Nach dem Tod unserer Eltern verließen wir die Hütte und zogen in den Sturmwald.
Der Wald war für uns schon immer mehr Zuhause gewesen als die alte Hütte aus Holz.

Im Sturmwald trafen wir oft auf Menschen. Leckere, saftige Menschen, die uns für viele Jahre als Hauptnahrungsquelle dienten.
Wir wurden zu Jägern – Menschenjägern.
Und dann trafen wir auf das Rudel.

Das Rudel

“Da kommt eine große Gruppe.”, sagt Yariq zu mir, aber ich habe sie schon gesehen.
Ich nicke.
Es sind Menschen mit Waffen, die durch den Sturmwald laufen.
Ist das nicht unsere Heimat?
Sie tragen Bögen, Äxte und Sensen bei sich.
Aber sie sehen nicht aus wie die typischen Wanderer, die durch den Wald laufen.
Ihre Kleidung ist wesentlich kaputter, ganz abgetragen.
Sie sehen beinahe aus wie wir.
Aber vielleicht schmecken die ja trotzdem.

Wir machen uns kampfbereit.
Die Gruppe geht ebenfalls in Kampfposition.
“Mhh, ihr seht lecker aus.”, sagen sie und mein Bruder und ich schauen uns an.
Wir?
Aber wir wollen die doch essen und nicht sie uns.
“Nein, ihr seht lecker aus!”, rufe ich zurück und lecke über meine Lippen.
Es gibt also doch noch mehr Menschen, die gerne andere Menschen essen.

Jetzt schauen sich die Menschen der Gruppe gegenseitig an. Auch verwirrt.
“Jagt ihr für den Hexer?”, fragen sie.
Es wirkt, als würde sich die Körperhaltung der anderen etwas entspannen.
Ich werfe einen kurzen Blick zu meinem Bruder. Er versteht mich.
“Wer ist der Hexer?”, fragt mein Bruder dann.

Der Hexer

Die Menschen der Gruppe zögern.
Sind sie verwirrt durch unsere Frage?
Wissen sonst alle, wer der Hexer ist?

“Der Hexer beschützt uns und diesen Wald. Und dafür kämpfen wir für ihn. Ihr etwa nicht?”, fragt ein großer Mann.
Die Gruppe geht sofort wieder in Angriffshaltung.
Yariq und ich schauen uns an.
Er sieht so hübsch aus. Ich will nicht, dass sein hübsches Gesicht zerstört wird.
“Wir kennen ihn nicht.”, gebe ich zurück. Und zwar möglichst ruhig. “Aber wenn er den Wald beschützt, ist das gut für uns. Lasst uns auch für ihn kämpfen.”

Richtige Antwort – sie entspannen sich wieder. Und wir folgen ihnen in den Wald.

Was spricht denn auch dagegen, uns Gleichgesinnten anzuschließen? Mehr Essen für alle.

Andersweltler und Echsengötter

Während wir ihnen durch den Wald folgen, erzählen sie uns mehr von dem Hexer.
Er kämpft seit ein paar Jahren immer und immer wieder gegen seltsame Wesen aus einer anderen Welt.

Mein Bruder und ich verstehen zwar nicht ganz, wie das sein kann, aber wir widersprechen nicht.
Wesen aus einer anderen Welt…

“Hmm… Und wie schmecken die?”, frage ich. Das ist das Wichtigste. Wenn wir sie essen können, dann sollen sie ruhig herkommen.
“Ganz gut.”, erwidert ein großer Mann. “Der Hexer braucht aber auch ein paar von ihnen für seine Rituale.
Der große Mann scheint der Anführer zu sein.

Wir nicken.
“Solange wir auch was abbekommen.”, sagt mein Bruder dann.
Wir sind damit eigentlich ganz zufrieden.

“Diese Andersweltler verehren seltsame Echsen, die angeblich Feuer spucken können. Wir haben aber in all den Jahren nie eine davon gesehen.”, erklärt dann ein anderer.

Yariq und ich lachen.
“Echsen?”
Wir können es nicht glauben.
Wie kann man etwas verehren, das es gar nicht gibt?
Diese Andersweltler scheinen wirklich komisch zu sein.

Die Höhle

Scheinbar erreichen wir unser Ziel.
Mehrere kleine Höhlen und eine große, umgeben von unzähligen toten Ästen.
Ich sehe viele Tierfelle und Schädel – es gefällt mir hier.

Einige andere Mitglieder der Gruppe liegen draußen auf den Fellen und essen etwas. Einen Menschen?
Wir gesellen uns dazu.

“Wir haben Freunde gefunden?!”, kommt es von einem etwas kleineren Mann. Er lacht laut und hysterisch. Das bringt mich zum Grinsen.
Es gefällt mir hier.

“Das Rudel hat zwei neue Mitglieder.”, verkündet der große Mann, von dem ich glaube, dass er der Anführer ist.
Ein Rudel also.
Irgendwie passt es ja.

“Und, Yariq, wie gefällt es dir?”, frage ich meinen Bruder.
Er grinst.
Ich grinse.
“Sehr gut.”, antwortet er und küsst mich stürmisch.
Die Anderen schauen uns ein bisschen verwirrt an – immerhin haben wir beide rote Haare.
Es ist uns egal.

“Essen?”, frage ich dann und wir verspeisen die Reste des Andersweltlers, der vor unserer Höhle liegt.

“Morgen geht es wieder auf die Jagd.”, verkündet eine Frau.
Wir grinsen.
Sehr gut.

So lernten wir das Rudel kennen.


Danke an Andreas Dude für das Foto zum Beitrag.


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