~ Samhain ~

Langsam brach die Nacht herein.
Anastasya saß im Wald von Falkenhain.
Ihr Zuhause, ihre Heimat.
Heute war Samhain, das Fest der Toten.
Heute würden die Geister der Ahnen erwachen.

Es war eine neblige Nacht und der halbe Mond gab sich alle Mühe, den Wald zu erleuchten.
Anastasya ging auf eine Lichtung zu.
Es erinnerte sie an diesen Ort… An den Zufluchtsort, den man ihr erschaffen hatte.

An der Lichtung angekommen setzte sie sich in den Schnee.
Es tat gut, endlich wieder hier zu sein.
Weit weg von den Problemen und der Hitze des Südens.
Weit weg von allem Bösen.
Hier konnte sie ihren Göttern nah sein.

Aus ihrer Tasche nahm sie einige, kleine Kerzen heraus und entzündete sie.
Sie wärmten und spendeten Licht.

Anastasya mit Kerzen im Wald

© ロキ / Loki

~ Totenfest ~

Anastasya dachte über alles Vergangene nach.
Innerhalb der letzten zwölf Monde war so unfassbar viel geschehen.
Zum Julfest hatte sie Bjorn kennengelernt.
Nun war es bald schon wieder Julfest.

Sie dachte an all die Menschen, die sie kennengelernt hatte.
Nein, nicht nur Menschen. Auch Wesen.
Während der zwölf Monde hatte sie allein vier Katzenwesen kennengelernt. Dazu noch unzählige Elfen und sogar Dunkelelfen. Wobei „kennenlernen“ bei Letzteren nicht ganz stimmte. „Gesehen“ traf es besser.

Aber ging es bei diesem Fest nicht um die Toten?
Anastasya starrte in die Flammen der Kerzen.
Wen hatte sie verloren?
In den zwölf Monden hatte sie sehr viel Not und Leid erlebt.
Aber auch Freundschaft, Gemeinschaft und Vertrauen.
Und sie hatte getötet.

Waren es diese Toten, denen sie Samhain widmen sollte?
Nein, wohl kaum.
Immerhin tötete sie nur, wenn es einen guten Grund dafür gab.
Meistens hatten diese Feinde zuerst angegriffen.

Dann dachte sie über die Freunde nach, die sie verloren hatte.
Sie wollte diesen Tag ausschließlich ihnen widmen.

 

~ Der Mann ohne Glauben ~

Zuerst kam ihr Gin in den Sinn.
Der Mann ohne Glauben, der in den Katakomben unter dem Turm gestorben war.
Und zwar im Kampf.
Eine durchaus heldenhafte Tat – wie Anastasya fand.

Kurz schloss sie die Augen und sah den Augenblick wieder vor sich.

Gin lehnte an dem hölzernen Zaun vor dem Eingang zu den Katakomben.
Anastasya wunderte sich schon, warum er so lange dort lag, ohne, dass sich jemand um ihn kümmerte.
Was war mit den Heilern?
Wo waren sie hin?
Thorstain und Lord Baldur kamen zu Anastasya.
„Ist er tot?“, fragten sie sie.
Anastasya schüttelte empört den Kopf.
Wie kamen sie nur darauf?
Wieso sollte er tot sein?
Er war verletzt worden, ja, aber tot?
Nein, niemals!

„Er regt sich aber nicht mehr.“, widersprach Lord Baldur.
Anastasya schüttelte den Kopf und kniete sich vor den Körper von Gin.
Sie nahm seine rechte Hand in ihre beiden Hände und versuchte, den Herzschlag zu spüren.
Der Beweis, dass dieser Mann noch lebte.

Sie erstarrte, als sie nichts spürte.
Langsam ließ sie seine Hand wieder herunter sinken und lockerte den Griff.
Dann fasste sie an seinen Hals.
Konnte man den Herzschlag dort nicht noch besser erfühlen?
Sie musste es zumindest versuchen.

Die Haut am Hals war kalt, aber das konnte auch daran liegen, dass es ein kalter Tag war. Fast wie in ihrer Heimat.
Auch diesmal gelang es ihr nicht, Gins Lebensbeweis zu erfühlen.
Wieder erstarrte sie und begann, etwas zu zittern.
Dabei fror sie doch eigentlich nicht?
Noch einmal nahm sie seine rechte Hand.
Sie wartete.
Es kam ihr fast wie eine Ewigkeit vor, bis plötzlich eine Träne ihre Wange hinab floss.

Anastasya schlug die Augen auf.
Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.
„Heil Dir Odin, der Du so viele Masken trägst. Erinnerst Du Dich an Gin, den Mann, der ehrenhaft im Kampf gefallen ist? Ich habe Dich gebeten, ihn in die heiligen Hallen Walhallas zu bringen. Ich werde ihn niemals vergessen.“, sprach sie.

Ob auch sein Geist hier erwacht war?
Anastasya fühlte sich vollkommen ruhig.
Langsam sah sie sich um.
Und dann schien es so, als würde sie seine Anwesenheit tatsächlich spüren.

„Gin…“, sprach sie leise. Sie wollte keinen der Geister stören. „Ich hoffe, dass Du zufrieden bist in den heiligen Hallen. Ich hoffe, dass Du immer ausreichend Met genießen darfst und kämpfst an Odins Seite. Und ich danke Dir.“

Sie stellte eine größere, dunkelrot eingefärbte Kerze vor sich und zündete sie an.
Die Flamme züngelte.
Ganz so, als würde Gin mit ihr reden wollen.
Ob er es ihr verziehen hatte, dass sie ihn nicht hatte retten können?

Anastasya legte einen kleinen, länglichen Knochen vor die Kerze.
Der Knochen stammte von einem Fuchs, den sie erlegt hatte.

 

~ Der lebende Tote ~

„Die Toten…“, dachte Anastasya.
Und dann dachte sie an Akri.
Es war seltsam, weil sie ihn nur als Toten kannte.
Sie wusste gar nicht, wie er als Lebender gewesen war.
Zwar hatte der Mann mit dem Hammer gesagt, dass er auch ‚böse‘ und ‚grausam‘ sein konnte, doch Anastasya ließ sich davon nicht abschrecken.
Sie hatte schon weitaus grausamere Personen kennengelernt, da war sie sich sicher.
Außerdem mochte sie Akri.
Er hatte ihr geholfen als niemand anderes bereit gewesen war, ihr zu helfen.
Sie wusste gar nicht, wie er gestorben war.
Hatte ihn jemand umgebracht?
War er einen natürlichen Tod gestorben?
Oder war es ein Unfall?
Es interessierte sie, doch sie würde sich nicht trauen, ihn danach zu fragen.

„Heil Dir Odin, der Du so viele Masken trägst. Muss ich auch an Akri denken. An den Toten, der mir schon so oft geholfen hatte. An den Toten, der es immer schaffte, mich zu beruhigen. Ich weiß, er hat anderen Glauben als ich, aber ich weiß, dass es immer Du bist.“, sprach sie leise.
Würde auch der Geist von Akri hier erwachen?
Kannten sie dieses Fest der Toten überhaupt?

Wieder sah sich Anastasya um.
Normalerweise konnte sie über den Mann mit dem Hammer mit Akri reden.
Und über den Totenschädel selbst.
Es war seltsam, darüber nachzudenken, dass Akri wirklich einmal gelebt hatte.
„Akri.“, begann sie. Sie hoffte einfach, dass er sie hörte. „Ich danke Dir. Mann mit Hammer möchte nicht, dass ich so viel weiß, aber… ich bin froh, dass Du mir trotzdem erzählst. Ich hoffe, dass Magie anhält und du bei Totenschädel bleibst…“
Sie hatte vorher noch nie darüber nachgedacht.
Was war, wenn der Zauber sich irgendwann löste?
Was, wenn Akri irgendwann nicht mehr da war?
Dann war er wirklich tot.
Eigentlich wollte sie sich das gar nicht vorstellen.
Dieser Zauber verlieh ihm große Macht.
Er war sozusagen unsterblich… Zumindest irgendwie.
Zumindest solange, wie der Mann mit dem Hammer lebte.
Und was würde passieren, wenn der Mann mit dem Hammer starb?
Dazu hatte er einmal etwas gesagt.
Vermutlich würden beide sterben…
Auch das wollte sich Anastasya eigentlich gar nicht erst vorstellen.
Also schüttelte sie langsam den Kopf und verwarf diesen Gedanken wieder.

„Hab Dank.“, wiederholte sie leise, nahm eine weitere, dunkelrot gefärbte Kerze in die Hand und zündete sie an.
Dann stellte sie die Kerze vor sich.
Auch sie flackerte etwas.
Natürlich wusste Anastasya, dass das Flackern auch der Wind gewesen sein könnte, doch sie stellte sich gerne vor, dass auch Akris Geist hier war und ihr zugehört hatte.

Auch vor diese Kerze legte sie einen kleinen Knochen des Fuchses.
Sie fragte sich, wann sie Akri wohl wieder sehen würde.
Er war der einzige der Toten, bei dem sie sich das fragen konnte.
Aber in Walhalla würde sie auch Gin wiedersehen… Denn eines Tages würde auch ihre Zeit gekommen sein.

 

~ Der geopferte Jäger ~

Ihre Gedanken schweiften über zu Breeg.
Breeg Ân Khun.
Was war mit dem echten Breeg passiert?
War er wirklich gestorben?
Hatten sie all diese anderen Menschen angelogen?
War es nicht nur das Blut, sondern auch sein Leben, das er gegeben hatte?
Es sah ganz danach aus…
Denn dieses andere Wesen… Dieses Wesen aus der Spiegelwelt, das sich Breeg Ân Khun nannte, war nicht Breeg.

„Heil Dir Odin, der Du so viele Masken trägst.“, begann sie. „Ich weiß nicht, was mit Breeg geschehen ist. Ich habe Angst, dass er tot ist. Hat Ritual ihn getötet? Ich weiß es nicht, Odin. Ich hoffe, dass Du ihn in die heiligen Hallen Walhallas gelassen hast.“
Die Hoffnung, dass er noch am Leben war, lebte zwar noch in ihr, doch sie fürchtete, dass die Hoffnung vergebens war.
Erfahrungsgemäß starb die Hoffnung ja immer zuletzt.

„Breeg. Ich hoffe, dass Du mich nicht hörst. Denn wenn Du mich  nicht hörst, dann weiß ich, dass Du noch lebst. Dann kann ich Dich finden. Bist Du irgendwo dort draußen? Und wenn nicht, dann tut es mir Leid… Tut es mir furchtbar Leid. Bin ich Schuld. Habe ich mit Runen das Ritual aufgeladen… Habe ich dafür gesorgt, dass Du jetzt nicht mehr da bist.“, sprach Anastasya leise.
Sie konnte nicht verhindern, dass eine erneute Träne über ihre Wange lief.

Sie nahm die dritte, dunkelrot gefärbte Kerze, stellte sie neben die anderen beiden und entzündete sie.
Erwartungsvoll starrte sie in die Flamme.
Nichts.
Sie bewegte sich nicht.
War das ihre Antwort?
Hieß das, dass Breegs Geist hier nicht anwesend war?
Und war das wiederum ein Hinweis darauf, dass er noch lebte?
Sie musste es einfach hoffen.

So saß Anastasya im Kreis der Kerzen.
Sie hatte in kurzer Zeit so viele neue Freunde gewonnen….
Und selbst jetzt, in der tiefsten Dunkelheit und mitten im Schnee fühlte es sich nicht so an, als ob sie alleine wäre.
Sie wusste, dass ihre Freunde bei ihr waren.
Auch, wenn sie bereits gestorben waren.
Und was sie auch wusste, war, dass nach jeder noch so kalten und dunklen Nacht immer wieder ein Morgen kam.

 


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