Von der Taverne zum letzten Meilenstein aus folgten Miguel und ich der Einladung von Ishin zu seiner Zeremonie. Er sollte zu einem Samurai ernannt werden und so wie es klang, war es für ihn eine sehr große Ehre.
Wir mochten Ishin und da wir ohnehin nicht wussten, wo als nächstes bezahlte Arbeit auf uns warten würde – am Meilenstein hatte es ja keine gegeben – gingen wir hin.
Der Weg führte uns durch dichte Wälder und ein paar kleinere Dörfer. Zumindest einen Teil des Weges kannten wir ja schon von unseren Reisen zum Wolkenturm, zu dem wir wohl nie wieder zurückkehren würden, denn beim letzten Mal war er eingestürzt. Das zumindest erzählten die Leute. Wir waren ja frühzeitig durch ein Portal getreten worden und hatten es selbst nicht miterlebt. Schade eigentlich, denn am Wolkenturm wurden wir stets für unsere Arbeit bezahlt.
In diesen Landen war es fast immer regnerisch und kalt – Regen kennen wir ja von unserer Heimat NeHemar, aber da ist es immer wärmer. Miguel war gar nicht begeistert – ihm setzte das kalte Wetter ganz schön zu. Trotzdem setzten wir unseren Weg fort.
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Wir erreichten eine Art Lichtung an einem größeren Teich. So oder so ähnlich hatte Ishin uns den Weg auch beschrieben. Offenbar waren wir fast am Ziel. Und dann sahen wir auch schon ein Gebäude, das ebenfalls zur Beschreibung passte. Wir traten also ein und sahen im Vorraum einige bekannte, aber auch ein paar unbekannte Gesichter. Aber Ishin war da, also mussten wir am richtigen Ort sein.
Wir begrüßten ihn und ein paar weitere bekannte Personen, darunter Batras, der Alchemist, den wir sowohl am Wolkenturm als auch bei den Rakhover Feldlagern getroffen hatten. Wir begrüßten ihn wie immer mit “Lange Tage und angenehme Nächte” – was man sich stets bei GRIMM wünscht. Batras überlegte einen kurzen Augenblick und antwortete dann völlig korrekt mit “Und mögen sie euch doppelt vergönnt sein.”
Miguel und ich waren kurz sprachlos – er war die erste Person außerhalb von GRIMM und NeHemar, die sich unsere Begrüßung gemerkt hatte.
“Beeindruckend”
Aber Batras war bereits mit einer uns fremden Person im Gespräch – er wollte später auf uns zukommen.
Während wir uns noch umsahen, hörte ich auch schon eine weitere bekannte Stimme – nämlich die Stimme von Diego. Mit ihm und seiner Mannschaft hatten wir schon oft zusammen gekämpft und sie hatten sich immer als sehr gute Mitkämpfer erwiesen. Außerdem hatte ihr Schiffarzt Hector uns schon mehrfach verarztet und damit vermutlich das Leben gerettet.
“Miguel, ich sehe ihn zwar nicht, aber ich höre, wer auch hier ist.”, machte ich Miguel darauf aufmerksam.
Er horchte kurz auf und grinste dann. “Ai, ich weiß, wen Du meinst.”
Doch im Tavernen-Raum – die Taverne hieß übrigens ‘Zum streichenden Eber’ – war es viel zu voll, weswegen wir nicht dazu kamen, ihn zu begrüßen. Es gab keinen guten Platz mehr, an dem ich den Überblick hätte behalten können, also stellte ich mich an das Geländer der Treppe. So hatte ich zumindest den Raum im Blick und konnte hören, wenn jemand oder etwas von unten kam. Nicht der perfekte Platz, aber besser als mitten im Raum.
Miguel stand an einem Stehtisch im Raum. Das war in Ordnung, ich hatte auch ihn im Blick und würde schnell genug bei ihm sein, wenn Gefahr drohte. Ich konnte den Großteil der anwesenden Gäste nicht einschätzen – es waren zwar ein paar Bekannte aus Vahrym da und ein paar Bekannte aus Wassenberg, aber Bekannte hieß nicht, dass ich ihnen blindlings trauen würde.
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Miguel besorgte Kaffee für uns und wir gingen die Treppe hinunter. Dort wurde ich positiv überrascht, denn einerseits fanden wir einen nahezu leeren Raum vor und andererseits hingen an der Wand Gemälde von hübschen Frauen in interessanten Posen. Miguel gab natürlich einen Kommentar dazu ab, aber ich betrachtete einfach nur die Zeichnungen und überlegte, welche mir am besten gefiel. Aber wie immer fiel mir diese Entscheidung schwer. Es waren einige sehr Hübsche dabei.
Am Ende des Raumes stand eine Tür zu einem kleineren Raum offen, hinter dem zwei Frauen saßen. Ich wechselte einen kurzen Blick mit Miguel, dann betraten wir den Raum. Er war fensterlos und ziemlich dunkel, nur erhellt durch ein paar bunte Lichter. Es wirkte ziemlich magisch auf mich und das, obwohl ich keinerlei Magie spüren konnte.
“Lange Tage und angenehme Nächte”, begrüßten wir die beiden gutaussehenden Frauen.
Sie begrüßten uns ebenfalls. Es stellte sich heraus, dass eine von ihnen eine Wahrsagerin war und verschiedene Dienstleistungen anbot – darunter das Legen von Karten und das Herausfinden, ob einem eine Prüfung bevorstand. Außerdem bot sie kleine Talismane an, die man Gaia oder der Natur opfern konnte.
Miguel lehnte sich an die Wand und lachte leise. “Kannst ja mal fragen, ob Du heute Nacht wieder alleine schlafen musst oder nicht”, witzelte er. Die Frau ging direkt darauf ein und versicherte mir, dass sie das herausfinden konnte.
“Mich interessiert beides”, überlegte ich. “Ob ich bald Arbeit habe und ob ich bald wieder nette Gesellschaft habe.”
Das schien kein Problem zu sein und das gefiel mir. Ich kramte also drei Kupfer aus meinem Beutel und setzte mich. Hoffentlich würden wir bald wieder bezahlte Arbeit haben, denn der Geldbeutel leerte sich langsam.
“Dann zuerst die Frage nach der nächtlichen Gesellschaft”, schlug sie vor. Vor ihr auf dem Tisch lagen eine Menge Karten – mit der Rückseite nach oben. Sie wies mich an, mit der Hand über die Karten zu gehen und die eine herauszunehmen, die ‘zu mir sprach’. Zwar sprach keine der Karten mit mir, aber ich wählte trotzdem eine aus.
Sie drehte sie um und erklärte mir die Bedeutung – auf der Karte waren ein Schwan und ein Kelch abgebildet.
“Sohn der Kelche”, sagte sie. “Ein gutes Zeichen. Ein Schwan geht eine lebenslange Partnerschaft ein”
Miguel lachte von der Seite. “Lach nicht!”, knurrte ich und boxte nach ihm. Natürlich nur sanft. Ich wollte ihm ja nicht wirklich weh tun.
Obwohl ich nicht glaubte, dass eine lebenslange Partnerschaft für mich in Frage kam, sah ich es als gutes Zeichen.
Sie sagte mir, dass ich wohl schon in den nächsten 1-3 Nächten angenehme Gesellschaft haben würde. Das fand ich gut.
Dann folgte die Frage nach der Arbeit. Sie fragte mich, ob ich mich als starken und ehrenhaften Krieger ansehen würde.
“Stark ja, ehrenhaft… nicht”, erwiderte ich. “An einer Monsterjagd ist nichts ehrenhaftes.”
Ich sollte meine Hände auf eine leuchtende Kugel legen und folgte ihrer Anweisung.
“Vielleicht kannst Du Dich ja doch als ehrenhaft erweisen”, sagte sie. “Es steht eine Prüfung bevor. Sehr bald. An einer Lichtung in der Nähe eines Teiches.”
Der Teich, an dem wir auf unserem Weg hierher vorbeigekommen waren?
“Ich glaube, ich weiß, um welchen Ort es geht”, sagte auch Miguel.
Wir bedankten uns bei der Wahrsagerin und wir verließen den kleinen Raum. Im Hinausgehen drehte ich mich noch einmal um und fragte nach ihrem Namen.
Kore, verriet sie mir. Ich sagte ihr auch meinen Namen – Olivier.
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An der Lichtung fanden wir zunächst nichts, also gingen wir noch einmal in den Tavernen-Raum und stellten uns wieder an den Rand, um alles im Blick zu haben. Da trat ein seltsames Wesen ein, ein bisschen menschenähnlich, aber irgendwie auch gar nicht. Das Gesicht war rot, aber am meisten fiel die Nase auf, die locker dreimal so lang war wie eine normale menschliche Nase. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Es hatte gerade erst den Vorraum der Taverne betreten, doch ich hatte eine Hand bereits am Streitkolben, die andere am Schlagring. Wenn es zu nah kommen würde, würde ich zuschlagen.
Miguel und ich beobachteten, wie es offenbar an dem ein oder anderen Gast zu schnüffeln schien. Mit manchen schien es auch zu sprechen, doch in der Taverne war es so laut, dass wir nicht hören konnten, worum es ging.
Doch schließlich näherte sich das Ding auch uns. Miguel blieb weiterhin ziemlich ruhig, aber darin war er schon immer gut gewesen. Es stand jetzt genau vor Miguel – es war größer als er – und die lange Nase schien an ihm zu schnuppern. Und es sprach. Sagte etwas wie “so viele Menschen hier, keiner ehrt die Natur” oder so ähnlich… Das erinnerte mich an die Wahrsagerin, die unten irgendwelche Ehrungen für die Natur verkaufte.
Dann näherte es sich auch mir, es schnupperte an mir. Fürchterliches Geräusch. Meine rechte Faust war bereit, wenn es notwendig sein würde. Ich durfte aber nicht zu früh angreifen, ich durfte nicht den ersten Schritt machen.
Es sagte noch irgendetwas zu Miguel, kam ihm wieder nah. Ich weiß nur noch, dass ich es als bedrohlich empfand. “Wag es Dich”, hatte ich geknurrt und das Wesen mit meiner Faust etwas zurückgeschoben. Mir gefiel nicht, dass es so nah kam.
Doch dann entfernte es sich wieder.
Wir gingen noch einmal die Treppen herunter und befragten die Wahrsagerin zu dem Wesen. Miguel beschloss, einen Talisman für die Natur herzustellen und als er fertig war, sagte die Wahrsagerin, dass unsere Prüfung nun unmittelbar bevorstehe.
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Wir liefen wieder in Richtung Wald zur Lichtung am Teich… Und dort stand das Wesen, das vorhin in die Taverne gekommen war. Es trug eine Waffe bei sich. Ich blickte zu Miguel, aber der wirkte nach wie vor entspannt. Ich holte tief Luft und behielt die linke Hand an meinem Streitkolben. Was für Schwächen hatte dieses Wesen? Und war das die Prüfung?
Doch dem Wesen schien es um etwas anderes zu gehen. Es stellte sich als “Tengu” vor, als einen Waldgeist, einen Beschützer des Waldes. Und ihm gefiel nicht, was die Menschen mit seinem Wald angestellt hatten. Zu viel Holz wurde abgehackt. Ich wusste nicht, wie wir da ins Spiel kamen, doch offenbar ging es auch nicht darum.
“Seid ihr ehrenhafte Krieger?”, fragte das Wesen dann.
Das musste ich verneinen. Beim Kampf gegen Monster gibt es keine ehrenhaften Kämpfe.
War das die falsche Antwort? Es war die Wahrheit.
Dann ging es noch um die Gier der Menschen. Es fragte, wieso.
“Geld”, antwortete ich. Das war immer so. Geld war immer der Grund. Vor allem für Gier. Das kannte ich ja von den Gassen in NeHemar.
Das Wesen wollte wissen, ob wir das Herz am rechten Fleck hatten und ob wir gut zur Natur seien. Auch das konnten wir nicht eindeutig beantworten.
“Ich werde niemanden aufhalten, der Bäume fällt. Aber ich werde auch nicht selbst mit der Axt in den Wald laufen, um Bäume zu fällen”, erwiderte Miguel darauf.
Der Tengu fragte mich dann das Gleiche – ob ich die Natur zerstören würde.
“Warum sollte ich?”, war meine Antwort.
“Was macht einen ehrenhaften Krieger aus?”, wollte der Tengu dann wissen. Auch das war keine gute Frage für uns – wir waren ja gar keine ehrenhaften Krieger, sondern Monsterjäger.
Wir sprachen über das, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Zum Beispiel, um die Familie zu beschützen. Das stimmte bei uns auch nur bedingt – weder Miguel noch ich hatten etwas für unsere echte Familie übrig – aber vermutlich ging es um mehr… Beispielsweise um GRIMM. Oder um NeHemar. Beides würden wir beschützen. Und das schien die korrekte Antwort zu sein.
Dann wollte er uns testen. Er zog seine Waffe – ein gebogenes Schwert. Ich riss meinen Streitkolben aus der Halterung am Gürtel und nahm den Buckler in die rechte Hand. Ich war bereit.
Miguel hingegen machte keine Anstalten, seine Waffe zu ziehen. Egal. Ich würde ihn mit beschützen, wenn es sein musste. Auch, wenn das ein doofer Kampf werden würde. Ohne Auftrag. Ohne zu wissen, ob das wirklich ein Monster war. Gefiel mir nicht wirklich.
Miguel sagte das auch.
Er würde nicht kämpfen, weil er keinem Monster gegenüberstand. Und das war offenbar ebenfalls die richtige Antwort.
“Hast Du Angst, wenn Du Deine Waffe ziehst?”, fragte der Tengu und sah mich dabei direkt an.
“Nein”, erwiderte ich sofort. GRIMM hatte mich gelehrt, stark zu sein.
Trotzdem war das nicht die ganze Wahrheit. Ich zögerte.
“Das ist eigentlich nicht ganz wahr.”, fügte ich dann noch hinzu. “Jedes Monster ist anders, Furcht hilft beim Vorbereiten.”
Früher hätte ich das sicher nicht zugegeben. Aber ich hatte viel dazu gelernt.
“Ihr habt ein gutes Herz und seid ehrenhafte Krieger. Die Prüfung habt ihr bestanden.”
Miguel wollte ihm noch den Talisman geben, den er bei der Wahrsagerin hergestellt hatte, doch der Tengu war wohl nicht der, der sie entgegennahm. Wir gingen also wieder. Da kam mir unser Mantra in den Sinn. Vielleicht hätten wir es dem Tengu ebenfalls sagen können?
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Wir liefen zurück, Miguel ging kurz rein, ich wartete draußen. Und sprach das Mantra:
Ich jage nicht alleine; wer alleine jagt, hat das Angesicht von GRIMM vergessen. Ich jage gemeinsam.
Ich führe die Waffe nicht mit meiner Hand; wer die Waffe mit seiner Hand führt, hat das Angesicht von GRIMM vergessen. Ich führe die Waffe mit meinem Verstand.
Ich töte nicht mit der Waffe; wer mit der Waffe tötet, hat das Angesicht von GRIMM vergessen. Ich töte mit meinem Herzen.
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Zurück bei der Wahrsagerin bestätigte sie ebenfalls, dass der Tengu uns als ehrenhaft angesehen hat und wir die Prüfung bestanden hatten. Und gab uns als zusätzlichen Schutz einen kleinen Waldgeist mit – etwas kleiner als daumengroß. Sie sagte noch, dass wir uns nicht wundern sollen, wenn er verschwindet und woanders wieder auftaucht. Das sei wohl normal. Und er würde uns schützen. Das klang gut. Wir bedankten uns.
Mehrere Personen hatten nach uns weitere Prüfungen beim Tengu. Spannenderweise mussten alle anderen gegen ihn kämpfen. Die Wunden waren tief, heilten aber sehr schnell wieder. Überall Magie. Offenbar. Aber davon verstand ich nichts.
Zwischendurch saßen wir draußen und sprachen mit Emily (was nicht ihr richtiger Namen war, aber wir schafften es nicht, ihren richtigen Namen auszusprechen). Sie kam wohl von einem fernen Ort, an dem es ähnlich kalt war wie hier. Klang spannend. Dort gab es auch Monster wie Kobolde und Trolle, die einer Plage glichen. Und Monster aus dem Wasser. Ich musste an unsere Einheit der Wellenmöwen denken – die Spezialeinheit für alle Monster an der Küste und im Wasser. Wäre für sie sicher spannend gewesen.
Als dann auch Diego die Prüfung beim Tengu hatte, beschlossen wir, von Weitem zuzuschauen. Wir würden Diego helfen, falls er in Gefahr geraten würde. Dabei sprachen wir ein bisschen über NeHemar und wie es vielleicht weitergeht. Wir hatten beide keinen guten Plan.
Er schien lange mit dem Tengu zu sprachen… Dann kämpfte er gegen den Tengu, schien aber nicht in Gefahr zu sein, also griffen wir nicht ein.
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Wir gingen in den unteren Raum der Taverne, in dem es ruhiger war und aßen etwas Bohneneintopf. Er erinnerte mich an unsere Heimat, denn er schmeckte ähnlich. Dazu hatte ich noch einen Maiskolben, den ich in den letzten Tagen gekauft hatte.
Miguel und ich aßen und sprachen über NeHemar, wie es Alfonso wohl geht und ob wir weiter auf eine Nachricht von Ricarda warten sollten.
Ich hatte gerade die Hälfte des Maiskolbens gegessen, als die Wahrsagerin uns ansprach.
“Verzeiht die Störung, aber da draußen scheint etwas zu geschehen. Es scheint gekämpft zu werden.”
Wir erhoben uns, ich legte meinen Rüstmantel wieder an und wir liefen raus.
Diego kämpfte gerade gegen eine schattenhafte Gestalt. Wir fragten nicht, sondern griffen direkt ein und versuchten, ihm zu helfen. Was das wohl für ein Geist war? Geister waren immer beschissene Monster – denn sie ließen nichts zurück, sodass es nie einen Beweis gab.
Doch die anderen Personen, die draußen standen, machten uns klar, dass der Kampf gegen Diego ein Duell war, das sich der Geist gewünscht hatte.
Wir zogen uns also wieder zurück.
“Duelle sind scheiße”, murrte ich, weil ich alles daran hasste. Duelle haben noch nie einen Sinn ergeben. Genau wie ehrenhafte Kämpfe. Aber egal. Diego würde das schon schaffen. Wir gingen wieder rein.
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Ich nutzte die Zeit, um meine Rüstung mit Öl zu reinigen.
Dann wurde der baldige Beginn der Zeremonie angekündigt. Ishin und ein weiterer Krieger würden zu Samurai werden – was auch immer das genau bedeutete. Ich wusste nur, dass es eine große Ehre war. Und wir würden dabei sein. Außerdem hatte Miguel ja auch etwas für Ishin mitgebracht.
Wir stellten uns mit etwas Abstand zu den anderen Leuten.
Die Zeremonie begann. Soweit ich das erkennen konnte, war eine Art Meister dort und ehrte nacheinander beide Krieger, ernannte sie zu Samurai. Der andere, den ich nicht so gut kannte, bekam auch eines dieser gebogenen Schwerter. Eines wie das, was Ishin Miguel geliehen hatte, um damit NeHemar von der Untoten-Plage zu befreien. Zumindest vielleicht. Sofern wir jemals wieder unsere Heimat sehen würden. Hoffentlich.
Der Meister verbeugte sich, kniete sich vor die beiden neu ernannten Samurai. Alle applaudierten. Schöne Zeremonie.
Ich musste an unsere Ausbildung denken.
“Interessant. Hätte es bei uns nicht gegeben”, sagte ich zu Miguel.
Miguel nickte. “Stell Dir mal vor, Corvin oder gar Ricarda hätten vor uns gekniet. Nie im Leben”, lachte er. “Es hieß eher: Geht da rein, kämpft gegen die Monster und wenn ihr lebend rauskommt, seid ihr Monsterjäger. Glückwunsch.”
So ähnlich war es damals abgelaufen.
Miguel und ich warteten, bis alle die beiden beglückwünscht hatten und sprachen dann noch einmal alleine mit Ishin. Miguel übergab ihm das Geschenk. Ich glaube, er hat sich gefreut und es wird nützlich sein – mehr schreibe ich dazu nicht auf.
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Wir setzten uns wieder nach unten. Hier war es ruhig und sicher. Oben fühlte ich mich zwischen den ganzen fremden Leuten einfach nicht wohl.
Ich nahm den Maiskolben und aß weiter. Es erinnerte mich an früher, an die Gassen. Da war ich froh, einen halben Maiskolben zu haben. Meistens war es eher weniger.
“Was für einen Plan hätten Deine Eltern für Dich gehabt, wenn Du nicht bei GRIMM gelandet wärst?”, fragte ich Miguel.
“Hm, keinen”, erwiderte er. “Was für einen Plan hat man schon für so einen Schandfleck?”
Ich seufzte. “Miguel, das stimmt doch gar nicht.”
Heute ging es ihm nicht so gut und das zeigte sich auch an seinem Gemüt.
“Ich dachte, Du wärst dann auch Adliger geworden”, überlegte ich.
“Hast Du schon mal einen adligen Echian gesehen?”, fragte er.
Ich zuckte mit den Achseln. “Ich kenne generell nur zwei oder drei Adlige, keine Ahnung.”
“Es gibt keine adligen Echian”
“Hm. Also hat Ricarda Dich auch gerettet?”, fragte ich.
“Kannst Dich eher bei Tulio bedanken, der hat mich mitgeschleppt.”
“Warum er wohl bei GRIMM ist? Weißt Du das?”
“Na ja, er liebt das Experimentieren. Bei GRIMM kann er das machen. Vielleicht deshalb? Aber ich habe ihn nie gefragt. Ich glaube, er hat noch eine Schwester.”
“Hm.”, erwiderte ich. Obwohl Tulio so offen über alles sprach, hatten wir über seine Vergangenheit noch nie gesprochen. Das musste ich irgendwann nachholen.
Irgendwann war der Maiskolben so gut wie leer, aber ich kannte das Spiel – man konnte unfassbar lange die kleinen Hülsen abnagen und es würde noch lange gut schmecken.
Bernardo – von Diegos Mannschaft – kam irgendwann zu uns. Eigentlich wollte er zu der Wahrsagerin, die aber gerade nicht in ihrem Raum war. Er wartete also bei uns und wir kamen ins Gespräch.
Er fragte nach Miguels Zähnen, wir erzählten von Echian… Und erfuhren dann, dass hier wohl auch ein Vampir herumlief. Eine Vampirin, um genau zu sein. Spannend. Davon hatte ich immer so viel gehört, aber noch nie mit eigenen Augen gesehen. Und auch heute sollte mir das Glück nicht vergönnt sein.
Hector, der Schiffsarzt von Diegos Mannschaft, kam später ebenfalls runter.
Wir sprachen über den Krieg, der in ihrer Heimat wütete und was ihre Pläne für die nächste Zeit waren.
Ser Nanoc von Wassenberg kam ebenfalls die Treppe herunter – die Wahrsagerin war wieder in ihrem Raum und nach und nach gingen sie zu ihr. Offenbar wollten sie noch weitere Talismane herstellen, von denen wir bereits einen aufgehangen hatten.
Als die drei gerade herausgegangen waren – ich knabberte immer noch an dem Maiskolben – kam Diego runter zu uns. Er setzte sich zu uns und wir sprachen über seine Heimat, den Krieg und über sein Schiff.
“Wenn man da oben ist bei all dem Essen, kann man sich wirklich nicht zurückhalten, da vergesse ich alle Manieren”, sagte Diego auf einmal. “Si, wenn man auf der Straße gelebt hat, nimmt man alles, was man kriegen kann.”
Das kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich sagte nichts dazu. Die Zeiten waren vorbei. Aber ich konnte sehen, wie ich aussah… Auf dem Boden sitzend mit einem abgekauten Maiskolben in der Hand. War vermutlich offensichtlich für jeden, der mich sah. Egal.
Miguel sah mich an und musste grinsen.
Diego sprach mich auch darauf an. “Oben ist die Tafel reich gedeckt. Ser Nanoc hat so viel Essen dabei, Zwiebelbrot, Schweinshaxe, soll ich irgendwas von oben mitbringen?”
“Nein, mir geht’s gut”, erwiderte ich und knabberte weiter am Maiskolben. Es beruhigte mich, etwas in den Händen zu halten und dabei etwas tun zu können. “Will nicht auf die Gnade von Adligen angewiesen sein”
Das schien Diego etwas aufzuregen, aber änderte nichts an meinem Entschluss. Ich würde mir sonst vorkommen wie ein Bettler. Und das war ich nicht mehr, sondern Monsterjäger.
Miguel und Diego unterhielten sich noch etwas über dies und das, ich lehnte den Kopf an die Wand und ruhte mich etwas aus. Immerhin hatte ich Zeit gefunden, meine Rüstung zu säubern. Und ich würde bald interessante Gesellschaft für die Nacht bekommen. Das waren doch gute Aussichten.
Später am Abend fragte Miguel mich noch, ob ich eines der Zeichnungen erwerben wollte. Wenn ich gewusst hätte, wann unser nächster bezahlter Auftrag sein würde, hätte ich das sicher auch gemacht. Aber so… Wer wusste schon, wann wir wieder Geld verdienen würden. Ich wollte mich nicht wieder fühlen wie früher, deshalb wollte ich mein Geld lieber beisammenhalten, bis feststand, wohin die Reise als nächstes gehen würde.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, wir blieben in der Taverne, um dort zu übernachten… Weiterhin ohne genauen Plan, wohin wir als nächstes gehen würden, aber immerhin mit einem Dach über dem Kopf.
¹ Angelehnt an Stephen King – Der dunkle Turm
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