»Was macht ein Seemann wenn er einsam ist? Was macht ein Seemann dann?«, singe ich, während ich vor dem Sarg stehe.

Eine seltsame Art von Boot, so viel ist sicher. Bestimmt einer von Stans Gebraucht-Särgen. Doch wie soll man ohne Boot durch den Sumpf kommen?
Schwimmen? Sicher nicht.
Also steige ich in den Sarg.

Eigentlich habe ich immer gedacht, niemals lebendig in einem Sarg zu sein. Doch jetzt finde ich es nicht einmal schlimm.

Im Inneren finde ich einen Skelettarm. Das perfekte Paddel.

»Dann küsst er Mädchen, so viele er nur küssen kann.«, singe ich das Lied weiter. Ein echter Ohrwurm.

Die Hand des Skelettarms verschwindet rhythmisch im Sumpf. Es fühlt sich an, als würde man durch Eintopf rühren.

Ich mag Eintopf.

Es dauert nicht lange, bis vor mir im Sumpf ein großer Schädel auftaucht. Kein echter, natürlich. Riesen existieren nicht. So viel weiß ich.

Der Kiefer des Schädels ist geöffnet und so paddle ich in den Mund dieses toten, künstlichen Kopfes.

Irgendwo hier soll der Eingang sein.

Doch ehe ich es schaffe, mich umzusehen, bewegt sich der Schädel. Der Mund schließt sich und ich werde nach oben transportiert.

Ich steige aus dem Sarg.

Regale voller Fläschchen. Ein paar Truhen. Flechtkörbe. Und ein Kronleuchter über meinem Kopf.

An den Wänden dazu noch lilafarbene Vorhänge.

Bin ich hier richtig?

Ich sehe einen abgedunkelten Bereich. Ist keine Menschenseele Zuhause? Dabei will ich doch nur mit der Frau sprechen.

Ich beschließe, mich etwas genauer umzuschauen. Auf kleinen Holztischen finde ich Totenköpfe, Garn und getrocknete Hühnerfüße.

Was man damit wohl alles anstellen könnte?

»Das macht ein Seemann dann und wann.«. Das Singen beruhigt mich.

»Oh ja, ein wahrer Seemann. Ich wusste, dass du kommen wirst, meine Liebe.«, erklingt auf einmal eine Stimme aus dem abgedunkelten Bereich. Die Stimme einer Frau.

Ich höre erst einmal auf zu singen. Offensichtlich eine wahre Wahrsagerin. Dann bin ich hier wirklich richtig.

Ohne zu Zögern laufe ich durch den abgedunkelten Bereich und finde mich in einem gut beleuchteten Raum wieder.

Auf dem Boden liegt ein bunter, runder Teppich. Die Wände sind mit hellgrünen Vorhängen ausgestattet. Zwei große Kerzen stehen wie zwei Türme neben einem großen Thron.

Und auf dem Thron sitzt sie – die Voodoo-Hexe, nach der ich gesucht habe.

Auf dem Gesicht der dunkelhäutigen Frau blitzt ein Lächeln auf.

»Ich habe dich erwartet.«

Ich nicke erfreut. »Gut«, sage ich und sehe sie erwartungsvoll an.
Wenn sie mich erwartet hat, dann wird sie doch auch wissen, was ich von ihr möchte.

Als ein paar Minuten nichts passiert, schlägt der Ohrwurm wieder zu und ich beginne, leise zu singen. »Was macht ein Seemann wenn er Sehnsucht hat-«

Die Voodoo-Frau lacht leise. »Und? Von welcher Krankheit möchtest du befreit werden?«, fragt sie dann.

Also doch keine perfekte Wahrsagerin.

»Ich bin nicht krank.«, widerspreche ich ihr und grinse.

Sie schaut mich jetzt genauer an. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr Blick mich durchbohrt. Tut er aber nicht.

»Die meisten Leute kommen wegen Krankheiten, Ohrwürmern oder Voodoo-Puppen. Du aber nicht.«, sagt sie dann.

Damit hat sie Recht. Ich mag meine Ohrwürmer.

Sie wirft einen Blick in eine Kristallkugel. Dann sieht sie mich wieder an. Sieht mich genauer an.

»Ich erkenne dich. Und ich weiß, was du möchtest.«

Ich grinse und weiß, dass sie mir helfen wird. Einfach, weil sie mir helfen kann.

Und so lernte ich die Voodoo-Frau kennen.


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