Es war noch dunkel, als ich das Castell verließ.
In der Nacht hatte ich kaum schlafen können.
Dieser Traum…
Ich konnte einfach nicht länger hier bleiben.
Breeg.
Irgendetwas war passiert.
Wieso sonst hätte ich von ihm geträumt?

Ohne jemanden zu wecken oder jemandem Bescheid zu sagen, hatte ich die Burg verlassen.
Ich musste raus aus diesem Land.
Ich musste Breeg finden.
Irgendetwas stimmte nicht…
Es musste etwas geschehen sein.

Nach einigen Tagen erreichte ich endlich die Grenzen der Terra Incognita.
Doch diesmal war Jespar nicht dabei.
Diesmal hatte ich keine Berechtigung, das Land einfach so zu verlassen.
Also suchte ich mir einen Wald, der in der Nähe der Grenze lag.

Es war recht steil und so musste ich teilweise klettern.
Sie machten es einem wirklich nicht leicht, das Land zu verlassen.
Doch ich wollte und musste…
Ich musste Breeg finden.

Ich ignorierte die Müdigkeit und meinen schmerzenden Körper und lief einfach immer weiter.

Dann hatte ich es geschafft.
Die Terra Incognita lagen hinter mir.
Ich war wieder an sichereren Orten… Das hoffte ich zumindest.

Ich legte mich in einem Wald zwischen das Unterholz, wickelte mich in meinen Mantel ein und versuchte, einzuschlafen.
Glücklicherweise regnete es nicht.
Bald schlief ich ein. Ich träumte nicht.

Als ich wieder erwachte, war es bereits hell.
Wie viele Tage war ich nun schon gelaufen?
Wie lange war es her, dass ich im Castell Lazar gekämpft hatte?
Ich konnte es gar nicht einschätzen.
Ich schien jegliches Zeitgefühl verloren zu haben.

Als ich dem Waldweg weiter folgte, bemerkte ich, wie sich der Wald immer weiter lichtete.
Ob hier bald ein Dorf kam?
Sollte ich mir etwas zu essen kaufen oder weiter nach wilden Tieren suchen, die ich jagen konnte?

Die Frage beantwortete sich von selbst, als ich ein kleines Dorf erreichte.
Ich beschloss, mich etwas auszuruhen.
Am Markt kaufte ich etwas Met und Fleisch, doch irgendwie schmeckte es mir nicht richtig.
Es schmeckte anders als sonst…

Ein junger Mann kam auf mich zu.
Er trug viele Taschen bei sich und war völlig unbewaffnet.
„Anastasya?“, fragte er.
Ich nickte überrascht.
Woher kannte er meinen Namen?
„Ein Brief von Lord Cecil Ramirez Dyne“, sprach er und hielt mir einen Brief hin.
Ich sah zu dem Brief, dann wieder in das Gesicht des Mannes.
Lord Cecil?
Etwa der Lord Cecil?
„Habt Dank…“, gab ich verwirrt zurück und nahm den Brief an mich.
Der Mann verschwand wieder.

Ich setzte mich am Rande des Dorfes an eine Mauer. Von hier aus hatte ich nahezu alles im Blick. So konnte ich in Ruhe den Brief öffnen und lesen.

„Werte Anastasya,

Worte von Euren Taten an unserer Landesgenze, am Wolkenturm, erreichten mein Ohr.

Im Namen unseres Kaisers Konrad li Vahrym und im Namen unseres Volkes möchte ich mich bei Euch dafür bedanken, in der Stunde größter Not Seite an Seite mit unseren Soldaten gegen die Puppenspielerin gekämpft zu haben.

Vielleicht erinnert Ihr Euch an Xerxes Chelius, den Knappen Sir Baldurins?
Auch seine Taten blieben nicht unbemerkt und so kommt es, dass der junge Xerxes nun seinen Ritterschlag erhalten soll.
Aus diesem Grunde ist es mir eine besondere Freude, Euch persönlich zu dieser Zeremonie einzuladen.
Der Ritterschlag wird in den Ruinen des Eldertals, dem Heiligtum unseres Reiches, vollzogen werden.

In der Hoffnung, Euch ebenfalls unter den Gästen begrüßen zu dürfen, verbleibe ich

mit besten Grüßen

Lord Cecil Ramirez Dyne
Zorn des Vahrymesischen Kaisers“

Eine Einladung?
Xerxes würde also zum Ritter geschlagen werden?
Was auch immer das genau bedeuten sollte…
Wieso „schlug“ man denn jemanden zum Ritter?
War „Ritter“ nicht so eine Art Rang?
Genau wie ihn diese Adligen hatten?
Was hatte das mit Schlagen zu tun?

Doch es schien etwas sehr wichtiges zu sein, also beschloss ich, der Einladung zu folgen.
Die Ruinen des Eldertals… Wo genau sollte das sein?
In Vahrym, so viel stand fest.
Ich kannte die grobe Richtung und vermutlich würde ich spätestens in Vahrym jemanden finden, der das Eldertal kannte.
Es klang wie ein sehr wichtiger Ort für alle Einwohner Vahryms.

Also machte ich mich auf den Weg.

Tagsüber folgte ich dem Stand der Sonne, Nachts den Sternen.
Lediglich in der Dämmerung gab es ein paar Augenblicke, in denen man sich nicht wirklich zurechtfinden konnte.
Der Moment, wenn die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden war, die Sterne sich allerdings noch nicht zeigten.
Ich lief weiter, immer weiter.

Das vahrymesische Reich lag vor mir.
Ich folgte den Wäldern, denn ich wollte nicht durch überfüllte Dörfer und Städte laufen.
Dort wusste man nie, ob man den Menschen trauen konnte.
Und im Wald fühlte ich mich einfach sicherer.

An einer kleinen Wiese vor einem großen Waldstück befand sich ein Brunnen, von dem ich Wasser trank.
Zwei Reisende kamen mir entgegen – ein Mann und eine Frau.
Sie waren unbewaffnet, stellten also keine Gefahr dar.

„Verzeiht.“, sprach ich sie an. „Wisst Ihr, wo Ruinen des Eldertals sind?“
Sie sahen mich an, schienen sich zuerst unsicher zu sein, ob sie es mir sagen wollen.
„Hier ist das Eldertal.“
Die Frau zeigte auf einen hölzernen Wegweiser.
Ich sah auf.
„Eldertal.“
Der Wald, der hier, direkt vor mir lag, war also schon richtig gewesen.
Ob Odin mich hierher geführt hatte?
Mit Sicherheit. Wer sonst sollte es gewesen sein?
Odin war immer da.

Der Weg führte mich direkt in den Wald. Es ging teilweise ziemlich steil bergauf und ich lief einfach immer weiter.
Vermutlich würde sich die Ruine irgendwo weiter oben befinden… Vielleicht auch am höchsten Punkt des Waldes.

Es war ein wunderschöner Wald, in dem ich mich befand.
Ich spürte starke Energien… Magie.
Der Wald musste magisch sein.
Aber es war keine böse Magie, keine dunkle Macht.
Es war angenehm, irgendwie.

Vahrym…
Wer würde noch bei dem Ritterschlag dabei sein?
Wer war noch eingeladen?
Würde ich bekannte Gesichter treffen?
Ich hoffte es.

Ich durchquerte den Wald weiter, aber blieb zwischendurch immer mal wieder stehen, um die Schönheit dieses Ortes wahrzunehmen.
Gerade jetzt, wo die Bäume des Südens ihre Blätter verloren, sah es einfach magisch aus.

Bald erreichte ich eine größere Lichtung…
Ich konnte die Ruine spüren, bevor ich sie sah.
Starke Macht ging von diesem Ort aus.
Es fühlte sich noch viel stärker an als beim Wolkenturm.
Und das, obwohl der Wolkenturm schon so voll von starker Magie war.
Was war das hier nur für ein Ort?
War ich hier denn überhaupt richtig?
Vielleicht gab es in diesem Wald mehrere Ruinen…

Ich lief um die Mauern herum und fand eine Art Eingang.
Vorsichtig näherte ich mich und blickte um die Ecke.
Ich war richtig.
Das hier mussten die Ruinen des Eldertals sein.

Die meisten der Anwesenden kannte ich.
Ich sah Batras, Lord Cecil und auch Xerxes.
Das war also wirklich der richtige Ort.

Ich lief auf Batras zu.
Es freute mich sehr, dass er auch hier war.
Die Gespräche mit ihm waren immer sehr unterhaltsam und interessant gewesen.

„Oh, hallo Anastasya.“, begrüßte er mich. Es wirkte so, als würde er sich auch freuen.
„Hallo Batras.“
„Hat Euch die Einladung auch erreicht?“
Ich nickte. „Da. War weiter Weg, aber ist sehr hübsch hier.“
„Ja, der Wald ist wirklich schön“, stimmte er mir zu.

Lord Cecil kam auf mich zu.
Er gab mir die Hand.
„Hallo Anastasya. Ich freue mich, dass Ihr hergefunden habt.“
Ich sah ihn an und war mir nicht sicher, was genau ich antworten sollte.
„Hallo. Da. Habt Dank!“, gab ich zurück.
Es machte mich nervös.
Immerhin war er eine sehr mächtige Person und… Ich wollte keinesfalls etwas Falsches sagen.
Es war ein ähnliches Gefühl wie in der Anwesenheit des Grafen…
Das Sprechen fiel mir sichtlich schwer.
„Gesellt Euch ruhig zu den Anderen. Die Zeremonie wird bald beginnen.“, sprach er und entfernte sich dann wieder von uns.
Ich sah mich etwas um.
Hier an den Holztischen standen die Personen, die ich auch schon vom Wolkenturm kannte.
Viele davon waren Krieger, manche Magier und Heiler.
Und natürlich Batras, der Alchemist.
Zwar kannte ich nicht jeden mit Namen, doch ich wusste, dass sie alle sehr hilfsbereit und freundlich waren.
Und die Krieger konnten gut kämpfen.

Soweit ich es sehen konnte, waren alle Anwesenden Bewohner Vahryms.
War ich etwa die Einzige, die nicht zu Vahrym gehörte?
Es sah ganz so aus.

Nach wenigen Augenblicken rief Lord Cecil uns zu sich.
Die Zeremonie würde beginnen.
Xerxes schien sichtlich aufgeregt zu sein. Er lief auf und ab und wartete, bis sich alle von uns zu Lord Cecil gestellt hatten.

Direkt neben Lord Cecil stand Sir Baldur. Der, mit dem ich auch schon oft gekämpft hatte.
Er war gut mit Thorstain befreundet, durch den ich das vahrymesische Volk erst kennengelernt hatte.

Wir stellten uns alle nebeneinander auf, sodass wir schräg zu Lord Cecil, Sir Baldur und einem weiteren Mann standen, dessen Namen ich mir nie merken konnte.
Die Zeremonie begann.
Xerxes stellte sich vor Lord Cecil, Sir Baldur und den dritten Mann.
Sie schienen die Zeremonie zu leiten.

Sir Baldur las aus einem Buch vor.
Nach jedem Satz wiederholte Xerxes die Worte.
Dann kamen zwei in schwarz gekleidete Männer und legten Xerxes nacheinander die Teile einer Plattenrüstung an.
Sie sagten, dass er ein ehrenhafter Mann sei und für das Volk kämpft… Und dies nun als Ritter tun soll.
„Kann einer der hier Anwesenden vortreten und dies bestätigen?“
„Ich kann es bestätigen.“. Ein Heiler, den ich vom Wolkenturm kannte, trat vor. „Ich habe schon oft gemeinsam mit ihm gekämpft.“
„Habt Ihr das vernommen, Lord Cecil?“, fragte Sir Baldur dann.
„Ich habe es vernommen.“, erwiderte Lord Cecil.
Lord Baldur trat vor und… verpasste Xerxes eine Ohrfeige.
„Möge dies deine letzte sein.“, sprach er und trat dann wieder zurück.
„Zieht eure Schwerter.“
Alle, die neben mir standen, zogen ihre Schwerter und hoben sie in die Luft.
Warum?
War hier ein Feind?
War das einfach nur ein Zeichen?
Wie sollte ich das verstehen?

Ich sah zu dem Schwert, das links an meinem Gürtel hing.
Dann sah ich zu den Menschen neben mir.
Manche nickten mir zu.
Sollte ich also mein Schwert auch ziehen?
Ich war verwirrt.

Doch weil sie weiterhin nickten, zog ich ebenfalls mein Schwert und hielt es in die Luft.
Es fühlte sich wirklich seltsam an.
Was tat ich nur hier?
Und warum?
Dann riefen sie etwas, alle gemeinsam.
Ich verstand nicht genau, was und so blieb ich einfach still und beobachtete das Spektakel.

Ich ließ meine Waffe wieder sinken.

„Ihr dürft den Ritter Sir Xerxes nun beglückwünschen.“
Die Ersten liefen los und gaben ihm die Hand oder umarmten ihn.
Ich sah verwirrt zu Batras.
„Was war das? Warum haben sie geschlagen ihn?“
„Er war der Knappe von Sir Baldur. Als Knappe wird man auch bestraft, wenn man etwas falsch gemacht hat.“, erklärte Batras mir.
„Ah! Also ist gut für ihn? Wird er nicht mehr gehauen jetzt?“
„Ja, genau.“
Ich nickte und bahnte mir den Weg zu Xerxes.
Genau wie die anderen Frauen umarmte ich ihn und wünschte ihm alles Gute.
Ob das richtig war, wusste ich nicht.
Ich hatte es den anderen nur nachgemacht.
Diese Sitten waren mir völlig fremd.

„Also dann, genießt das Essen und Trinken.“
Ich folgte Batras zum Tisch und nahm mir etwas von dem Fleisch.
Alle schwärmten, wie gut es doch schmeckte, aber für mich war es irgendwie anders.
Es war nahezu geschmacklos.
Wenn ich nicht ohnehin Nahrung gebraucht hätte, hätte ich es auch einfach nicht essen können.
Es hätte kaum einen Unterschied gemacht.
Nur verstand ich nicht, warum.

Thorstain rief mich zu sich.
Ich hatte ihn bei der Zeremonie gar nicht gesehen.
Oder hatte ich ihn einfach übersehen?
Ich war mir nicht sicher, aber ich folgte ihm dennoch.

Er erklärte mir, dass er gerne wieder zu den Göttern finden würde.
Nur wusste er nicht, wie.
Ich schlug ihm vor, ihnen einfach wieder zu vertrauen.
Odin würde das sicherlich anerkennen und sich ihm zeigen.
„Es sind kleine Zeichen.“, erklärte ich ihm. „Nicht etwas, wo du sagst ‚Ist Odin‘. Kleine Dinge. Kämpfe, die du überlebst oder Kräfte, die du entwickelst.“
Ich wusste nicht recht, wie ich es ihm erklären sollte.
Es war für mich nicht wirklich greifbar, doch Odin war immer da.
Er war immer bei mir.
Nur wie sollte ich das Jemandem, der verzweifelt war, nur erklären?
Es gelang mir vermutlich nicht wirklich gut.

Wir redeten noch eine Weile über alles, was ihm so widerfahren war und was ihn an den Göttern zweifeln ließ.
Ich hatte keine besonders guten Tipps für ihn. Nur, dass er Odin vertrauen sollte.
Dann dachte ich wieder an die Vampire vom Castell Lazar.
Ob Thorstain Vampire kannte?
Ich beschloss, ihn danach zu fragen.
„Ich habe davon gehört, aber noch keinen getroffen.“, war seine Antwort.
Also begann ich, ihm davon zu erzählen.
Ich erzählte ihm, dass nicht alle von ihnen böse waren und manche uns sogar geholfen hatten.
Ich erzählte von den Untoten und der Gruft und allem, was sonst noch vorgefallen war.
Thorstain war sichtlich verwirrt von dem Gedanken, dass nicht alle Vampire ausschließlich böse waren.

Während ich noch neben ihm stand, sah ich mich um.
Fast jeden der Anwesenden hatte ich schon einmal gesehen.
Nur einer kam mir überhaupt nicht bekannt vor.
„Thorstain, wer ist der Mann?“, fragte ich ihn und zeigte auf einen jüngeren Mann, der ein Gambeson trug.
Er sah aus, als würde er aus dem Norden kommen, doch ganz sicher war ich mir nicht.
„Ach das? Ragnar? Moment.“, gab Thorstain zurück.
„Ragnar! Komm mal her!“, rief er ihn dann.
Der Angesprochene sah auf und lief zu uns.
Er wirkte ein wenig zerstreut.

Thorstain stellte uns einander vor und wir sprachen etwas über seine Heimat.
Er kam tatsächlich aus dem Norden, doch von der Insel hatte ich noch nie etwas gehört.
In dem Gewässer, das die Insel umgab, ragten zahlreiche Gebirge wie Kronen heraus.
Die Beschreibung fand ich interessant und ich versuchte, es mir vorzustellen.
Wie kam man da nur vorbei?
Musste man die Boote so gut lenken können?
Das war wohl nichts für mich.
Ich war froh, dass Falkenhain am Festland lag.

Ragnar fragte mich nun auch, wo ich herkam.
Ich erzählte ihm etwas von Falkenhain, doch so wie ich es bereits geahnt hatte, kannte er den Ort nicht.
Dafür war mein Heimatdorf auch einfach zu klein und unbekannt.

Dann lief Ragnar wieder zurück zum Rest der Leute.
Ich war mir nicht ganz sicher, was ich von diesem jungen Mann halten sollte.
Aber immerhin war er ein Mann aus dem Norden… Ein Mann aus der Heimat.
Wobei ich ja schon erfahren musste, dass nicht alle Männer aus dem Norden „gut“ waren. Ich musste an die seltsamen Nordmänner vom Castell Lazar denken… Das machte mich noch immer wütend.

Sir Baldur kam zu uns und sprach mit Thorstain über die Zeremonie des Ritterschlages.
Ich verstand zwar nicht jedes Wort, doch sie sprachen scheinbar über die Ritter des vahrymesischen Reiches. Allem Anschein nach gab es lediglich zwei. Das überraschte mich, deshalb fragte ich nach.
„Wer ist zweite Ritter?“, fragte ich.
Sir Baldur sah mich lange an.
Ich verstand nicht, warum er nicht antwortete.
„Ich.“. Er klang enttäuscht.
„Ah… Also heißt ‚Sir‘, dass man Ritter ist?“, fragte ich nach. Das klang ganz sinnvoll.
Er nickte. „Genau.“
Etwas verwirrte mich aber noch. Ich wusste, dass Sir Baldur von manchen auch Lord Baldur genannt wurde.
„Und Lord? Seid Ihr nicht Lord Baldur?“
Wieder nickte er.
„Beides, genau.“
„Was ist Unterschied? Ist Ritter besser?“
„Hm, nicht wirklich. Aber ein Lord sitzt nur auf seinem Hintern und säuft…“, erwiderte er.
Ich warf einen kurzen Blick zu Lord Cecil, der etwas weiter weg bei ein paar Bäumen stand.
Das verstand ich nicht.
Lord Cecil war doch ein guter Kämpfer und ehrenhafter Mann.
Wie konnte das mit dem übereinstimmen, was Sir Baldur da sagte.
„Und Lord Cecil?“, fragte ich dann.
„Das trifft nicht auf jeden zu.“, fügte Sir Baldur hinzu. „Lord Cecil ist die rechte Hand des Kaisers.“
Ich hob meine rechte Hand und betrachtete die Finger.
Das verstand ich wiederum gar nicht.
Wie konnte ein Mensch die Hand eines anderen Menschen sein?
„Die rechte Hand ist die starke Hand, mit der man das Schwert führt.“, erklärte Sir Baldur. Er schien meine Verwirrung bemerkt zu haben.
Ich hob meine linke Hand.
Damit konnte ich doch auch eine Waffe führen?
Ich kämpfte mit beiden Händen.
War das so seltsam?

„Und wer kommt danach? Gibt es linke Hand von Kaiser?“, fragte ich.
Sir Baldur nickte.
„Das wäre dann ich.“
Dann sah ich zu Thorstain.
„Und du bist dann Fuß?“
Wieso stellte man so etwas überhaupt mit Körperteilen dar?
Was sollte das bringen?

Nach dem Essen unterhielt ich mich noch etwas mit Batras.
Wir beschlossen, etwas schießen zu üben.
Dazu hingen wir einen eisernen Helm über den Ast eines Baumes.
Dann fingen wir an, auf den Helm zu zielen und zu schießen.
Wir trafen einige Male, doch der Helm blieb am Baum.
„Wollt Ihr auch mal probieren?“, fragte Batras und hielt mir seine Armbrust hin.
Das hatte ich vorher noch nie gemacht.
Warum sollte ich es also nicht versuchen?
Es interessierte mich auf jeden Fall.

Batras zeigte und erklärte mir, wie man eine Armbrust nutzte.
Ich hörte es ihm zu und versuchte es dann selbst.
Zuerst fiel es mir ziemlich schwer, doch mit jedem Schuss wurde es etwas leichter.
Es gelang mir trotzdem nicht, den Helm auf dem Ast zu treffen.

Ich nahm also doch wieder meinen Bogen und versuchte, den Helm zu treffen.
Zusammen mit einer grünhaarigen Frau, die ich schon oft gesehen hatte, aber deren Namen mir stets entfiel, beschlossen wir, den Helm von dem Ast zu schießen.
Wir machten es uns zur Aufgabe, es zu schaffen, bevor die Dämmerung einsetzen würde.

Die Grünhaarige hatte sich den Bogen von Sir Baldur ausgeliehen und konnte so mitmachen.
Also schossen wir immer solange, bis uns die Pfeile oder Bolzen ausgingen.
Dann liefen wir gemeinsam los, sammelten alles ein und begannen von vorne.
Einige Male wackelte der Helm bedrohlich, doch er wollte und wollte nicht vom Ast fallen.

Vor allem die grünhaarige Frau und ich liefen immer ziemlich schnell zu den Stellen, an denen die Pfeile und Bolzen heruntergekommen waren.
Wir sammelten sie auf und brachten sie Batras mit; Laufen mussten wir ja ohnehin.

Batras kramte auf einmal in seiner Tasche und drückte uns Kupfermünzen in die Hand.
„Hier. Als Dank fürs Aufsammeln der Bolzen.“
„Habt Dank…“, erwiderte ich überrascht.
Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet, denn seine Bolzen mit aufzuheben war ja keine sonderlich schwere Aufgabe.
Und doch freute es mich sehr.

Während wir weiter und weiter auf den Helm schossen und wir merkten, dass die Dämmerung bald einsetzen würde, dachte ich über Castell Lazar nach.
Ich hatte sie einfach zurückgelassen.
Die, die sich immer um mich gekümmert und gesorgt hatten.
Und was war überhaupt mit Tahn?
Ich sollte ihn doch zu seiner Frau bringen…. Aber er hatte mich vergessen… Und das lag vermutlich an der Birne.

Mir fiel ein, dass er immer noch nach seinem Schwert suchte…
Also würde ich wohl nach Moordorf reisen…
Wenn er den Weg dorthin fand, dann musste ich etwas gegen diese seltsamen Geister tun, die ihn angegriffen hatten.
In der Dämmerung würde ich mich wohl auf den Weg nach Moordorf machen.
Doch nun galt es erst einmal, den Helm vom Baum zu schießen.

Also konzentrierte ich mich nun erst einmal wieder aufs Bogenschießen.
Ich war recht müde, doch es war auszuhalten.
Wir schossen und schossen immer wieder, holten die Pfeile und Bolzen zurück, schossen wieder.
Der Helm blieb an seinem Ort und langsam wurde es immer dunkler.
Den Weg durch den Wald musste ich in jedem Fall noch gehen.
Nur dort, an den tiefen Stellen des Waldes würde ich verstecke Orte finden, um sicher schlafen zu können.
Doch ich wollte auch diesen Helm noch unbedingt vom Baum schießen.

Der schwarzgekleidete Heiler lief zu dem Helm und sah ihn genauer an.
Dann hob er ihn an.
„Der hängt fest!“, rief er. „Der hat sich an einem Zweig verhakt!“
Wir hatten also eine halbe Ewigkeit umsonst geschossen.
Der Mann hob den Helm vom Ast und legte ihn wieder darauf.
„Versucht es nun einmal.“

Wieder schossen wir… Und der Helm fiel!
Wir freuten uns, es gemeinsam geschafft zu haben.
Doch ich beschloss, mich langsam auf den Weg zu machen.
Ich sammelte die Pfeile ein, nahm meine Tasche vom Boden und wollte mich verabschieden.
Da kam Lord Cecil noch einmal auf mich zu.
„Habt Dank, Anastasya, dass Ihr hier wart und der Zeremonie beigewohnt habt. Ich hoffe, es hat Euch gefallen.“
Ich nickte. „Da! Habt Dank für Einladung.“
Lord Cecil lächelte.
„Ihr seid hier immer willkommen. Wenn Ihr keinen Ort habt, zu dem Ihr gehen könnt… Kommt hierher. Wir haben genügend Platz. Das gilt natürlich auch für Eure Freunde.“
Das beeindruckte mich. Ich fühlte mich wirklich geehrt.
Doch mehr außer „Habt Dank!“ fiel mir nicht ein.

Ein paar der vahrymesischen Einwohner begleiteten mich noch ein Stück durch den Wald, doch bald verabschiedete ich mich und wir gingen getrennte Wege.
Moordorf war nun mein Ziel.
Doch es war noch ein weiter Weg, der vor mir lag.

 


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