Was zuvor geschah…

Tante Silva

Während mein anderer Bruder Alvari noch auf dem Weg von Falkenhain zurück nach Bärenfels ist, kümmert sich Artjom weiter um mich.
Ich bin froh, dass er mich nicht nach dem Mist fragt, den ich gebaut habe.
Er nimmt es einfach hin und gibt mir ab und zu Metka. Mittlerweile gefällt mir das wirklich gut. Allerdings verbietet er mir zu viele Schlücke. Ich verstehe das, weil mir davon schwindelig wird.

“Warum warst du überhaupt in Bärenfels, Anastasya?”, fragt mein Bruder mich während er das Fleisch zubereitet. In Bärenfels gibt es keinen großen Wald, in dem man selbst jagen kann. Er hat das Fleisch wohl beim Markt gekauft.
Ich schaue ihn an und senke den Blick. Ja, warum überhaupt?
“Da, wollte ich lesen und schreiben lernen von Tante Silva.”, erkläre ich ihm dann leise.
Er lacht.
“Ah, kann ich mir fast vorstellen, was passiert ist.”, sagt er. “Aber hast du gelernt, was du wolltest lernen?”

Ich nicke langsam.
“Da… Lesen habe ich gelernt. Schreiben kann ich auch.”, erwidere ich und verstehe nicht, worauf er hinaus will.
Und ich hoffe nicht, dass er sich denken kann, was passiert ist. Ich will nicht, dass es Jemand erfährt… Und ich habe Angst, dass meine Eltern es erfahren und enttäuscht sind.

“Ah, siehst du, Anastasya? Dann ist ja alles gut. Hast du gelernt, was du wolltest. Ist Tante Silva seeehr seltsam. Musst du verstehen… Oder nicht. Ist egal. Lohnt nicht, aufzuregen darüber. Kannst du Zeit besser nutzen.”, erklärt er mir, grinst und reicht mir die Metka Flasche. Ich nehme sie und trinke einen Schluck. “Zeige ich dir gleich Metka Brennerei in Bärenfels… Dann kennst du zweitwichtigsten Ort der Stadt.”
Ich schaue ihn an. Mein Hals brennt noch etwas von dem Schluck Metka.
“Was ist wichtigster Ort?”, frage ich.
“Na, hier natürlich!”, ruft er, stupst mich an und lacht.
Das bringt mich nun auch zum Grinsen.

Raus aus dem Viertel

Zusammen mit meinem Bruder verlasse ich das Haus und wir laufen weiter durch das Viertel der “Normalen”.
Mir gefällt es ganz gut, die Häuser sind nicht zu prunkvoll, aber auch nicht so kaputt wie im Armenviertel.
Dabei muss ich wieder an Igor denken. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen… Wie es ihm wohl geht?

Mein Bruder den Weg entlang und an den Mauern des Viertels vorbei. Er wirft dem Wachmann im Vorbeilaufen zwei Kupfermünzen zu. “Hier, kommen wir gleich wieder. Denkst du an dein Haus?”
Der Wachmann schaut meinen Bruder an und scheint zuerst protestieren zu wollen, schließt dann aber den Mund wieder.
Ich schaue meinen Bruder verwirrt an.

“Was…?”
“Ah, weißt du, haben wir ihm geholfen zu bauen sein Haus mit Holz.”, erklärt er mir und grinst. “Ist einfacher, aus Viertel heraus und wieder herein zu gehen wenn ist nicht so teuer.”
Er zwinkert mir zu.
Ich verstehe nicht einmal, warum wir das Viertel überhaupt verlassen. Unterhalb des “Normalen”-Viertels ist doch gar nichts mehr… Oder?

Als ich den Blick hebe und nach vorne schaue, sehe ich das Gebäude, das wohl unser Ziel sein muss. Es ist groß und rund und strohbedeckt.
Wir laufen an ein paar Feldern und Büschen vorbei bis hin zu diesem Gebäude. Es sieht hübsch aus… Und außergewöhnlich. Das gefällt mir.

Die Metka-Brennerei

Wir betreten das Gebäude.
Auf dem hölzernen Boden stehen lauter großer Holzfässer.
Durch den ganzen Raum strömt ein süßer Geruch… Der Geruch von Honig. Mir gefällt dieser Ort jetzt schon.

Ein älterer Mann steht an einem Fass. Er hebt den Blick als er uns hereinkommen hört.
“Oh, Artjom Solowjow.”, sagt er und ein Grinsen legt sich auf das faltige Gesicht.
Dann schaut er mich an. Unsere Blicke treffen sich für einen kurzen Moment.
“Hmm… Rote Haare. Etwa Torvis Tochter? Bist du Anastasya?”, fragt er und wirkt auf einmal total aufgeregt.
Woher kennt er mich und meinen Namen?
Ich bin etwas verunsichert und nicke langsam.
“Da, bin ich Anastasya.”
Er lächelt.

“Ahh, ist was ich schon dachte. Wollt ihr haben Metka, eh?”, fragt er dann und deutet auf ein Fass.
Ich schaue mich erstaunt um. Es sind so unglaublich viele Fässer.
“Ist alles Metka in Fässer?”, frage ich.
Der alte Mann lacht.
“Ah, njet! Versuche ich, auch anderes zu brennen, weißt du? Aber ist Metka viel und gut.”

Ich unterhalte mich mit dem Mann über meine Mutter Torvi.
Der Mann hat die Metka-Brennerei selbst gebaut und kennt meine Mutter aus zwei Gründen.
Der Erste ist, dass mein Vater und sie dem alten Mann beim Bauen geholfen und mit Holz versorgt haben.
Den zweiten Grund finde ich lustiger: Meine Mutter scheint seitdem recht häufig vorbei zu kommen, um Metka zu kaufen.
Das wusste ich noch gar nicht.

Alvari

Wir laufen zurück zum Haus meiner Brüder.
Artjom hat mir eine eigene Flasche Metka gekauft.
Als wir an dem Wachmann vorbei laufen, hebt er nur kurz den Blick, wagt es aber nicht, uns nach Kupfer zu fragen. Gut so.
Ich bewundere meinen Bruder dafür.

Im Haus schaut sich mein Bruder um.
“Alvari?”, ruft er. Dann wirft er mir einen Blick zu.
“Komisch. Ist Alvari noch nicht wieder da.”
Ein seltsamer Ausdruck formt sich in seinem Gesicht. Ich kann ihn nicht deuten.
Auf einmal lächelt er. Das verwirrt mich, denn ich dachte er macht sich Sorgen um Alvari.
“Ah, gehen wir suchen Alvari, eh? Dann können wir auch besuchen Mama und Papa, eh?”, schlägt er vor. Ich erstarre und schaue ihn mit großen Augen an. Nein. Das geht nicht!

“Ah… W-warum willst du suchen ihn? Ich… Kann auch warten hier.”, stammle ich, weil mir keine Ausrede einfällt.
Artjom bemerkt es natürlich sofort und schaut mich nachdenklich an.
“Was ist denn los mit dir, Anastasya? Willst du nicht nach Hause, eh?”
Ich schüttle reflexartig den Kopf. Mist! Das wollte ich gar nicht!

Auf einmal grinst er. “Ahhh, glaubst du, hast du zu großen Mist gemacht?”, fragt er dann. “Musst du nicht Angst haben. Ist Silva ein bisschen dumm… Versucht sie immer, Angst zu machen dir. War schon immer so.”
Ich starre ihn an. Das kann nicht stimmen.
“Ahh, halten Papa und Mama selbst nicht viel von Silva.”, fügt er hinzu und lacht. “Ist sie zu reich und zu überheblich, eh?”
“Da?”, frage ich ihn. Ich glaube es nicht. Aber… Wenn er recht hat?
“Ah, komm, Anastasya!”, sagt er. “Gehen wir zurück zu Falkenhain und wenn Mama oder Papa sind sauer, dann kommen wir zurück hierher. Dann bleibst du einfach wohnen hier… Und bekommst so viel Metka wie du kannst trinken.”
Er zwinkert mir zu und stupst mich an.
“Komm schon, lass uns gehen! Will ich wissen, wo Alvari ist!”

Ich bin zwar noch nicht wirklich überzeugt, aber ich widerspreche ihm nicht.
Irgendwie habe ich meine Eltern sehr vermisst… Und selbst wenn sie sauer sind, freue ich mich darauf, sie wiederzusehen.

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