Was zuvor geschah:

Marktbesuche

Die Kette gefällt meiner Tante und seit Neustem lächelt sie auch jedes Mal, wenn sie mich sieht.
Ich bin mir nicht sicher, ob es ein ehrliches Lächeln ist.

Um Silva zufrieden zu stellen, trage ich die Kette nun jeden Tag. Es ist total ungewohnt.
Auch Ulf begegnet mir jetzt freundlicher.
Ich verfolge ein Ziel… Und so lange werde ich die Kette wohl tragen.

Zwei Tage später fragt meine Tante mich, ob ich nochmal zum Markt möchte. Ich freue mich, bedanke mich für das Geld, das sie mir mitgibt und gehe los.

Auf dem Weg zum Markt fühle ich mich frei, obwohl ich es besser weiß.
Sie ist hinter mir, ich habe es sehr schnell bemerkt.

Also laufe ich ganz brav an allen Ständen vorbei und entscheide mich schließlich für ein dunkelblaues Kleid. Mir wäre ein Dunkelgrünes lieber gewesen, aber blaue Farben scheinen in Bärenfels beliebt zu sein.

Ich unterhalte mich noch eine Weile mit ein paar Personen auf dem Markt und natürlich sehen sie in mir nur ein adliges Mädchen.
Meine Tante beobachtet mich nicht mehr, zumindest habe ich sie nicht mehr bemerkt.
Ich gehe zurück zum Haus meiner Tante und sie ist wieder total begeistert von meinem Ausflug zum Markt. Sie freut sich, dass ich ein Kleid gefunden habe. Vielleicht denkt sie, dass sie mich jetzt in die „richtige“ Bahn gelenkt hat.

In den nächsten Tagen besuche ich den Markt immer mal wieder und kaufe eine silberne Brosche, eine Fibel, seltsam aussehendes Obst und schließlich Blumen.
Ich besuche nun schon seit zwei Wochen an jedem zweiten Tag den Markt und kenne die Stände und die verkaufte Ware beinahe auswendig.
Nur ganz selten kommt ein neuer Verkäufer hinzu.

Der Versuch

Während meiner letzten Ausflüge zum Markt wurde ich immer weniger beobachtet. Als ich die Blumen gekauft habe, war wahrscheinlich sogar niemand hinter mir her…
Ich überlege, ob ich einen erneuten Ausflug in das Armenviertel wagen kann. Es ist schon so lange her, seit ich zuletzt von Igor gehört habe und ich muss einfach wissen, ob es ihm gut geht.

„Gehst du heute wieder zu Markt, Anastasya?“
„Da, gehe ich schauen ob es Neues gibt.“
Ich schaue meine Tante an. Sie lächelt.
Dann drückt sie mir wieder ein paar Münzen in die Hand.
Sie scheinen wirklich gut zu verdienen.
„Hab Dank, Tante Silva!“, verabschiede ich mich und verlasse das Haus.

Wieder laufe ich zunächst den gewohnten Weg zum Markt. Ich muss aufmerksam sein, damit ich einen eventuellen Verfolger bemerke.
An den Ständen gibt es nicht viel neues, aber ich schaue mich trotzdem um.
Die Formation der Marktstände erlaubt es mir, ganz unauffällig im Halbkreis zu gehen.
Aber auch dabei fällt mir keine Person auf, die mich irgendwie verfolgen könnte – Sehr gut.

Zögerlich wende ich mich von den Ständen ab und gehe zum Armenviertel.
Ich hoffe, dass mich hier keiner entdeckt – in dem edlen Kleid falle ich vermutlich auf.
Der heruntergekommene Verschlag, in der ich Igor immer besucht habe, ist ganz in der Nähe.
Ich laufe darauf zu, sehe aber schon von Weitem, dass irgendetwas anders ist.
Um sicherzugehen begebe ich mich auch unter den Verschlag, aber Igor ist nicht hier.
Wo könnte er sonst sein?

Das Armenviertel

Ich laufe weiter durch das Armenviertel und halte nach dem Jungen Ausschau.
Die Leute schauen mich mit großen Augen an, weil sie es nicht gewohnt sind, so bunte und aufwendige Kleider zu sehen.
Ich selbst würde tatsächlich auch viel lieber in unauffälligen Lumpen herumlaufen, aber das würde meiner Tante nicht gefallen.

Die Hütten hier sind vermutlich allesamt selbst gebaut und sehen entsprechend verschieden aus. Fast jede Hütte wirkt allerdings heruntergekommen und ist vermutlich auch undicht.
Mein Vater liefert so viel Holz über den Wasserfall bis nach Bärenfels – warum baut den Menschen hier niemand eine ordentliche Hütte?

Ich laufe weiter und erblicke auf einmal ein großes Haus.
Verwirrt blicke ich mich um.
Ich bin doch an keiner Mauer vorbeigekommen?
Das muss noch das Armenviertel sein, aber was ist das für ein Haus?
Die Größe ähnelt beinahe dem Haus des Jarls, aber es sieht völlig anders aus.

Ich muss wissen, was das für ein Haus ist!
Und so gehe ich darauf zu.
Mich wundert wirklich, warum so ein schönes und großes Haus inmitten des Armenviertels steht.
Das muss irgendwas besonderes sein.

Ich sehe allerdings keine Wachen vor dem Haus… Heißt das, ich kann einfach hinein?
Warum auch nicht…?
Die Neugier überwiegt und so betrete ich dieses wundersame Bauwerk.

Im Innern

Ich schließe die Tür ganz langsam hinter mir, weil ich keine lauten Geräusche erzeugen möchte.
Was, wenn Jemand im Innern dieses Hauses wohnt? Wenn er mich erwischt?
Fragen, über die ich mir in Gegenwart dieses Raumes keine Gedanken mache.

Der erste Raum ist menschenleer, aber trotzdem prunkvoll.
Ich sehe einen rot gefärbten Teppich und verzierte Wände.
Es ist wirklich ein besonderes Haus.

Einige Türen führen aus dem Raum in weitere Räume.
Ich befinde mich also wahrscheinlich im Eingangsraum… Was sich wohl hinter den anderen Türen befindet? Ich muss es herausfinden.

Als erstes öffne ich vorsichtig die erste Tür auf der linken Seite. Die Scharniere quietschen lauter als ich es vermutet habe. Hoffentlich hat es keiner gehört.

„Tretet ein.“, höre ich eine Stimme, noch bevor ich die Tür geöffnet habe. Ich zucke zusammen. Da hat eine Frau gesprochen, aber sie wirkte nicht wütend…
Ich nehme meinen Mut zusammen und öffne die Tür.

Die Frau steht an einem hölzernen Tisch und sieht mich an. Ich erkenne an ihrem Blick, dass sie vermutlich jemand anderes erwartet hat.
„Oh, äh… Wer bist du?“, fragt sie. Ich lasse meinen Blick durch den Raum gleiten, damit ich vor meinem Rausschmiss zumindest etwas von diesem Haus gesehen habe.
Der Raum ist hübsch verziert und mit einigen Fellen und sogar einem Kamin ausgestattet.
Es ist sehr warm und ich würde am liebsten den Wollmantel ausziehen, weil er mich nun zu viel wärmt.

Die Frau kommt auf mich zu. Ich habe beinahe vergessen, dass sie eine Frage gestellt hat.
„Äh… Anastasya ist mein Name.“, erwidere ich schnell und schaue nun die Frau genauer an.
Sie ist groß, blond und hübsch… Und das, obwohl sie schon etwas älter zu sein scheint. Ich glaube, dass sie älter ist als meine Mutter.
„Anastasya.“, murmelt die Frau und schaut mich an.
Auf einmal öffnet sich eine weitere Tür auf der gegenüberliegenden Seite und zwei Frauen und ein Mann betreten den Raum.
„Carmen, wir…-„
Der Mann unterbricht seinen Satz, als er mich erblickt.

Schlagartig schießt mir das Blut in den Kopf und mir wird noch wärmer.
Wahrscheinlich ist mein Gesicht nun extrem rot.
Ich starre die beiden Frauen und den Mann an.
Was ist das nur für ein Ort?
„Äh… Was ist das für ein Kind?“, fragt eine Frau.
Die Frau am Tisch blickt mich an. „Anastasya.“, erwidert sie dann.
Der Mann und die beiden Frauen sind äußerst leicht bekleidet, lediglich die mit ‚Carmen‘ angesprochene Frau trägt Kleidung am Leib.

„Kommt gleich wieder, da?“, bittet die Frau und sofort verlassen die Frauen und der Mann das Zimmer durch die gleiche Tür, durch das sie es betreten haben.
Dann schaut mich die Frau an und fängt an zu lachen.
„Ah, Anastasya, musst du nicht Angst haben vor nackte Leute wenn du gehst in Bordell.“, erklärt sie und stupst mich an.
Bordell… Jetzt wird mir einiges klar.
Sie lächelt mich an.
„Ah, Kind, was du machst nur hier? Siehst du aus edel bekleidet? Heute ist Bordell nicht voll, hast du Glück… Sonst Männer sicher auch gefragt hätten nach dir.“, erklärt sie mir. Ich starre sie an und mein Gesicht brennt noch stärker als vorhin.
„Ah, njet… Also…“, stammle ich. Ich bekomme irgendwie keinen richtigen Satz heraus, dabei habe ich so viele Fragen.
„Carmen ist mein Name.“, sagt die Frau und lächelt noch immer. „Bist du wohl neugieriges Kind?“

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