ein, die mit Wasser zu tun hatten.
Runen, die mir schon oft geholfen hatten.
Laguz, die Rune des Flusses.
Isa, die Rune des Eises.
Hagalaz, die Rune des Hagels.
Ich würde sie alle brauchen – nur, um sicherzugehen.

Wir stellten uns im Kreis um Breeg herum auf.
Und wir fingen an.
Es dauerte nicht lange, bis ich die Worte der anderen Magier ausblendete.
Ich konzentrierte mich auf Odin und das Wasser.
Konzentrierte mich auf das Eis, den Fluss und den Hagel.
Konzentrierte mich auf Stillstand, Gleichgewicht und Naturgewalten.

Ich erwachte irgendwo im Wald.
Was war geschehen?
Lynx und Breeg hockten vor mir.
„Anastasya?“, fragten sie besorgt.
„Da?“, fragte ich.
Mein Blick fiel sofort auf Breeg.
„Was ist passiert? Haben wir Amulett weg bekommen?“
Breeg nickte.
„Ich konnte es ab nehmen.“, erklärte er knapp.
Irgendwie klang es nicht sonderlich überzeugt.
„Was ist denn mit dieser Wüste?“, fragte Lynx.
„Wüste?“, fragte ich sofort. „Was für eine Wüste?“
„Du hast von einer Wüste erzählt. Überall war Sand. Und das, obwohl du hier im Wald warst.“, erzählte sie.
Ich blickte sie fassungslos an.
Warum denn gerade eine Wüste?
War es wegen Akri?
Wegen der Vision?
Davon durfte der Mann mit dem Hammer nur nichts erfahren.
Sonst würde er vielleicht auch von dem erfahren, was Akri mir gezeigt hatte.
Und dann würde der Mann mit dem Hammer vermutlich wieder böse auf den Schädel sein.

Sie führten mich zurück zu der Stelle, an der wir das Ritual durchgeführt hatten.
Dort erkannte ich ein weiteres bekanntes Gesicht.
Tahn.
Wie war er hierher gekommen?
Und wann?
„Tahn!“, begrüßte ich ihn.
„Ah. Ana… Anastasya.“, gab er zurück.
Zumindest erinnerte er sich an meinen Namen.
„Was ist hier passiert? Warum bist du weg gelaufen?“, fragte er und wirkte wieder einmal ziemlich verwirrt.
„Weg gelaufen?“, fragte ich.
Was hatte er alles mitbekommen?
Und warum hatte ich nicht mitbekommen, wie er zu uns gekommen war?
Etwa während des Rituals?
Ich hatte noch immer starke Kopfschmerzen und es fiel mir wirklich schwer, zu denken.
Deswegen setzte ich mich einfach auf die Wiese und ruhte mich etwas aus.

Wir tranken und redeten eine Weile, dann gesellte sich auf einmal der Baron zu uns.
Er hielt eine Flasche in der Hand.
Alkohol?
Wollte er mit uns trinken?
Ich wusste, dass er Breeg und mir noch Kupfer schuldete.
Wir erinnerten ihn sofort daran.
„Das habe ich nicht vergessen, ihr sollt euer Kupfer erhalten. Aber trinkt erst einmal mit mir.“, antwortete er und ließ die Flasche herumgehen.
Das Getränk, das sich darin befand, nannten sie hier ‚Schelm‘.
Es schmeckte gut. Es war sehr süß.

So saßen wir noch einige Zeit zusammen auf der Wiese, redeten über das Land und die Dämmerung. Dabei tranken wir ‚Schelm‘.
Als es immer später wurde, bat der Baron Breeg und mich, ihm in die Taverne zu folgen, damit er uns unseren Lohn aushändigen konnte.
Wir folgten ihm also und er gab uns das Kupfer.
Abgesehen davon überließ er uns eine Flasche ‚Schelm‘.
Wir bedankten uns und verließen dann die Taverne wieder.
Doch ich war müde, also entschied ich bald, mich in der Taverne schlafen zu legen.
Am nächsten Morgen wollte ich das Inselreich wieder verlassen.


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