Der Tanzlehrer

Ich vermisse Igor.
Es macht mich traurig, dass ich nicht nach draußen darf.
Das Haus ist so viel größer und kälter als die Hütte in Falkenhain.
Und meine Eltern sind wahrscheinlich enttäuscht von mir.

Ich strenge mich an, um Tante Silva zu gefallen… Vielleicht überlegt sie es sich dann ja anders und lässt mich wieder nach Hause.
Trotzdem bleibt die Frage, ob ich Igor jemals wiedersehen werde…

Aber heute wird ein schwieriger Tag, denn heute wird der Tanzlehrer kommen, um mit mir für den Ball zu üben.
Ich bin mir nicht sicher, ob Tante Silva mich damit nur bestrafen will, oder ob es wirklich in ihrem Sinne liegt, mir das Tanzen beizubringen.

Wir trinken heißen Wein, der im Grunde recht seltsam schmeckt, aber in Bärenfels wohl zum Dasein eines Adeligen gehört. Dann klopft es an der Tür und ich hole tief Luft während mein Onkel zur Tür geht, um den Tanzlehrer hereinzulassen.
Ich weiß nicht, was mich jetzt erwarten wird.
Warum soll ich überhaupt tanzen?

Der Tanzlehrer betritt den Raum und schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an.
Er trägt eine seltsame Fellmütze auf dem Kopf und ist allgemein sehr auffällig gekleidet. Ich wusste gar nicht, dass sich die Farben Blau, Rot und Gelb kombinieren lassen. Um ehrlich zu sein lassen sich die Farben auch nicht kombinieren, aber er macht es trotzdem.
Im Wald von Falkenhain wäre er jedenfalls nicht gut aufgehoben, aber das ändert leider nichts an der Tatsache, dass ich ihm hier unterlegen bin.

„Das ist Seigneur Rochefort.“, stellt meine Tante mir den Mann vor. Sie spricht seinen Namen total seltsam aus.
Ich starre den Mann an und bin mir sicher, dass ich seinen Namen nicht wiederholen kann. Wie hieß er noch? Schon vergessen. Irgendwas mit „Roch“.
Ich schaue ihn an und nicke. Er rümpft die Nase. Offenbar mag er mich nicht.
„Anastasya.“, erwidere ich, weil ich nicht weiß, warum auf einmal alle still sind. Meine Tante wird rot. Was habe ich falsch gemacht?

„Warum soll ich tanzen?“

Der Tanzlehrer und ich gehen in den benachbarten Raum, der sehr groß und ziemlich leer ist. Wahrscheinlich, damit wir hier das Tanzen üben können.
Ich frage mich, ob der Raum immer leer ist oder ob sie ihn tatsächlich extra dafür leer geräumt haben.
Außerdem frage ich mich, was jetzt passieren soll.
Ich kann nicht tanzen. Und wenn ich ehrlich bin, dann will ich auch nicht tanzen. Ich will das nicht mal können.

Der fremde Mann kommt zu mir.
„Edle Dame, lasst uns beginnen.“, sagt er und ich drehe mich sicherheitshalber um, weil ich nicht glauben kann, dass er mich meint. Ich bin keine edle Dame.
Aber ich darf meine Tante Silva nicht noch mehr verärgern, denn sonst behält sie mich sicherlich noch länger hier… Das muss ich um jeden Preis vermeiden.

Der Tanzlehrer zeigt mir, wie man die Hände halten muss. Ich tue es ihm gleich und ahme seine Bewegungen nach. Er schüttelt den Kopf.
„No, Ihr müsst Hände anders herum halten.“, bemängelt er und verändert seine Haltung. Ich schaue ihn verwirrt an und verändere nun auch meine Haltung der Hände.
„So?“, frage ich. Er nickt. Immerhin.
Jetzt nimmt er meine Hände und ich habe jetzt schon keine Lust mehr. Er trägt seltsame, dünne Handschuhe, die bestimmt nicht vor der Kälte draußen schützen.
„Jetzt zeige ich Euch die Schritte von erstem Tanz.“, kündigt er an. Ich bin beinahe gespannt, was jetzt kommt, denn ich kann ja gar nicht tanzen.
Er beginnt, mich abwechselnd zu ziehen und zu schubsen, sodass wir uns durch den leeren Raum bewegen. Meistens stolpere ich über seine Füße. Ich falle nur nicht, weil er mich festhält… Ich wäre lieber gefallen.

Der Tanzlehrer schüttelt den Kopf und wirkt unzufrieden.
„Warum soll ich tanzen?“, frage ich ihn und hoffe, eine Antwort zu bekommen, die mich überzeugt.
„Ah, gehört sich so für edle Damen.“, erwidert er. „Ist außerdem doch schön und elegant, no?“
Ich schaue ihn an und schüttle den Kopf. Ist es nicht. Ich bin keine edle Dame. Aber das sage ich ihm alles nicht, weil ich ihn und damit Tante Silva nicht verärgern will… Also zumindest glaube ich das.

Wie dein Vater

Der Tanzlehrer ist im Nebenraum.
Nach ein paar weiteren Versuchen scheint er es nun endlich aufgegeben zu haben und obwohl ich nicht weiß, was meine Tante jetzt mit mir anstellt, bin ich erleichtert, dass es vorbei ist.
Tanzen ist nichts für mich und ich möchte es bitte nie wieder lernen müssen.
Vor allem nicht mit so einem ekelerregenden Tanzlehrer, dessen Namen man nicht einmal aussprechen kann.

Ich höre die Stimme des Tanzlehrers allerdings immer noch, weil er vor meiner Tante und meinem Onkel über mich flucht.
Während ich auf die Strafe meiner Tante warte, denke ich über Falkenhain nach. Wie kann es sein, dass es so nah an Bärenfels liegt und doch so vollkommen anders ist?
Das hat offenbar nichts mit der Entfernung zu tun. Die Menschen hier sind einfach … weiter entfernt?

Wenig später ist der Tanzlehrer wieder weg. Ich vermute, dass er so schnell auch nicht wiederkommen wird.
Habe ich meiner Tante damit eine Beziehung versaut? Vielleicht. Ich muss allerdings zugeben, dass es mir egal ist.
Irgendwie habe ich Heimweh. Ich vermisse meine Eltern, aber ich vermisse auch Igor. Verdammt.

„Anastasya!? Was soll das?! Kannst du nicht einfach vergraulen Tanzlehrer mit deiner Art. Schämst du dich nicht?!“, fährt sie mich an, aber ich bleibe ganz ruhig.
„Ich möchte nicht tanzen.“, erwidere ich und sehe, wie der Kopf meiner Tante noch roter wird. Regt sie sich etwa noch mehr auf? Wäre es ihr lieber, wenn ich auch schreie? Ich sehe keinen Sinn darin.
„Anastasya, so ich kann nichts mit dir anfangen! Lasse ich dich in mein Haus und essen und du arbeitest nicht mit! Eltern sollten sich schämen für dich. Arme Schwester habe ich da!“, tobt sie weiter und ich muss sagen, dass mich diese Aussage schon verletzt.
Ich will nicht, dass meine Eltern von mir enttäuscht sind.
Aber das glaube ich eigentlich auch nicht.

Ich hole tief Luft.
„Gibst du mir meine Axt, dann kann ich arbeiten für euch. Hacke ich Holz. Gibst du mir Bogen, dann jage ich Tiere. Tanzen ist nicht Arbeit für mich, deswegen will und kann ich nicht.“, erwidere ich. Ich habe wirklich kein Problem damit, für sie zu arbeiten.
„Nein!“, ruft sie. „Götter, du bist wie dein Vater!“
Das bringt mich zum Lächeln. Ein Kompliment, denn meine Eltern sind für mich Vorbilder und in dem, was mein Vater macht, sehe ich keine Fehler.
Es ist gut, so zu sein wie er. Und alles ist besser, als so zu sein wie sie.

Eine Geschichte schreiben

Nach dem Streit mit meiner Tante wurde ich in das Zimmer geschickt, in dem ich nachts schlafe.
Ich weiß, dass sie nur nicht will, dass ich den Tanz störe… Aber warum sollte ich auch?
Tante Silva hat mir ein paar Bücher gegeben und hat gesagt, dass ich erst wieder aus dem Zimmer darf, wenn ich sie gelesen und eine eigene Geschichte geschrieben habe.
Ich verstehe die Bestrafung nicht, weil ich nicht verstehe, was ich falsch gemacht habe.

Natürlich sind es die langweiligsten Bücher… Bücher über den Jarl, die so wirken, als wären sie voller Lügen. Dann noch Bücher über das Tanzen und über Adel und Verhalten.
Ich weiß nicht, wie sie überprüfen will, ob ich die Bücher gelesen habe.
Vielleicht stellt sie mir Fragen über den Inhalt? Ich hoffe nicht…
Aber ich habe sowieso gerade mehr Lust, etwas zu schreiben.
Nur was? Eine Geschichte?
Ich setze mich auf das weiche Bett und überlege. Worüber könnte man denn schreiben?

Dann denke ich an Zuhause. An meinen Vater und an meine Mutter. Und ich beschließe, dass ich einfach über mich schreibe… Über mich, meine Eltern und Falkenhain. Und so nehme ich am Tisch Platz, lege die Feder in die Hand und beginne meine erste Geschichte.

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