»Schütt da nicht zu viel rein!«, ermahnt mein Vater mich. »Sonst schäumt es über. Und ich weiß, dass du das nicht sauber machen willst.«

Ich grinse. Er hat Recht. Natürlich hat er das. Er ist immerhin mein Vater.

Der Brennkessel ist zu drei Vierteln voll. Ich höre auf, neuen Obstmatsch hineinzugießen. Mein Vater nennt das Maische. Aber Obstmatsch trifft es besser.

»Gut gemacht.«, lobt er mich. Sein Name ist Batius. Ich finde es komisch, dass er nicht wirklich ‚Papa‘ heißt.

Ich lege ein bisschen mehr  Holz in das Feuer, das unter dem Brennkessel lodert.  Mein Vater hat mir beigebracht, dass man nicht mit zu großer Hitze arbeiten sollte. Und daran halte ich mich.

Ich warte. Dabei spüre ich die Hitze des Feuers. Bald ist es soweit.

Die ersten Tropfen der klaren Flüssigkeit bahnen sich ihren Weg durch das Glasrohr.

»Riechst du das?«, fragt mein Vater. Das tut er jedes Mal. Als ob ich es jemals vergessen könnte.

»Das ist giftig, ich weiß.«, gebe ich zurück. »Aber… Weißt du, wie giftig das ist? Ich meine… Was passiert, wenn man das trinkt?«

Mein Vater blickt mich an. Ich kann seinen Blick nicht deuten. Er zögert. Aber er weiß es. Ich weiß, dass er es weiß.

»Nicht tödlich-giftig.«, erwidert er. Ich nicke langsam. Bin ich enttäuscht?

Mit einem Alter von acht Jahren sollte man nicht enttäuscht sein, wenn etwas nicht tödlich-giftig ist, nicht wahr?

Ich nehme das kleine Behältnis und schaue fragend zu meinem Vater. Er nickt.

»Aber nicht trinken, ja?«, vergewissert er sich.

Ich darf es behalten. Die ersten Tropfen „nicht-tödlich“.

In das neue Behältnis tropft nun langsam die richtige Flüssigkeit. Sie ist ebenfalls durchsichtig, stinkt aber nicht.

Wir warten und sehen der Flüssigkeit beim Herausrinnen zu. Dann beobachte ich, wie mein Vater an einem Ventil des Glasröhrchens dreht. Er verschließt es.

»Das, was jetzt da raus kommt, schmeckt nicht.«, sagt er. »Und es ist nicht giftig.«

Ich nicke. Nichts Spannendes also.

In meinen Händen halte ich noch immer das Gefäß mit „nicht-tödlich“. Es würde zu meiner Sammlung kommen.

»Na los, geh wieder spielen.«, sagt mein Vater und entlässt mich damit von der Arbeit. Es hat Spaß gemacht, doch jetzt gibt es etwas Wichtigeres zu tun.

»Danke, Papa.«, sage ich artig und verlasse den Raum.

Wenig später sitze ich draußen am Meer unter einer Palme. Es ist viel ungefährlicher, draußen zu spielen.

Vor mir liegt eine halbe Kokosnussschale.

Ich öffne das Gefäß mit „nicht-tödlich“ und schütte etwas davon in die Schale.

Und warte.

Nichts passiert.

Ich werfe einen Blick zum Himmel. Sterne. Ein Mond. Pure Dunkelheit. Ich kenne es gar nicht anders.

Wie wäre es mit Salzwasser?

Mit einem weiteren, noch leeren Gefäß schöpfe ich etwas Salzwasser aus dem Meer. Ich vermische es mit dem „nicht-tödlich“ in der Kokosnuss-Schale.

Vielleicht etwas Kalk? Ich bin mir nicht sicher. Immerhin bin ich erst acht Jahre alt. Woher soll ich schon wissen, wie das funktioniert?

Ich lege eine Muschel in das Gemisch. Natürlich ist die Muschel schon tot. Tiere quälen ist nicht besonders gerecht. Und außerdem brauche ich vermutlich sowieso nur Kalk.

Als wieder nichts passiert, beschließe ich, einfach zu warten.

Geduld ist eine Tugend und ich bin nicht besonders tugendhaft. Eigentlich gar nicht.

Ich erhebe mich und gehe wieder in die Hütte meiner Eltern.

Es ist dunkel – es ist immer dunkel auf dieser Insel.

Ich schlafe ein.

Als ich wieder erwache, zieht es mich hinaus. Hinaus aus der Hütte.

Meine Mutter arbeitet noch. Mein Vater vielleicht auch. Oder er schläft. Ich weiß es nicht genau. Aber es ist gerade auch nicht wichtig.

Ich gehe zum Strand. Die Kokosnussschale liegt noch dort. Doch etwas hat sich verändert.

Ich nähere mich. Das Wasser ist trüb, fast weiß.

Und die Muschelschale ist fort.

Das Experiment mit ein bisschen „nicht-tödlich“ ist geglückt.


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