Worum geht es?

Um einen Charakter besser kennenzulernen, muss man sich mit ihm auseinandersetzen.
Eine befreundete LARPerin hat mal gesagt: “Manchmal muss man einfach mal mit seinem Charakter Kaffee trinken gehen.”
Oder eben einfach eine Art “Date” führen.

Und genau das möchte ich mit diesem Projekt machen. Die Charaktere treffen auf einen Erzähler (beispielsweise in einer Taverne) und quatschen miteinander… Dabei werden vom Erzähler natürlich einige Fragen gestellt.
Für jeden Charakter werde ich einen anderen Block Fragen nutzen, damit es spannend bleibt.

Möchtest auch du, dass ich mit deinem Charakter “einen Kaffee trinke”?
Dann schreib mir einfach!

Ich betrete die Taverne.
Ein paar der Menschen drehen ihre Köpfe zur Tür.
Aber die Aufregung hält nicht lange an – die Leute kennen mich bereits und widmen sich wieder ihren Gesprächen.

Ich hingegen schaue mir schon wieder die Zeichnung auf dem Fragezettel an.
Das wird sicher ein sehr interessantes Gespräch.
Aber dazu muss ich meinen Gast erst einmal finden.
Eigentlich müsste er mir ja auffallen.

Ich laufe an ein paar Tischen vorbei bis ich ihn erblicke.
Braunes, langes Haar. Eine Bundhaube. Sehr… einfache Kleidung.
Vermutlich kein Mann von Adel.
Aber das ist egal, bisher war ja jeder meiner Gäste ein wirklich interessanter und netter Gesprächspartner.

Ich laufe zu dem Tisch.
Der Mann beobachtet die anderen Gäste und scheint mich zunächst gar nicht zu bemerken.
Ich will ihn nicht erschrecken.
“Hallo Yorik.”, begrüße ich ihn.
Er dreht den Kopf zu mir und schaut mich an. Der Ausdruck in seinem Gesicht verrät mir, dass er verwirrt ist.
“Du… Verzeihung, Ihr kennt meinen Namen?”
Seine Stimme klingt überraschend sanft, wenn auch etwas heiser.

Ich lächle ihn an und spüre die Hitze in meinen Kopf steigen.
Oh nein… Warum werde ich schon wieder rot?
“Ja… Der Name steht hier…”, erkläre ich und zeige auf den Zettel… Was für eine bescheuerte Erklärung.
“Ich bin eigentlich hier, um dir ein paar Fragen zu stellen… Wenn ich darf.”
Ich hoffe, dass wir bei dieser Umgangsform bleiben können.

Es scheint ganz so, als hätte ich etwas gesagt, das ihn erfreut.
“Natürlich.”
Zwar immer noch verwirrt, aber mit einem freundlichen Blick deutet er auf den Platz ihm gegenüber.
“Bitte setz dich doch. Wie ist dein Name?”
Wir bleiben also bei dieser Umgangsform. Sehr gut.

Ich lächle und setze mich hin.
Jedes Mal diese Frage nach dem Namen…
“Mein Name ist Martha. Was möchtest du trinken, Yorik?”

“Freut mich, dich kennen zu lernen, Martha. Ich würde noch etwas Wasser nehmen, denke ich.”
Er hebt den kleinen Tonbecher vor sich hoch.
Sieht leer aus.
Wirklich Wasser?

“Vielen Dank. Freut mich auch… Wasser? Wirklich?”
Ich zucke mit den Schultern.
Nichts geht über Holunderwein, aber gut…
“Nun gut.”, sage ich noch und erhebe mich.
“Ja, wirklich.”, antwortet er und wirkt belustigt.
Ich nehme ihm den Tonbecher aus der Hand und gehe zum Wirt.

Der Wirt schaut mich mit hochgezogenen Brauen an.
Ja… Gerade ich bestelle Wasser. Muss seltsam für ihn sein. Aber egal.
Er bekommt sein Geld und soll nicht nachfragen.
Tut er auch nicht.

Ich gehe zurück zum Tisch und gebe Yorik seinen Becher.
Er sieht zufrieden aus.
“Vielen Dank, Martha. Nun, wie kann ich dir helfen?”

Wieder steigt die Hitze in meinen Kopf, die mir zeigt, dass ich gerade rot werde.
“Ich… Also… Äh.”
Ich deute auf den Zettel.
Noch ein Versuch.
“Ich habe hier ein paar Fragen… Über dich… Und… Würde sie dir gerne stellen. Aber natürlich nur, wenn es dir recht ist.”
Warum macht mich so eine Frage immer so nervös?

Offenbar war es die falsche Antwort, denn der Ausdruck in seinem Gesicht hat sich wieder verändert… Er wirkt jetzt eher überrascht.
“Fragen über mich? Das ist … ungewöhnlich. Zu welchem Zweck denn? Schickt dich der Tempel?”
Wovon redet er?
“Der Tempel?”
Ich ziehe eine Augenbraue hoch und sehe nun vermutlich ähnlich überrascht aus wie er.
“Die Menschen hier lesen sehr gerne über… Abenteurer und so. Zu diesem Zweck sind die Fragen.”

“Oh. Ach so?”
Er zögert und runzelt die Stirn, dann nickt er.
“Nun, ich bin mir nicht sicher, ob man mich als ‘Abenteurer’ bezeichnen könnte… Es gibt sicherlich interessantere Menschen als mich. Aber wenn ich deinen Lesern eine Freude machen kann… Warum nicht?”

Ich habe schon befürchtet, dass er jetzt ‘Nein’ sagen würde. Zum Glück nicht. Ich lächle ihn an.
“Das ist sehr nett. Danke… Die Menschen hier lesen gerne über interessante Personen, deswegen…”
Ein weiterer Blick auf meinen Zettel… Und was, wenn…
“Wenn du eine Frage nicht beantworten möchtest, ist das übrigens in Ordnung!”

“Das freut mich!”, antwortet er. “Danke für die Rücksicht.”
Yorik nimmt einen Schluck von seinem Wasser. Dann legt er die Arme auf den Tisch und schaut mich direkt an.
“Also, was möchtest du wissen?

“Hm. Wo liegt deine Heimat? Und was ist dort besonders?
Die Schreibfeder in meiner Hand gibt mir Sicherheit.

“Oh… eine interessante erste Frage.”
Seine Augenbrauen heben sich.
“Ich… Ich denke das hängst davon ab: Meinst du das Land, in dem ich geboren wurde oder das Land, das ich mittlerweile als meine Heimat betrachte?”

Ich nicke langsam. Irgendwie habe ich mit dieser Gegenfrage gerechnet.
“Die Frage geht an dich, also… Das Land, das du als deine Heimat bezeichnen würdest.”
Ich lächle ihn an.
“Die Fragen sind ja alle an dich gerichtet, also sind die Antworten immer dein eigenes Ermessen.”

“Eine weise Einstellung.”
Er erwidert das Lächeln. Das freut mich.
“Meine Heimat ist das ehemalige Kaiserreich Engonien, im Norden der Mittellande. Besonders ist dort vieles, wie wohl in jedem Land, aber wenn ich eine Sache aussuchen müsste… mmh… ja, dann wäre das wohl der Umstand, dass Engonien eigentlich gar nicht ein Land ist, sondern gleich mehrere.”

Eine Heimat mit mehreren Ländern? Ungewöhnlich…
Aber der Name kommt mir doch bekannt vor…
“Oh… Engonien? Das habe ich schon einmal gehört.”
Was war nochmal damit?
“Ihr verehrt dort viele verschiedene Götter, richtig? Aber… Engonien besteht aus mehreren Ländern? Wie darf ich das verstehen?”

“Ja, sehr richtig. In Engonien glaubt man an mehrere Götter unterschiedlichen Ursprungs. Am weitesten verbreitet sind die Großen Sechs.”, erklärt er mir und nimmt einen weiteren Schluck Wasser.
“Und was die Länder angeht: Engonien war einst ein großes Reich, vereint unter einem Senat, doch die Gier eines einzelnen Mannes und Uneinigkeit vieler hat es in einen fürchterlichen, grausamen Krieg gestürzt, in dem Bruder gegen Bruder kämpfte und der über fünf Jahre anhielt…”
Der Ausdruck in seinem Gesicht verändert sich. Er wirkt traurig.
“Es ist eine lange Geschichte, und keine schöne, also belassen wir es dabei… Irgendwann endete der Krieg, aber das Land war durch ihn in zahlreiche Teile gespalten. Die Anführer dieser Teile konnten sich nicht darüber einigen, wer der neue Herrscher sein sollte, also machten sie sich unabhängig und Engonien wurde zu einem Flickenteppich aus vielen kleinen Provinzen, die eine Vergangenheit teilen, und doch unterschiedlicher nicht sein könnten.”
Ein Seufzen geht über seine Lippen.
Ich habe Mitleid mit ihm.
“Einige der alten Wunden von damals versuchen wir bis heute zu heilen.”, fügt er abschließend hinzu.

“Ein Krieg, der fünf Jahre andauert?”, frage ich und starre ihn an.
Das kann ich kaum glauben… Eine so lange Zeit mit so viel Leid und Tod…
“Das… Das klingt ja furchtbar. Tut mir sehr Leid!”
Ich versuche das aufzuschreiben, was er mir erklärt hat.
Meine Hand zittert dabei ein wenig.
“Aber… Innerhalb der einzelnen Teile Engoniens herrscht nun kein Krieg mehr, hoffe ich?”

Doch die Veränderung in seinem Blick beantwortet mir die Frage schon.
“Doch, leider schon… die letzten Jahre herrschte ein wackeliger Frieden im Land, doch seit einigen Monden schwellen die Konflikte wieder an… der Grund ist ein anderer als damals, aber wenn es so weitergeht, steht uns vielleicht ein weiterer engonienweiter Krieg ins Haus…”
Er schaut noch viel finsterer. Fast so, als käme ihm ein furchtbarer Gedanke.
Da schüttelt er auf einmal den Kopf und schließt die Augen.
Versucht er, einen bösen Gedanken abzuschütteln?
Er beißt sich auf die Lippe.
Soll ich nachfragen?

“Oh. Hm… Was… Was ist denn der Grund, wenn ich fragen darf?”
Er atmet hörbar tief aus und fährt sich mit der Hand über sein Gesicht.
“Hass.”, sagt er.
Seine Stimme klingt jetzt sehr heiser.
“Hass, Fanatismus und alter, verletzter Stolz.”
Wieder atmet er hörbar ein und aus und sieht mich direkt an.
“Wollen wir nicht vielleicht über etwas anderes reden? Ich glaube nicht, dass die Leute gerne über solche Dinge lesen würden…”

Ich nicke.
“Tut mir Leid. Ich wollte kein so trauriges Thema ansprechen.”
Schnell senke ich den Blick auf den Zettel vor mir.
Ein anderes Thema wäre jetzt wohl gut.

“Es ist schon in Ordnung. Du konntest es ja nicht wissen… außerdem gehören Trauer und Schmerz genau so zu unserem Leben wie die schönen Erinnerungen – kein Grund also, sie zu verdammen.”
Ich traue mich und hebe den Blick wieder, um ihn anzusehen.
Ein schwaches Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht.

“Trotzdem sollte man sich nicht nur auf die traurigen Erinnerungen konzentrieren. Hast du eine Lieblingsspeise?
Ja. Das ist ein neutrales Thema… Das ist besser.
Ich schaue in sein Gesicht… Entweder ich bilde es mir ein oder er sieht schon wieder etwas fröhlicher aus.
Ich hoffe auf Letzteres.

“Meine Lieblingsspeise ist ohne Frage der Festtagsbraten meiner lieben Freundin Kehla.”, sagt er überzeugt.
Sein Magen scheint davon ähnlich überzeugt zu sein, denn er meldet sich mit einem lauten Knurren.
Er schaut mich an – ist er etwa gerade ein bisschen rot geworden?
Ich bin mir nicht sicher, aber es kann sein.
Dann lacht er. Sein Lachen macht mich glücklich… Es ist viel besser als dieser traurige Ausdruck in seinem Gesicht.
“Ja, leider konnte ich den schon länger nicht mehr genießen”, fügt er hinzu und lächelt schief.

“Hm, du kannst dir auch gerne etwas zu essen bestellen.”, schlage ich ihm vor. “Das Essen hier ist ziemlich lecker… Wobei sie vermutlich nicht mit dem Festtagsbraten mithalten können.”
Ich lächle ihn an.
Die nächste Frage habe ich bisher fast jedes Mal gestellt.
“Dann eine klassische Frage… Mit welcher Farbe würdest du deine Persönlichkeit beschreiben und warum?
Irgendwie freue ich mich auf die Antwort.

Er scheint noch über das Essen nachzudenken.
“Vielen Dank. Das würde ich sehr gerne, aber ich fürchte, dass ich kein Kupfer mehr habe. Ich werde es mir also nicht leisten können.”
Ich glaube er ist nervös… Er beißt sich auf die Unterlippe.
“Was die Frage nach der Farbe angeht… Puh, schwierig. Darüber muss ich kurz nachdenken.”

Geld. Kupfer.
Die letzte Geschichte wurde erst kürzlich verkauft…
Es sollte also vielleicht…
Ich habe Mitleid mit ihm.
“Was möchtest du denn essen?”, frage ich dann ohne weiter darüber nachzudenken.
Ob das eine kluge Entscheidung war würde ich später schon herausfinden.
“Und… Lass dir ruhig Zeit. Es ist ja noch hell draußen.”

“Och… das wäre mir eigentlich gleich. Ich bin nicht wählerisch, aber irgendwas deftiges, warmes täte jetzt schon gut.”
Ich sehe, wie sein Blick in Richtung Theke geht.
Er hat wirklich Hunger.
“Vielleicht eine Suppe oder so…”, fügt er dann noch hinzu.
Er ist sehr bescheiden.

“Ich schaue mal, was es heute alles gibt… Gibt es etwas, was du gar nicht magst?
Ich lächle ihn aufmunternd an.

Der Gedanke an Essen scheint ihm ein breites Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Es ist schön, das zu sehen.
“Das… das ist sehr großzügig von dir Martha. Vielen, vielen Dank.”
Auf meine Frage hin schüttelt er den Kopf.
“Ich bin ein sehr genügsamer Esser, hol einfach irgendetwas.”
Sein Magen scheint ihm zuzustimmen, denn ein erneutes Knurren ist zu hören.

Ich stehe auf und laufe zur Theke. Der Wirt blickt mich fragend an.
“Was gibt es zu essen?”
Er hebt eine Augenbraue.
Ich erwidere nichts darauf, sondern blicke ihn einfach nur an.
“Wildeintopf zum Beispiel. Ansonsten Suppe und Obst.”
“Wildeintopf.”, lautet meine Entscheidung.
Nach kurzem Zögern nickt der Wirt dann doch und verschwindet in der Küche.
Ich krame meinen Kupferbeutel heraus.
Ein paar Kupfermünzen und kleine Steine kullern heraus.
Ich lege die meisten Kupfermünzen auf die Theke und stecke die Steine und zwei Münzen zurück in den Beutel.

Die Geschichte wird mit Sicherheit auch oft und gerne gelesen… Dann sollte das alles kein Problem sein.
Ich warte also auf den Wirt und sein Essen.

Ein paar Augenblicke später stellt der Wirt mir eine Schüssel mit dampfendem Eintopf hin.
Ich drücke ihm die Kupfermünzen in die Hand, die ich zuvor auf die Theke gelegt hatte.
Er mustert mich und wahrscheinlich muss er sich zusammenreißen, um darüber keinen Kommentar abzugeben.
Ich nehme die Schüssel entgegen.
“Danke.”, sage ich knapp und kehre zum Tisch zurück.

“Danke, Martha.”, kommt es jetzt von Yorik. “Der Segen der Mutter sei mit dir.”
Ich weiß zwar nicht genau, was er mir damit sagen will, aber ich freue mich, dass er jetzt etwas zu essen hat.
Er schnappt sich den Löffel und beginnt zu essen.
Ich beobachte ihn dabei.
Er ist wirklich hungrig.
“Mhm, das ist köstlich!”
Ich lächle.
Ja, das Essen unserer Taverne ist ziemlich lecker.

“Gerne. Nichts zu danken.”
Ich denke noch einmal über seine Worte nach.
“Der Segen der Mutter?”
Wäre schon interessant zu wissen, was er damit meint.
“Freut mich übrigens, dass dir das Essen schmeckt.”, füge ich dann noch hinzu und verstecke den Kupferbeutel wieder in meiner Tasche.

“Ja, es schmeckt wirklich sehr gut.”
Er lächelt mich an.
Ein Ausdruck ehrlicher Dankbarkeit spiegelt sich in seinem Gesicht.
“Und mit dem ‘Segen der Mutter’ meine ich den Segen Lavinias. Das ist die Göttin, der ich diene.”

Stimmt… Der Name sagt mir etwas.
“Ah, Lavinia… Das habe ich schon gehört. Eine der Göttinnen Engoniens, richtig?”
Ich hoffe, dass ich mir das richtig gemerkt habe.
“Ja. Die Taverne hat sehr gutes Essen.”, sage ich dann noch und blicke kurz verstohlen in Richtung des Wirtes.
“Ach genau… Die Frage nach der Farbe.”, fällt es mir wieder ein und ich wende mich Yorik erneut zu. “Sobald du eine Antwort kennst, kannst du sie mir ja nennen. Aber iss erstmal in Ruhe.”
Die Zwischenzeit nutze ich, um die Zettel in meiner Tasche zu sortieren.
Das muss schließlich auch gemacht werden.

“Genau.”, sagt er mit vollem Mund. Ich lächle vergnügt…
Dann hält er kurz inne – vermutlich, damit ihm beim nächsten Satz nicht das Essen aus dem Mund fällt.
“Sie ist die Göttin der Liebe, Hoffnung und Gnade. Herrin der Schönheit und des Herdfeuers.”
Er wirkt ganz begeistert von seiner Göttin.
Sehr faszinierend.
“Ihre Farbe ist das helle Blau des Himmels, und wenn ich ehrlich bin war ich zuerst auch versucht, dir das als Antwort zu geben… aber wenn ich ehrlich bin, ist meine persönliche Farbe wohl eher Grau… ein warmes Grau, mit leichtem Braunstich.”

Bei seiner Antwort muss ich unwillkürlich lächeln.
“Grau… Das hat bisher noch niemand geantwortet. Wie schön! Nicht rot, nicht blau. Eine sehr ehrliche Antwort, schätze ich.”
Ich freue mich darüber und nicke ihm zu.
Seine Antwort schreibe ich schnell auf, ehe ich mich der nächsten Frage widme.

Gibt es etwas, das du sammelst?
“Sammeln?”, wiederholt er fragend.
Er scheint über die Frage nachzudenken.
“Nicht wirklich… zumindest nicht gezielt. Aber ich habe in der Vergangenheit ein paar wunderschöne Dinge von Freunden geschenkt bekommen.”
Er legt den Suppenlöffel nieder.
Dann greift er sich in Richtung des Halses und zieht eine Kette hervor, um sie mir zu zeigen.
Das Material ist durchsichtig und geformt wie ein Wassertropfen.
Aber in diesem Wassertropfen befindet sich etwas…
Ich erkenne ein stachlige Pflanze mit lila Blüte.
“Diese Kette hier zum Beispiel habe ich von einer edlen Frau bekommen, der ich einmal geholfen habe… Eine Ritterin.”
Neugierig betrachte ich die Kette.
“Ich besitze auch einen Glücksstein, den mir eine befreundete Kenderin geschenkt hat… Und viele andere kleine Schätze.”, setzt er seine Aufzählung fort.
Eine Kenderin? Das Wort kommt mir doch auch bekannt vor.
“Es war nie meine Absicht, so etwas zu sammeln… Aber mit der Zeit haben sie sich einfach angesammelt… Und sie erinnern mit tagtäglich an all jene, die mir wichtig sind.”

“Der Anhänger ist sehr hübsch… Was hat die Pflanze zu bedeuten?”, frage ich ihn.
Und diese Kenderin?
“Eine Kenderin?”
Ich halte kurz inne, um nachzudenken.
“Ah! Oh! Eine Kenderin! Ja… Ich habe auch schon eine kennengelernt! Glückssteine aso. Sie scheinen alle ganz viele Sachen bei sich zu tragen.”
In Gedanken an Anders muss ich lächeln. Es stimmt mich fröhlich. So eine fröhliche Person!
“Das sind doch sehr schöne Sammelstücke! Vor allem, wenn Erinnerungen daran hängen. Auch, wenn es eher eine ‘ungewollte’ Sammlung ist.”

Jetzt grinst Yorik mich an.
“Ja, Kender sind schon etwas ganz besonderes, nicht wahr?”
Er lacht und versteckt die Kette wieder unter dem Stoff seiner Kleidung.
“Die Pflanze ist eine Distel. Das Wappensymbol der Ritterin, von der ich sprach. Sie hat mir den Anhänger als Zeichen ihrer Dankbarkeit geschenkt und ich halte ihn daher in Ehren… Genau wie all die anderen kleinen Stücke meiner ‘ungewollten’ Sammlung.”, erklärt er mir.
Dann nimmt er den Löffel wieder auf und isst weiter.

“Kender sind so fröhlich und neugierig!”
Wahrscheinlich klinge ich wirklich sehr begeistert.
“Ziemlich beeindruckend, finde ich.”, füge ich noch hinzu.
Dann schaue ich auf meinen Zettel.
Oh… Wirklich schon vorbei?
“Hm, das war tatsächlich auch schon die letzte Frage. Vielen Dank fürs Beantworten.”

“Das war es schon? Das ging ja schneller als ich dachte.”, sagt er und wirkt ähnlich überrascht wie ich.
“Ja… Die Anzahl der Fragen ist immer verschieden.”
Ich zucke mit den Schultern.
“Ich weiß aber gar nicht, warum.”, füge ich hinzu.
Aber dann lächelt er mich herzlich an.
“Es hat mich sehr gefreut. Aber bevor du gehst: Darf ich im Gegenzug dir eine Frage stellen?”
Was? Mir eine Frage stellen? Wieso?
“Es hat mich auch sehr gefreut… Und… Natürlich darfst du…”
Auch, wenn ich nicht verstehe, wieso.

“Wie geht es dir?”, fragt er und wirkt ehrlich interessiert.
“Gut.”, antworte ich knapp. Ich spüre, wie ich rot werde.
“Das freut mich. Dann gib gut auf dich acht, Martha, und vergiss nicht, dass deine eigene Geschichte mindestens genau so wichtig ist wie die der ‘Helden’, die du befragst.”
Ich schaue ihn erstaunt an.
Meint er das wirklich?
“Ich schreibe Geschichten über Helden… Aber ich werde wohl niemals selbst zum Held werden.”
Ich seufze kurz. Das wird nicht möglich sein. Schade eigentlich.
Dann lache ich auf. Ich will nicht verbittert wirken.
“Ist aber nicht schlimm. Dafür habe ich ja die Geschichten!”, füge ich also schnell noch hinzu.

Sein Blick wird auf einmal wieder ernster.
Habe ich etwas falsches gesagt?
“Sag das nicht! Heute hast du einem wildfremden, zerlumpten Bettler Gesellschaft geleistet und mit deinem letzten Kupfer dafür gesorgt, dass er etwas zu essen hat… für mich macht dich das auf jeden Fall zu einer Heldin.”
Ich werde das Gefühl nicht los, dass er es ernst meint.

Fröhlich lächle ich ihn an.
“Ich danke dir, Yorik. Dafür… Und auch für das Gespräch. Ich hoffe, dass sich die Lage in Engonien wieder entspannen wird.”
Und das hoffe ich wirklich.

Damit trennen sich unsere Wege bald wieder.


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